Fast mediterran: Der Wohnhof LiMa von 1986 lädt mit seinen auskragenden Balkonen und einander zugewandten Fenstern zum Nachbarplausch ein.
Foto: Bernd Friedel

BerlinKnallrot leuchten an der mildgrau gewordenen, einst weißen Wand die hochrankenden Blätter. Töpfe mit Kräutern und farbigen Blüten stehen herum, Wäscheleinen spannen sich über eine Terrasse, Campinggrill und Balkonmöbel sind zu sehen, Kinderspielzeug liegt im Sand. Irgendwo dudelt Musik, man hört leises Gelächter und Geschirrgeklapper. Im Wohnhof LiMa in Kreuzberg herrscht Frühlingsstimmung. Eine junge Frau kommt aus einem der im Schatten gelegenen Zugänge zum Hof, eilt über den mit kleinem Pflaster belegten Weg. Wohnen Sie vielleicht hier, haben Sie kurz Zeit? Nein, tut mir leid, sagt sie, ich hab hier nur eine gute Abkürzung rüber zur Arbeit. Muss los. Aber schön ist es, nicht wahr? Sie zeigt auf eine herrlich blühende Rose, eilt weiter, verschwindet dann hinter einer matten Glastür. 

Ja, es ist wirklich schön im LiMa. Hier herrscht ein heimeliges, intimes Zu-Hause-Gefühl, wie in einem der mittelalterlichen Beginen-Höfe Flanderns oder in einer verschlafenen venezianischen Corte, in die sich Touristen kaum verirren. Benannt wurde die Anlage mit ihren ursprünglich 48 Wohnungen nach der Linden- und der Markgrafenstraße in Kreuzberg, zwischen denen sie liegt. Aus diesem Grund bietet sich der Gang durch den Hof als Abkürzung an, zumal die Glastüren zu den Treppenhauseingängen immer offen stehen. LiMa ist für einen privaten Wohnhof ziemlich öffentlich, wirkt mit seinen vielen logenartigen Balkons und Terrassen rundherum fast wie eine Theaterbühne.

Ein Wegbereiter der modernen niederländischen Architektur: Herman Hertzberger.
Foto: Nikolaus Bernau

Diese Vermischung der Sphären und Funktionen – im LiMa gibt es auch einen Gewerberaum, der heute für eine Kita genutzt wird – gehört zum Konzept des niederländischen Architekten Herman Hertzberger. Nach seinen Plänen wurde der Wohnhof LiMa zwischen 1984 und 1986 errichtet. Damals war es eines der am meisten debattierten Projekte der IBA 1987, der West-Berliner Internationalen Bauausstellung. Hertzberger ist einer der ganz Großen der Nachkriegsarchitektur, 1932 in Amsterdam geboren, seit dem Studienabschluss 1958 in einem eigenen Büro arbeitend. „Strukturalismus“ wurde eines seiner Schlagworte. Das Centraal-Beheer-Gebäude für die staatlichen Sozialbehörden, das von 1968 bis 1972 gebaut wurde, machte ihn schlagartig weltberühmt. Es ist ein Verwaltungsbau, in dem als „Inseln“ bezeichnete Balkone über Innenstraßen zu schweben scheinen. Sogar die Direktoren arbeiteten zusammen mit den Kollegen auf einer der „Inseln“. Es gab Cafés, keine Caféwagen mehr mit Bedienung.

Jeder Bau sollte als „Katalysator sozialer Beziehungen“ funktionieren, erklärt Hertzberger, den wir in einem Hotel am Hauptbahnhof treffen. Nur kurz, bevor er zu einer Rundfahrt durch das neue Berlin aufbricht. Das luxuriös steife Setting gefällt dem quirligen 88-Jährigen nicht besonders.

Auf Klatsch mit den Nachbarn ausgelegt

Dass die Niederlande bis heute einen so herausragenden Ruf in der Architektenwelt haben, liegt auch an Hertzberger, seinen Bauten, Vorträgen, Schriften. Für LiMa in West-Berlin entwarf er 1984 drei im Halbkreis angeordnete, dreigeschossige Trakte mit jeweils sechs Wohnungen, die sich zu den höheren Nachbarbauten aufstaffeln. Die verglasten Treppenhäuser sind zugleich Verbindungsräume zwischen Straße und Hof, die Balkone in den breiten Fassadenschlitzen so arrangiert, dass immer nur ein Teil von ihnen intim überdacht wird, der andere Teil aber für Klatsch und Tratsch mit den Nachbarn weit auskragt. Zentral war für ihn außerdem, dass die künftigen Bewohner mit arbeiten konnten am Ausbau – was die Mietkosten senkte und die Identifikation mit dem Projekt steigerte. LiMa wurde ihr Haus, nicht ein Haus.

Die Bewohner berichten, dass bis heute immer wieder Architekten aus Italien, den Niederlanden, Skandinavien oder den USA hier im Hof sitzen und fotografieren, sogar zeichnen. Doch als die Berliner Zeitung vor einigen Monaten beim Landesdenkmalamt anfragte, warum denn ausgerechnet diese Anlage im Unterschied zu so vielen anderen IBA-Bauten noch nicht unter Denkmalschutz stehe, kam eine sehr ausweichende Antwort: „Wir prüfen, wie viel Originalbestand zu sehen ist, welche kulturelle Bedeutung Hertzbergers Entwurf zugeschrieben werden kann.“ Und so weiter. Wenige Wochen später stand der Wohnhof unter Denkmalschutz. Sicher auch, weil der Originalbestand im LiMa bis hin zu den simplen Betonwänden, grauen Porotonsteinen, glitzernden Fliesen, schlanken Stahlgeländern, Holzdoppelfenstern oder Glasbausteinen phänomenal gut erhalten ist. Gerade dieser Materialmix war in der niederländischen Architektur der 70er- bis 90er-Jahre ein weit verbreitetes Motiv. Die Bewohner sollten bei aller räumlichen Beschränkung möglichst viel erleben können. In Berlin ist noch zu erleben, was bei einem vergleichbaren Bau in Frankfurt am Main bei einer rücksichtslosen Generalsanierung vor kurzem zerstört wurde.

