Berlin - In Großstädten fehlen weit über 1,9 Millionen erschwingliche Wohnungen – mehr, als bisher berechnet wurde. So lautet ein Ergebnis der bundesweiten Studie „Wohnverhältnisse in Deutschland – Mietbelastung, soziale Ungerechtigkeit und Armut“, die der Sozialverband Deutschland (SoVD) am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. Auch wenn Berlin in der Studie nicht gesondert betrachtet wird, betreffen viele der Aussagen grundsätzlich die Entwicklung in der Hauptstadt.

Mindestens 29 Prozent des Netteinkommens geht für die Miete drauf

Die Hälfte aller Mietshaushalte in Deutschland gebe mindestens 29 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Bruttokaltmiete aus, so die Studie. Besonders betroffen seien Haushalte mit niedrigem Einkommen, bei denen die Bruttokaltmiete etwa 40 Prozent der Monatsausgaben beträgt. Belastet seien in Städten vor allem arme Haushalte, Alleinerziehende, Haushalte mit Migrationshintergrund und mit über 65-Jährigen. „Die Miete macht über eine Million Haushalte in Großstädten so arm, dass ihr Einkommen nach Miete unter dem Regelsatz von Hartz IV liegt“, so die Studie.

Diskriminierung am Wohnungsmarkt

Durchschnittlich stünden armen Familien nur zwölf Prozent der Wohnungsangebote zur Verfügung – wenn man annehme, dass die maximale Mietbelastung 30 Prozent der Ausgaben betragen solle. Negativ-Spitzenreiter mit nur einem Prozent der Angebote seien Frankfurt am Main, Offenbach, München, Freiburg, Konstanz, Potsdam und Jena. Das Gutachten verweist auch auf eine DIW-Studie von 2013, der zufolge Haushalte von Personen mit Migrationshintergrund im Schnitt elf Euro mehr Miete zahlen als andere. Hier stelle sich auch die Frage nach einer „Diskriminierung am Wohnungsmarkt“.

25 Prozent der Wohnungen, in denen mindestens drei Personen leben, seien zu klein, sagt die Studie. Die Zahlen für den bundesweiten Vergleich stammen übrigens aus dem Mikrozensus Wohnen des Statistischen Bundesamtes von 2014, weil nicht alle Statistischen Landesämter in kürzeren Abständen Daten zur Miethöhe und Mietbelastung erfassen, wie der Autor der SoVD-Studie, Stephan Junker, erklärt. Zusätzlich wurden andere Studien ausgewertet, etwa eine EU-Befragung von 2015.

Soziale Spaltung in Städten

Neben der Miethöhe und der Überbelegung befasst sich das Kurz-Gutachten auch mit der „soziale Segregation“ – also der sozialen Spaltung in den Städten. Diese sei auch dort zu beobachten, wo es insgesamt genügend bezahlbare Wohnungen gebe, sich diese aber stark auf einzelne Gebiete konzentrierten.

Um die Probleme anzugehen, gibt es aus Sicht der Studie zwei Hauptrichtungen. „Die eine Richtung zielt auf Subventionen, die andere auf Marktregulierung“, schreibt Stephan Junker. Um dem Problem der sozialen Spaltung zu begegnen, müsse die Subjektförderung so hoch ausfallen, dass auch in den begehrten und somit oft teuren Lagen Wohnraum bezahlbar sei.

Aus Sicht des SoVD-Präsidenten Adolf Bauer muss die Politik mit einem umfassenden Investitionsprogramm für die öffentliche Wohnungsbauförderung gegensteuern. Dieses Programm soll nach Auffassung des SoVD insbesondere Wohnraum für mittlere und untere Einkommen schaffen. Zudem fordert der Verband die Bundesregierung auf, den sozialen Wohnungsbau entschlossener in die Hand zu nehmen. „Keinesfalls dürfen die Probleme am Wohnungsmarkt allein dem Kräftespiel der Wirtschaft überlassen werden“, so Adolf Bauer.

Wohngeld und Transferleistungen finden in Studie keine Berücksichtigung

„Richtige Diagnose, falsche Schlussfolgerung“ – mit dieser Zeile reagiert das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) auf die SoVD-Studie. Diese vernachlässige „staatliche Transferleistungen, insbesondere die Kosten für Unterkunft und Heizung, die Hartz-IV- und Sozialhilfe-Empfänger erhalten“, heißt es in einer Erklärung. Auch Wohngeld, das einkommensschwache Haushalte beziehen könnten, tauche in den Berechnungen nicht auf. Für eine Vertiefung der sozialen Spaltung durch steigende Mieten liefere die Studie keinen Nachweis.

Neben Subventionen und Marktregulierung müsse die Politik vor allem „den wichtigsten Aspekt“ beachten: „Um den Wohnungsmarkt zu entlasten, müsste es mehr Wohnungen geben.“ Der Bund könnte die Kommunen zukünftig stärker bei Infrastrukturinvestitionen unterstützen und damit auch neue Wohnbauprojekte an den Stadträndern und den Umlandgemeinden vorantreiben.