Berlins Bevölkerung wird wachsen. Das sagen derzeit alle Statistiken und Bevölkerungsforscher voraus. Statt der Stadtflucht der 1990er-Jahre gibt es in den meisten westlichen Ländern eine Landflucht. Berlin fängt an, wirtschaftlich zu prosperieren und gilt trotz des Schlossfassadennachbaus (noch!) als Hotspot für neuzeitliche Kunst und Kultur.

Und doch gibt es immer noch Klamottenboutiquen und Friseurläden mit mehr als 100 Quadratmetern in allerbester Lage, Restaurants, in denen die Tische nur locker stehen müssen, viele alte Mietverträge zu billigen Preisen. Kein Vergleich also zur Platznot in München, Hamburg oder gar Metropolen wie Paris, London oder New York. Berlin hat heute eine Million weniger Einwohner als 1939, das Siedlungsgebiet aber wurde erheblich ausgeweitet. Das hat Folgen: Allenfalls in Wedding oder in Teilen von Friedrichhain herrschen weltstädtisch anmutende Dichte und Gewusel. Prenzlauer Berg hingegen wirkt im Vergleich etwa zur Pariser Innenstadt einfach nur gemütlich.

Jedes große Wohnungsbauprojekt stößt auf Widerstand

Dennoch werden die Verteilungskonflikte heftiger: Wer darf welchen Platz wofür und zu welchem Preis nutzen? Praktisch jedes große Wohnungsbauprojekt, sei es an der Michelangelostraße und der Elisabethaue in Pankow, am Mauerpark in Prenzlauer Berg oder in Lichterfelde Süd, stößt inzwischen auf Widerstand der Nachbarn und vieler Bezirkspolitiker. Selbst rationalste Nachverdichtungen auf Parkplätzen von locker bebauten Siedlungen finden noch Widersacher.

In den Randbezirken heißt es, sobald bisherige Felder und Wiesen für Wohnungsneubau genutzt werden sollen: Baut doch erst einmal die Lücken in der Innenstadt zu. Durchaus richtig. Dort aber wird um Spielplätze und Grün gebangt. Außerdem kommt das Bauen in Lücken teuer, weil jedes Haus eine Sonderanfertigung ist. Auch deswegen entstehen in der Innenstadt fast nur noch Luxuswohnungen. Gegensteuern ist für den Senat schwierig: Nach zwei Jahrzehnten Privatisierungspolitik gibt es innerhalb des S-Bahnrings noch weniger Grundstücke als am Stadtrand in öffentlichem Besitz, um die Konkurrenz mit den Investoren aufnehmen zu können.

Angeheizt wird die aktuelle Preisspirale sicher durch die verantwortungslos allein auf den finanziellen Ertrag sehende Grundstückspolitik des Bundes und seiner Immobilienfirma Bima sowie faktisch öffentlicher Institutionen wie der Deutschen Bahn. Aber wir wollen nicht vergessen: Erst neuerdings orientiert der Senat seine Grundstücksverkäufe wenigstens im Grundsatz auch an sozialen und kulturellen Aspekten.

Die Wähler wollten lieber schnelle Erfolge im Straßenbau

Ebenso sei nicht vergessen: Der Verkauf des öffentlichen Grund und Bodens fand über zwei Jahrzehnte mit Billigung, ja, auf Wunsch der Wähler statt. Sie wollten lieber schnelle Erfolge etwa im Straßenbau oder in der Stadtsanierung sehen, als langfristig aus den Einnahmen von Miete und Pacht öffentlichen Grundes agieren zu können. Selbst große Teile der Partei Die Linke und ihrer Vorgängerin PDS waren bis weit in die 2000er-Jahre hinein bereit, unser teilweise seit dem späten Mittelalter aufgebautes Vermögen zu veräußern, um die Sozialpolitik zu finanzieren.

Viele Wissenschaftler warnten zwar schon in den 1990er-Jahren, dass die Gesellschaft damit ihre Steuerungskraft auch für den Wohnungsmarkt verliert. Aber sie konnten sich nicht durchsetzen gegen den seit den späten 1980er-Jahren neoliberal geprägten, konsumtiven Zeitgeist, von dem noch die als Alternative zum Investorenmarkt zeitweise hoch gerühmten Baugemeinschaften profitiert haben. Jetzt müssen wir lernen: Man kann nicht alles haben, niedrige Steuern, billige Mieten, große Wohnungen, kostenlose Kindergärten und Kulturangebote, tolle Autobahnen. Und: Billig bauen kann nur derjenige, dem das Land gehört. Wir aber haben unser Land verkauft. Und gleichzeitig ein welthistorisch einmaliges Anspruchsdenken aufgebaut, was den Platzverbrauch angeht. 50 Quadratmeter pro Person gelten in Berlin als angemessen – in Paris oder London sind das blanke Luxuswerte.

Die Interessenkonflikte sind unvermeidbar

Die Interessenkonflikte, die nun entbrennen, sind also unvermeidbar. Es geht um die Verteilung eines Gutes, das inzwischen sehr endlich geworden ist: öffentliches Land. Wir werden unser Anspruchsdenken im Platzverbrauch zurückschrauben müssen, wenn solche Konflikte sinnvoll gelöst werden sollen, also so, dass alle Bevölkerungsschichten etwas davon haben. Die öffentliche Hand darf Land nur noch im direkten öffentlichen Auftrag etwa an Genossenschaften vergeben, aber nicht mehr verkaufen. Sie sollte stattdessen wieder Land kaufen, um langfristig wieder handlungsfähig zu werden.

Vor allem aber muss sie ihre Projekte rational nachvollziehbar verteidigen, nicht bei jedem Widerstand zurückweichen. Die Debatten um den Flughafen Tempelhof waren da der Sündenfall. Um „die Bürger“ – wer immer das sei – nicht zu verärgern, wollte die Politik nur gut 4 000 Wohnungen bauen lassen, weit gestreut und in vergleichsweise niedriger Bebauung. Außerdem sollte auf dem bisher öffentlichen Land viel Gewerberaum entstehen. Selbst diejenigen, die für das Senatsprojekt waren, fragten sich: Lohnt es sich dafür, das Freifeld aufzugeben? Ganz anders wäre die Debatte verlaufen, wenn es um 10.000 Wohnungen gegangen wäre, in dichter Bebauung, ohne übertriebenen Raumluxus, mit Hochhäusern an der Ringbahntrasse.

Wir werden überall bauen müssen

Lernen müssen also auch die Initiativen, die überall, aber nicht in der Nachbarschaft bauen lassen wollen: Es kann in einer funktionierenden Stadt nicht nur immer das lokale Interesse gelten. Wir werden überall bauen müssen, in den Lücken der Innenstadt, auf den großen Freiflächen, die in der Innenstadt vorhanden sind, in den Randlagen. Der Platzbedarf ist nämlich auch der Ausdruck einer individualisierteren, freieren Gesellschaft. Wir können nicht zurück zur Mietskaserne. Die entscheidende Frage ist also nicht die, ob gebaut wird, sondern, wie und zu wessen Gunsten.