Der Architekt Peter Deluse steht im begrünten Innenhof des Wohnhauses Prenzlauer Allee 44. Die Wände ragen sechs Geschosse hoch. Vom Lärm der Großstadt ist nichts zu hören. Die Terrassen der Wohnungen sind von Rasen umgeben. Was nicht zu sehen ist: Unter dem Hof und den Wohnungen liegt ein Lidl-Supermarkt. Anders als viele Discounter, die lediglich als Eingeschosser errichtet wurden, ist der Markt in der Prenzlauer Allee komplett überbaut – Peter Deluse hat das Projekt geplant.

„Wir haben die Wohnungen so konzipiert, dass sie in drei Gebäudeteilen mit begrünten Höfen über der Filiale entstanden sind“, sagt der Architekt. „Der Eingang für die Bewohner befindet sich direkt neben dem Filialeingang.“ Der Aufzug, der die Wohnungen mit der Tiefgarage verbindet, führt durch die Filiale.

Jedes Grundstück wird geprüft

Das Projekt in der Prenzlauer Allee zeigt, wie die geplante Überbauung von Supermärkten in Berlin aussehen könnte. Das Potenzial für Wohnungen auf den Flächen der Discounter ist riesig: Fast bis zu ein Fünftel der 194.000 Wohnungen, die in Berlin bis zum Jahr 2030 benötigt werden, könnten hier entstehen. Da Bauflächen knapp sind, kommt den Grundstücken der Discounter eine besondere Bedeutung zu.

Lidl stehe dem Bau von Wohnungen auf seinen Filialen „grundsätzlich positiv gegenüber“, sagt Jenny Stemmler, zuständige Bereichsleiterin für die Lidl-Immobilien in Berlin. Außer der Filiale in der Prenzlauer Allee, die im April 2017 eröffnet wurde, hat Lidl bereits in der Bornholmer Straße Wohnungen auf einer Filiale errichtet.

Architektonische Herausforderung

„Wir prüfen generell jedes neue Lidl-Grundstück auf seine Eignung für eine Überbauung mit Wohnungen und planen, in den nächsten Jahren einige Lidl-Filialen mit Wohnbebauung in Berlin zu errichten“, sagt Stemmler. Eine Überbauung von bestehenden Lidl-Grundstücken mit Wohnungen sei aber nur dann sinnvoll, wenn den Kunden weiter ein großer, heller und freundlicher Verkaufsraum geboten werde.

So wie in der Prenzlauer Allee. Architektonisch war der Bau freilich eine Herausforderung. „Die Schwierigkeit für uns bestand darin, das Gewicht der Wohnhäuser so abzutragen, dass dies zu keinen Einschränkungen im Filialbetrieb führt“, sagt Architekt Deluse. „Wir wollten möglichst wenig Stützen errichten.“ Gelöst worden sei dies, indem die Lasten der Obergeschosse zum größten Teil über die Außenwände des Supermarktes abgetragen werden. „Im Supermarkt selbst gibt es nur sechs Stützen. Sie sind in das Regalsystem von Lidl integriert“, sagt Deluse.

Die Belieferung der Filiale in der Prenzlauer Allee erfolgt über eine Lkw-Zufahrt mit einem geräuschgedämmten Tor. Viermal täglich rollt hier ein Lastwagen mit Lebensmitteln an. „Über der Lidl-Filiale kann man gut wohnen“, versichert Jenny Stemmler. Die Mieter würden durch die Belieferung nicht gestört. „Die Lastwagen fahren rückwärts durch das Tor in das Gebäude an eine Laderampe. Dort werden die Waren abgeladen. So kann eine Geräuschbelästigung der Mieter durch das Entladen auf der Straße verhindert werden“, sagt Stemmler.

Weiterer Vorteil: Weil die Lieferfahrzeuge nicht in zweiter Spur auf der Fahrbahn stehen, wird der übrige Verkehr nicht behindert. Für die Kunden gibt es in der Prenzlauer Allee allerdings keine Parkplätze. Das funktioniert, weil hier viele Kunden aus der direkten Nachbarschaft kommen, sagt Stemmler. „Wir planen aktuell weitere Wohnungen auf Filialen in Neukölln, Lichtenberg und Mitte“, so die Immobilien-Frau. „Die Wohnungen in der Prenzlauer Allee haben wir verkauft, an den anderen Standorten wollen wir sie jedoch bevorzugt behalten.“ Die Mieten in den Lidl-Wohnungen sollen „den üblichen Mieten im jeweiligen Kiez angepasst“ sein.

Vorgespräche mit Stadtplanungsämtern

Stemmler bezeichnet die Zusammenarbeit mit Politik und Behörden als „sehr vertrauensvoll und konstruktiv“ – auch wenn der Umgang mit zwölf unterschiedlichen Genehmigungsbehörden „in der Praxis durchaus eine Herausforderung“ sei, wie sie bemerkt. „Wir befinden uns in Berlin bereits mit verschiedenen Stadtplanungsämtern in Vorgesprächen, die unseren Plänen sehr aufgeschlossen gegenüberstehen.“ Sie sei deswegen zuversichtlich, „bald in die Umsetzung weiterer Projekte gehen zu können“.

Zusammen mit Aldi ist Lidl dabei, zu einem der neuen Player auf dem Berliner Wohnungsmarkt zu werden. Lidl ist bei einer Überbauung seiner Grundstücke nicht auf eine Wohnnutzung festgelegt. „Generell beziehen wir auch andere mögliche Nutzungen in unsere Überlegungen mit ein“, sagt Jenny Stemmler. „Je nach Standort können dies beispielsweise eine Kita inklusive Freiflächen auf dem Lidl-Dach, Büros oder auch großflächige Gewerbebetriebe sein.“

Klar ist: Eine Überbauung bestehender Märkte im laufenden Betrieb ist aus statischen Gründen nicht möglich. Dafür sei fast immer die Schließung des Marktes nötig.