Erwachsen weiter bei den Eltern: Wenn man zu Hause einfach stört

Flügge, aber festgebunden – Kemal-Alp Sağkaya ist 21 Jahre alt und lebt mit drei Geschwistern bei seinen Eltern. Er sucht eine Wohnung, aber er findet keine.

Kemal-Alp Sağkaya
Kemal-Alp SağkayaSebastian Wells/OSTKREUZ

Es könnte so einfach sein. Am Kameradenweg in Lankwitz kommt Mitte September plötzlich so etwas wie Leichtigkeit ins Spiel. Der Tag ist sonnig, und auf dem Spielplatz toben Kinder. Kemal-Alp Sağkaya kommt die kleine Wohnstraße Hand in Hand mit seiner Freundin entlanggeschlendert. Vor den Blumenrabatten eines Hauses ganz hinten in der Ecke des umbauten Platzes bleiben sie stehen. „Hier wäre es richtig toll“, sagt Sağkaya und sieht seine Freundin an. Sie nickt wortlos.

Es könnte von diesem Augenblick an so weitergehen: Die Wohnung, die die beiden besichtigen wollen, ist noch nicht weg. Sie sehen sie sich an, entscheiden sich dafür und unterzeichnen einen Mietvertrag: ein junges Paar auf dem Weg in die eigene Zukunft. Ein kleiner Traum ginge in Erfüllung. Wenn nur nicht so viele Menschen in Berlin gerade genau den gleichen Traum verwirklichen wollten.

Erwachsen weiter bei den Eltern: Wenn man zu Hause einfach stört.
Erwachsen weiter bei den Eltern: Wenn man zu Hause einfach stört.Berliner Zeitung/Uroš Pajović

Es ist nicht einfach, in Berlin eine Wohnung zu finden, die gleichzeitig bezahlbar und zu haben ist. Das ist schon fast eine Binsenweisheit. Dabei haben die beiden jungen Leute die erste Stufe beim allgemeinen Rangeln um die wenigen günstigen Wohnungen, die Berlin zu vergeben hat, schon genommen. Sie sind zu einer Besichtigung eingeladen worden, von der Wohnungsgenossenschaft Neukölln. Die Wohnung ist für ein junges Paar geeignet, zwei Zimmer, Küche, Bad und bezahlbar: 495 Euro warm. „So was findet man ja kaum noch“, sagt Sağkaya.

Und auch sonst scheint alles zu stimmen. Ein Spielplatz für künftige Kinder ist schon da. Ein Kindergarten befindet sich um die Ecke. Dort arbeitet Sağkayas Freundin. Sie macht eine Ausbildung zur Erzieherin. Die Wohnstraße ist ruhig und grün, aber S-Bahn und Geschäfte sind in Laufweite. Alles scheint perfekt. Sağkaya möchte die Wohnung unbedingt. Er steht nämlich unter Druck. Er findet, er muss jetzt einfach raus zu Hause, raus aus der Wohnung seiner Eltern in Spandau. Denn dort wohnt er.

Für Kemal-Alp Sağkaya und seine Freundin geht es deshalb nicht einfach nur um eine Wohnung. Es geht auch darum, den bisherigen Zustand zu beenden. Der Enge zu Hause zu entfliehen. Endlich ein eigenes Leben als Erwachsener beginnen zu können. Die Möglichkeit zu haben, eine Familie zu gründen. Und nebenbei auch noch das Verhältnis zu den Eltern zu retten. Denn das leidet gerade mächtig.

Kemal-Alp Sağkaya wird im November 21 Jahre alt. Seine Freundin ist im gleichen Alter. Beide wohnen noch bei ihren jeweiligen Eltern. Sie haben sich schon vor einem Jahr für ein gemeinsames Leben entschieden. Es hat nur noch nicht angefangen und das geht ihnen zunehmend auf die Nerven.

Statistisches Bundesamt: Ein Viertel der 25-Jährigen bei den Eltern

Es ist schon häufig darüber berichtet worden, dass Kinder heutzutage länger bei ihren Eltern wohnen bleiben. Die jüngste Statistik dazu stammt aus dem Jahr 2020. In jenem Jahr lebte mehr als ein Viertel der 25-Jährigen in Deutschland noch im elterlichen Haushalt, wie das Statistische Bundesamt erhoben hat. Söhne ließen sich mit dem Auszug etwas mehr Zeit, teilte das Amt damals mit: Im Alter von 25 Jahren lebte noch gut jeder Dritte bei den Eltern. Bei den Töchtern war es gut jede Fünfte. Oft wird dann dazu gesagt, dass es an den bequemen jungen Leuten liege. Im Hotel Mama fühlten sie sich einfach allzu wohl.

