Die Berliner Mischung ist ein politisches Zauberwort – für eine Stadt, in der unterschiedliche Kulturen und soziale Schichten friedlich zusammenwohnen, oft im selben Haus, sich dabei gegenseitig befruchten, kulturell und ökonomisch. Bedroht werde diese Mischung, so geht die inzwischen weithin geteilte Behauptung, durch die angeblich unkontrollierbare Globalisierung des Immobilienmarkts.

Und durch Ferienwohnungen, durch die seit etwa 2004 beständig steigenden Neuvermietungspreise, die seit 2010 um mehr als zwanzig Prozent gestiegenen Eigentumswohnungspreise. Gerade in den Innenstadtbezirken kämen so Mieter unter Verdrängungsdruck, der vom Staat noch verstärkt wird durch die mit Milliarden geförderte „energetische Sanierung“ von Häusern, in deren Folge viele die Miete nicht mehr zahlen könnten.

Die Berliner Mischung knüpft gedanklich an die Kreuzberger Mischung an. In den späten Siebzigerjahren wurden im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung Kreuzberg, Charlottenburg und Wedding zu Untersuchungsgebieten für Architekten, Stadtplaner und Soziologen.

Sie erkannten, dass die von Spekulanten bedrohten Mietshäuser der Gründerzeit mit größeren Wohnungen zur Straße hin, kleineren in den Seitenflügeln und Fabrikationsstätten in den Hinterhöfen etwas Besonderes waren, das es zu bewahren galt. Es ging dabei um mehr als die oft stark idealisierte Beschreibung eines Zustands. Die Kreuzberger Mischung war ein Kampfbegriff.

Für die Berliner Mischung gilt das heute genauso: Mehr als jede andere Metropole braucht Berlin die Durchmischung von Lebensformen. Sie ist der Motor, von dem der Aufstieg der Stadt angetrieben wird.

Die Berliner Mischung nun charakterisiert, und das wird viel zu wenig debattiert, nicht das Zusammenleben von Wohlhabenden und Armen, sondern die Spreizung einer breiten Mittelschicht, die noch in der Innenstadt wohnt. So dramatisch die Lage vieler mit geringem Einkommen ist – die Gefahr für die Zukunft der Stadt geht von dem Gentrifizierungsdruck auf Angestellte, Facharbeiter, kleine und mittlere Selbstständige aus.

Gerade das aber wurde seit den Neunzigern von den Senaten aller Couleur ignoriert: Die für die Breitenbildung so wichtige Zentral- und Landesbibliothek etwa wartet seit Jahrzehnten auf ihren Neubau, das Stadtmuseum ist fast unsichtbar geworden, die Stadtteilbibliotheken haben keinen Ankaufsetat mehr. All dies passt zu einer Wohnungsbaupolitik, die keine Rücksicht nimmt auf die Nöte von Menschen mit mittleren Einkommen.

Stattdessen wurde der Hochpreismarkt mit billigen Grundstücken wie am Friedrichswerder schamlos subventioniert. Und nun hat keiner eine Antwort, wie die Balance zu halten ist zwischen einer Gentrifizierung, die etwa Prenzlauer Bergs Kreativität fast ermordet hat, und dem nur dank reichlicher Subventionen überlebensfähigen Kreuzberger Kiez-Trotz, der jede Veränderung als Gefahr für die eigenen Geschäfte angreift.