Außerdem machte eine rührige Bewohnerinitiative Druck, lieferte die Unterlagen und die Begründungen, warum LiMa auf die Denkmalliste gehört, frei Haus. Sie machte auch klar, wie sehr dieses Projekt Teil der Wohnungsbaureform des 20. Jahrhunderts ist, und auch wie es eine neue Wohnungsbaupolitik inspirieren kann, in der kistenförmig abgeschlossene Zwei- bis Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen mit Vollglaswänden und viel zu kleinen Balkonen dominieren.

Als Hertzberger im Winter einen Vortrag in der Akademie der Künste hielt, feierten ihn gerade jüngere Architekten, die sich wieder intensiv mit sozialen Fragen auseinandersetzen.

In einer der höher gelegenen Wohnungen wohnt Gabriella Sarges, die die Bewohnerinitiative mitbegründet hat. Bücherregale, ein Sofa, ein Schreibtisch, eine vollgehängte Zettelwand. Hier sitzen wir mit der Architektin Inken Baller an einem netten alten Tisch im Wohnzimmer. Baller hat in den 80er-Jahren zusammen mit ihrem damaligen Mann Hinrich Baller am Fraenkelufer einige der interessantesten IBA-Bauten geplant. Gleichzeitig war sie die Kontaktarchitektin Hertzbergers und sorgte dafür, dass seine Ideen angemessen in deutsche Baurealität übersetzt wurden.

Eine architektonisch erzwungene Nähe

Das Licht fällt von zwei Seiten in die Wohnung, wie in klassischen niederländischen „Durchwohn-Häusern“: vom Eingang und Fenster her. Hertzberger wollte eigentlich, dass die Küchen direkten Kontakt zum Treppenhaus haben. Die Theke, hinter der gebrauchtes Geschirr clever verschwindet, wäre dann zugleich der Eingangsbereich. Baller berichtet noch heute belustigt, wie entsetzt die deutschen Baubehörden waren: Man könne doch nicht durch die Küche hereinkommen, wo bliebe die Privatsphäre, wo der Feuerschutz! „Es war ein Kampf“, erzählt Baller. Sie erreichte mit Hertzberger immerhin, dass nur ein kleiner und verglaster Eingangsflur entstehen musste. Durch den kann nun das Licht einfallen. „Die Behörden kannten das nicht, dass ein Bau so offen sein sollte, so wenig abgeschlossen. Auch bei den Balkonen und den Treppenhäusern mussten wir immer wieder dafür kämpfen, dass man auch hineinsehen kann. Das passte nicht in die deutsche Sozialbaunorm.“ So wenig wie der offene Grundriss, die Idee, das Schlafzimmer direkt neben der Küche anzulegen oder eine Terrasse gemeinsam mit dem Nachbarn zu nutzen.

Eine von der Architektur erzwungene Nähe, die, wie Sarges zugibt, das Leben auch prägt: „Man darf hier nicht kontaktscheu sein.“ Das sind die Bewohner offenbar auch nicht. „Der Architekt macht die Vorgaben für soziale Kontakte. Man muss, wenn man sein Haus, die Wohnung verlässt, in eine Gemeinschaft kommen, sich begegnen. Wir grüßen uns, wir wissen, dass wir da sind. Und manchmal trinkt man dann einen Kaffee zusammen, plaudert“, sagt Hertzberger dazu.

Wer hier einmal angekommen ist, bleibt, die Fluktuationsquote war schon vor dem Ansteigen der Mieten niedrig. Dabei ist LiMa mit derzeit 7,78 Euro durchschnittlicher Kostenmiete keineswegs billig, obwohl der Status als sozialer Wohnungsbau mit Zuzugsbeschränkung bis 2030 gilt. Christoph Lang, Pressesprecher der WBM, der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die die Anlage im Auftrag des Bezirks Kreuzberg 2018 erworben hat, konstatiert mit kaum verborgener Ironie: „Die Architekten haben beim Entwurf nicht primär niedrige Betriebskosten im Auge gehabt.“ Für ihn ist LiMa deswegen eher als Teil des sozialen Auftrags dieses Unternehmens – und als kulturelle Ergänzung zu den etwa 31.000 Plattenbauwohnungen aus DDR-Zeiten im Besitz der WBM. Sie sind bis in die letzte Küchenecke durchstandardisiert und zugleich auf die möglichst große Abschottung des Privatlebens geplant worden. LiMa ist das genaue Gegenteil: Hier sollen Individualismus und Gemeinschaftsgefühl zusammenkommen. Deswegen wollte Sarges, als sie vor vielen Jahren nach Berlin zog, genau in dieses und in kein anderes Haus ziehen.

Und wie entwirft man so etwas? Hertzberger sagt grinsend, man brauche „nur ein Leben an Erfahrung“.