Aber was, wenn es daran nicht liegt? Wenn es in Berlin schlicht unmöglich ist, eine für junge Leute bezahlbare Wohnung zu finden. Weil es einfach zu wenige davon gibt für all die Berliner, die gern eine hätten. Für junge Leute, die am Anfang einer Berufstätigkeit stehen oder sich noch in der Ausbildung befinden, ist es dann besonders schwer. Ihnen fehlen die wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Am mangelnden Willen scheint es bei Sağkaya jedenfalls nicht zu liegen und auch nicht daran, dass er noch nicht richtig flügge wäre und sich erwachsen fühlte. Im Gegenteil, er hat bereits ein eigenes Leben.

Sağkaya studiert in Potsdam. Er will Lehrer werden. Geschichte und Deutsch. Mittlerweile ist er im 5. Semester und schon bald fertig. Gerade arbeitet er an seiner Bachelorarbeit, denn er will so schnell wie möglich fertig werden. Dafür hat er sich den Stundenplan gerade so richtig vollgeknallt und belegt so viele Kurse wie möglich. Um ein Jahr habe er seine Studienzeit bereits verkürzt, sagt er. Im Master will er dann noch ein Jahr einsparen.

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Für den Lebensunterhalt sei ebenfalls gesorgt, sagt er. Große Sprünge kann er zwar nicht machen, aber eine günstige Wohnung wäre drin. Sağkaya bekommt Bafög. Nach dem Auszug bekäme er pauschal 922 Euro plus Krankenversicherung monatlich. Bis zu 600 Euro könne er maximal für die Miete ausgeben, sagt er.

Aber zu Hause kommt er trotzdem nicht raus. Weil er keine Wohnung findet.

Wie fühlt man sich, wenn man bei den Eltern wohnen bleiben muss, obwohl man gern sein eigenes Leben hätte? Ein Leben, in das keiner mehr reinregiert. Ein Leben, in dem man sich nicht fügen muss in die Regeln der anderen, sondern die Dinge machen kann, wann und wie man will. „Mies“, sagt Sağkaya. Seit Januar sucht er. Er hat seinen Namen auf die Wartelisten sämtlicher Wohnungsgesellschaften geschrieben, die ihm eingefallen sind. „Es ist jetzt dringend“, sagt er.

Denn die Lage daheim ist kompliziert. Sie kämen einfach nicht mehr miteinander aus, erzählt Sağkaya, er und sein Vater. „Das Verhältnis wird immer schlechter. Aber ich will nicht, dass es zerbricht“, sagt Sağkaya. Sie rangeln miteinander, ständig. Sağkaya hat das Gefühl, er störe in der Wohnung der Eltern.

Vielleicht liegt es an der Enge. Sie sind sechs Personen, die Eltern leben in der Wohnung und ihre vier Kinder. Kemal ist der Älteste. Er hat allerdings Zweifel, dass es an der zur Verfügung stehenden Fläche liegt, denn das seien immerhin 100 Quadratmeter. „Es ist nicht wirklich eng“, sagt er, auch wenn er keinen Raum für sich allein hat. Er sei das ja gewöhnt von klein auf. Er ist in dieser Wohnung aufgewachsen.

Der Vater ist herzkrank. Es gehe ihm nicht gut, auch psychisch, sagt Sağkaya. Die Eltern wohnen seit mehr als 20 Jahren in ihrer Wohnung in Spandau. Sie hatten schon mal überlegt umzuziehen. Aber es geht nicht. Sie könnten nicht mehr umziehen, sagt Sağkaya, dafür gehe es dem Vater zu schlecht.

Er wolle ja auch gerne Rücksicht nehmen, sagt Sağkaya. Aber es gebe dann doch immer wieder Streit. Er ist eben erwachsen. Hat seine eigenen Ansichten. Will sich nicht immer weiter unterordnen. Lankwitz würde die Situation entspannen, glaubt er.

Sağkaya auf dem Balkon der Lankwitzer Wohnung.
Sağkaya auf dem Balkon der Lankwitzer Wohnung.Sebastian Wells/OSTKREUZ

In Lankwitz streckt im zweiten Obergeschoss ein Mann den Kopf über die Balkonbrüstung. Ob sie die Wohnung besichtigen wollen, ruft er runter. Sie könnten jetzt raufkommen. Er ist der Hauswart und er wirkt recht entspannt, als die beiden die Treppe hinaufkommen. Jedenfalls hat er nichts dagegen, dass im Schlepptau des jungen Paares gleich noch zwei weitere Menschen mit in die Wohnung kommen – die Autorin dieses Textes und der Fotograf.

