Der Bau von bezahlbaren Wohnungen hinkt dem Bedarf hinterher.
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BerlinIn Berlin fehlen für Haushalte mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen rund 105.000 bezahlbare Wohnungen – und zwar ausschließlich für Alleinstehende. Für bestimmte Personengruppen wie Wohnungslose, Studenten und Geflüchtete ist zudem bis 2025 mit einem wachsendem Bedarf an leistbarem Wohnraum zu rechnen. Das geht aus dem Wohnraumbedarfsbericht hervor, den die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung jetzt veröffentlicht hat.

Der erstmals erschienene Bericht listet auf, wie groß das Defizit an Wohnungen für die sozial schwächsten Haushalte  ist. Allein rund 22.000 wohnungslose Haushalte benötigen danach eine eigene Wohnung. Bis zum Jahr 2025 werde sich die Zahl noch um jährlich rund 2200 wohnungslose Haushalte erhöhen. Um den absehbaren Bedarf an Wohnungen für Wohnungslose abzudecken und das jetzige Defizit abzubauen, würden rund 37.000 preiswerte Wohnungen für diese Menschen bis zum Jahr 2025 in Berlin benötigt.

Seniorenwohnungen in Berlin gefragt

Für Geflüchtete fehlen laut dem Bericht aktuell Wohnungen für 17.000 Haushalte. Bis zum Jahr 2025 sei damit zu rechnen, dass jährlich im Schnitt weitere 2000 Haushalte mit Fluchthintergrund eine Wohnung benötigen. Der Gesamtbedarf für diese Gruppe belaufe sich damit auf rund 33.000 Wohnungen bis zum Jahr 2025. Hierbei sei zu beachten, dass es zwischen der Gruppe der Wohnungslosen und der Geflüchteten „eine signifikanten Schnittmenge“ gebe. Der Wohnungsbedarf der beiden Gruppen dürfe deswegen nicht einfach summiert werden.

Für Seniorenhaushalte sowie für jüngere Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ergibt sich bis 2025 ein Bedarf von rund 116.000 weitgehend barrierefreien Wohnungen. Für Studenten fehlen schon jetzt preiswerte Wohnungen. Bis 2025 entsteht laut dem Bericht ein zusätzlicher Bedarf von 4000 preiswerten größeren Wohnungen für Wohngemeinschaften und von 12.000 preiswerten kleineren Wohnungen für ein bis zwei Personen.

Mehr Pflege- und Schutzplätze in Berlin benötigt

Rund 2000 junge Erwachsene über 18 Jahren, die in betreuten Einrichtungen der Jugendhilfe leben, suchen derzeit nach einer eigenen Wohnung, um auf eigenen Füßen zu stehen. Mittelfristig ist laut dem Bericht damit zu rechnen, dass sich die Nachfrage um rund 2500 Menschen erhöht. Prognosen zum Bedarf dieser Gruppe sind laut dem Bericht zwar nur eingeschränkt möglich, doch lasse sich festhalten, dass für sie mehr preiswerter Wohnraum benötigt werde. Ähnlich sieht es für Menschen aus, die an Demenz erkrankt sind. Bis zum Jahr 2030 ist laut dem Bericht davon auszugehen, dass die Zahl der Demenzerkrankten um rund 9000 Menschen auf 70.000 steigt. Es könne davon ausgegangen werden, dass dementsprechend mehr Pflegeplätze in Wohngemeinschaften geschaffen werden müssen. Schließlich fehlen in Berlin unter anderem noch mehr Schutzplätze für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, und für Menschen, die aus dem Gefängnis entlassen werden.

So dramatisch sich die Zahlen lesen, so merkwürdig erscheinen die Begleitumstände bei der Veröffentlichung des Berichts: Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat das vor mehr als einem Jahr in Auftrag gegebene Werk nämlich ohne jeden besonderen Hinweis veröffentlicht. Er wurde einfach auf die Homepage der Behörde gestellt. Auf die Frage nach dem Grund, erklärt die Behörde: „Der Wohnraumbedarfsbericht ist eine Arbeitsgrundlage neben anderen für die wohnungs- und mietenpolitischen Maßnahmen des Senats. Insofern wurde kein Bedarf gesehen, den Bericht auf einer Pressekonferenz“ oder ähnlichem vorzustellen. Der Bericht bilde erstmals den Wohnungsbedarf umfassend ab. „Insofern ist der Wohnraumbedarfsbericht eine gute Grundlage, um zu prüfen, ob die bereits umgesetzten wohnungspolitischen Maßnahmen ausreichend sind beziehungsweise nachjustiert werden müssen, oder ob es weiterer neuer Maßnahmen bedarf“, erklärt Behördensprecherin Petra Rohland.

"Schockierende Versorgungsquote“

Der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild, sagte zur Veröffentlichung des Berichts in aller Stille: „Der Senat will wohl keine offizielle politische Stellungnahme. Dann müssen wir sie abgeben.“ Besonders schockierend sei, dass bei der Versorgungsquote von Einpersonenhaushalten ein Defizit von 105.000 leistbaren Wohnungen ermittelt worden sei. „Für Alleinerziehende mit Kind unter 18 Jahren ist die Situation besonders prekär“, so Wild. Der private Markt – wie er sich über die Immobilienportale im Internet darstelle, biete praktisch keine Chance für diese Haushalte. Das sogenannte geschützte Marktsegment von Berliner Vermietern sei mit 2000 Wohnungsangeboten für alle besonderen Bedarfsgruppen nicht ausreichend. Der BMV trete für eine deutliche Ausweitung des gemeinwohlorientierten Sektors ein. Dazu werde eine neue Wohnungsgemeinnützigkeit benötigt, für die die Bundesregierung den Grundstein legen muss.   

Der Auftrag:

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat den Wohnraumbedarfsbericht auf Wunsch der rot-rot-grünen Koalition in Auftrag gegeben. Erstellt wurde das rund 150 Seiten starke Werk von einem privaten Institut.

Das Ziel:

Der Bericht soll Auskunft darüber geben, in welcher Größenordnung bezahlbare Wohnungen in Berlin benötigt werden. Die Kosten für den Bericht belaufen sich nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf 54 000 Euro.

Die Zahlen:

Der Bericht stützt sich teilweise auf den Mikrozensus 2014. Zwischenzeitlich wurden jedoch schon Zahlen aus dem Mikrozensus 2018 veröffentlicht. Die Angaben zur Mietbelastung sind deswegen teilweise überholt.