Berlin-Mitte - Stadt ist ein wohnlicher Raum, in dem sich Funktionen mischen: wo Menschen wohnen, arbeiten, einkaufen, sich erholen, einander begegnen. Im günstigsten Fall fühlen sie sich dort wohl, im ungünstigen leiden sie.

Seit Jahrzehnten schreitet in Berlin allerdings nicht nur die soziale Entmischung voran, sondern auch die der städtischen Bereiche – Wohnquartiere, Shoppingzonen, Büroviertel, Vergnügungsbereiche … . Trauriger noch: Weil viele Wohnungen, Schulen, Kitas möglichst schnell und billig entstehen sollen, fragt kaum noch einer: „Wie sieht das aus?“ Oder: „Wollen wir so leben?“

Sozialer Wohnungsbau als Desaster

Den Architekten Hans Kollhoff trieb das, was er in Berlin sieht, bei einer Diskussion im Aufbauhaus am Moritzplatz zu einem Wutausbruch: Der soziale Wohnungsbau sei eine architektonische Katastrophe. Die Hauptfrage für den Städtebau, nämlich hinzukriegen, dass sich Menschen wohlfühlen, sei vergessen. Ein Desaster. Er schimpfte allerdings auf einer Veranstaltung, die sich genau dieser „existenziellen Debatte“ widmete, um die Entwicklung ins Bessere zu wenden.

Unter dem Titel StadtHochDrei stellten der Architekt Klaus Theo Brenner, Mitte-Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) und Peter Stephan, Architekturhistoriker aus Potsdam, ihre Ideen vor, wie das Stadtbild Berlins weg von der vielbeklagten Monotonie und Langeweile kommen könnte. Denn eigentlich sei Berlin doch ganz anders, sagte Gothe, der Politiker in der Runde, nämlich plural, lebhaft, kleinteilig – „also das, was wir wollen“.

Die Ausstellung StadtHochDrei im Aufbauhaus zeigt sechs anregende Beispiele

Aber diese Stadtgesellschaft passt nicht zu ihrer gleichförmigen Hülle – vielmehr steht die Hülle im eklatanten Gegensatz zur vielförmigen, liebenswerten Stadtgesellschaft. Entwürfe, wie das wenigstens punktuell zu mildern wäre, zeigt die kleine Ausstellung StadtHochDrei im Aufbauhaus mit sechs Beispielen aus der Werkstatt Klaus Theo Brenners. Sie sind konkreten Orten in Mitte zugeordnet, wo heute noch Freiflächen – in welcher Metropole Europas gibt es so etwas sonst noch! – auf Bebauung warten und also die Chance auf Attraktives offenhalten.

Bei der Identifizierung der Orte hat Baustadtrat Gothe mitgewirkt. Sie liegen an der Reinickendorfer Straße, der Leipziger Straße, der Wilhelmstraße, der Genter Straße, der Behmstraße und in Alt-Moabit, jeweils in prominenter Position. Alle sechs Projekte fügen auf verschiedene Weise architektonische Elemente zusammen, die in der jüngeren Investorenarchitektur bestenfalls sehr sparsam vorkommen: Giebel, Bögen, Terrassen, Gauben, Arkaden, Kolonnaden, Loggien, Balkone. Der typologischen Vielfalt entsprechen gemischte Nutzungen für Wohnungen, Fitnessstudios, Arztpraxen, Schulen, Kitas, Restaurants, Galerien, Dachgärten, Hotels…

Schlecht genutzte Flächen kann sich Berlin nicht leisten

Das nebenstehend abgebildete Beispiel für die Genter Straße ist gebildet aus drei übereinander gelagerten, unterschiedlich gestalteten Ebenen. Aus den unteren Blöcken wachsen drei Türme, die ebenfalls unterschiedlich gestaltet sind und Varianten von Dachlandschaften zeigen – eine mit Giebel und Gauben, eine mit Zacken, eine mit Rundungen.

Klaus Theo Brenner und seine Partner versuchen mit ihren Anregungen, die Architektur der Stadt zu beleben. Es gehe um eine „bewegte Stadtsilhouette“. Punktturmhochhäuser lehnt er ab, seine Türme wachsen wie schon jene aus Kollhoffs Alexanderplatz-Masterplan, aus Blocks heraus – und zwar über die heilige Berliner Traufhöhe von 22 Metern hinaus.

Der Architekt spricht auch von der Einsicht, dass Berlin sehr sparsam mit dem Platz umzugehen hat. Die Bevölkerungszahl steigt, da kann Verdichtung des Stadtraums nicht ausbleiben. Schlecht genutzte Flächen kann man sich eigentlich nicht leisten – und doch werden sie sehenden Auges neu an den Bedürfnissen vorbei geplant.

Ein Beispiel beklagt Ephraim Gothe besonders, zumal es tatsächlich unter seinen Augen entsteht: An der Reinickendorfer Straße, wo das schimmelverseuchte Gesundheitsamt Wedding abgerissen werden muss, könnten Brenners „Brückenhäuser“ mit stark durchbrochenen Fassaden und innenliegenden Patios, mit Wohnungen, Dachgärten, Spa, Handel und so fort einen städtebaulichen Höhepunkt bilden. „Das wäre nach fünf Jahren eine Ikone“, ist Gothe überzeugt. Doch die Zielvereinbarungen zum Schul- und Wohnungsbau verlangt unverrückbar anderes – so wird wohl nichts weiter als eine Grundschule entstehen, die Turnhalle mit geschlossener Fassade.

Avantgarde ohne Bruch

Keines der experimentellen Projekte habe einen Bauherren oder ein Realisierungsdatum, stellte Klaus Theo Brenner klar. Aber Weiterdenken wird ja wohl erlaubt sein, darauf beharrt auch Peter Stephan – er meint vor allem: Geschichte weiterdenken. Er plädiert für eine Bau-Avantgarde, die nicht mit dem Alten bricht, anders als die verbreitete Moderne, die elitär, bürgerfeindlich und ideologisch befrachtet sei.

Dass Planungen sich vom Gemeinwohl leiten lassen, das erhofft sich Ephraim Gothe. So selbstverständlich es klingt, so schwierig ist es wohl.