Die Wohnung wirkt hell, die Wände sind weiß, auch im Badezimmer. Es gibt einen kleinen Balkon. Kemal-Alp Sağkaya und seine Freundin spazieren durch die Zimmer. Kemal immer voran, seine Freundin folgt. Man kann an ihrem Gesicht ablesen, dass sie die Räume in Gedanken gerade möblieren. Bett und Schrank hierhin, Couch und Tisch dorthin. Der Hauswart lehnt in der Küche an der Wand und wartet. Es würden immer mal wieder Wohnungen frei, sagt er, als Sağkaya beteuert, wie gerne er und seine Freundin diese Wohnung hätten und wie geeignet sie wäre mit dem Kindergarten, der Arbeitsstelle also, um die Ecke.

Der Hauswart ist für den ganzen Block zuständig und erzählt ein bisschen vom Wohnen in den Häusern rund um den Platz. Es sei eine ruhige Wohngegend hier – wenig Stress, keine unangenehmen Mieter, alles überschaubar. Offenbar wählt die Verwaltung unter den Bewerbern gezielt aus, wen sie zur Besichtigung einlädt. Eine Mischung aus „älter“ und „jünger“ vielleicht. So hört sich jedenfalls an, was der Hauswart erzählt.

Sprung in die Selbstständigkeit

Für Sağkaya und seine Freundin wäre es in jedem Fall der gewünschte Sprung in die Selbstständigkeit. Dass sie, schon erwachsen, noch bei den Eltern wohnen, ist in der Region verbreitet. In Berlin und vor allen Dingen in Brandenburg wohnen besonders viele junge Erwachsene noch zu Hause. Berlin liegt deutlich über dem Bundesschnitt. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zu Brandenburg. Dort sind die Zahlen sogar fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Woran es liegt, sagt die Statistik leider nicht.

Das Thema wabert schon seit Jahren durch die Medien. Meist wird das Zuhause als Hotel Mama beschrieben, das die jungen Leute angeblich nicht verlassen wollen, weil es so bequem sei, wenn Mama weiter kocht und die Wäsche macht, während die erwachsenen Kinder die wirtschaftlichen Vorteile des Zu-Hause-Wohnens genießen.

In der Lankwitzer Wohnung.
In der Lankwitzer Wohnung.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Oft wird auch gesagt, dass das Verhältnis zwischen Eltern und ihren fast erwachsenen Kindern heute ein anderes sei als vor einigen Jahrzehnten, als die heutigen Eltern in derselben Lage waren wie ihre Kinder jetzt, kurz vor dem Absprung in die Selbstständigkeit eben. Das Verhältnis sei fast freundschaftlich. Der Drang zum Auszug falle weg.

Eine Bumerang-Generation ist erforscht und oft beschrieben worden, bei der die Kinder erst ausziehen und dann zurückkehren ins heimische Nest, oft mehrere Male hintereinander. Über erwachsene Kinder, die einfach bleiben müssen, weil es zu wenige bezahlbare Wohnungen gibt, findet man dagegen kaum etwas. Das ist ein relativ neues Phänomen.

Das macht es nicht weniger interessant. Vor- und Nachteile dieser Wohnsituation liegen auf der Hand. Wer zu Hause wohnt, braucht keine Mietverträge abzuschließen und spart sich auch die ganze übrige zeitverschlingende Bürokratie wegen der Nebenkosten, die Suche nach günstigen Anbietern, das Vertragsstudium, das Geradestehen für die pünktliche Abwicklung. Und vor allem muss man keine Verantwortung übernehmen. Das Zu-Hause-Wohnen spart natürlich auch Geld. Und Unterstützer und Gesprächspartner werden frei Haus geliefert.

Auf der Strecke bleiben Selbstständigkeit, Freiheit, Privatsphäre und das Ausprobieren einer neuen Lebenswirklichkeit. Meist müssen auch die Regeln und Pläne der Eltern befolgt werden. In jedem Fall haben sie das Hausrecht, und die Verteilung von Rollen und Abhängigkeiten ist eh klar. Wer sich das nicht freiwillig aussucht, sondern nur aus wirtschaftlichen Zwängen bei den Eltern wohnen bleibt, tut sich sicher schwerer damit.

In Gedanken schon möbliert.
In Gedanken schon möbliert.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Für Kemal-Alp Sağkaya kommt es jedenfalls nicht infrage, weiter so zu leben wie bisher. Ob er die Wohnung in Lankwitz nun bekommt oder nicht.

Am Mittwoch dieser Woche bekommt er schließlich eine Nachricht von der Wohnungsgenossenschaft. Die Wohnung sei leider anderweitig vergeben worden, heißt es in dem Schreiben – an ein Genossenschaftsmitglied.

Sağkaya wird trotzdem ausziehen zu Hause. Er hat sich noch um eine andere Option gekümmert, einen Platz in einem Studentenwohnheim in Potsdam. „Den Platz habe ich zum Glück jetzt bekommen“, erzählt er am Telefon. Das werde das Verhältnis zu den Eltern sicher entspannen, glaubt er. Eine Wohnung will er trotzdem weiter suchen. Jetzt ist der Druck nicht mehr ganz so groß.