Berlin - Wolfgang Michaelis-Schminder steht in seiner Küche und brüht Kaffee auf. Der 73-Jährige ist ganz begeistert. „Ich habe großes Glück gehabt“, sagt er. Seit 1992 wohnt der Rentner in Lichterfelde, kurz vor der Stadtgrenze. In einem Viertel, das trotz der beschaulichen Umgebung inzwischen viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Häuser hier gehören der Märkischen Scholle, seit 2014 saniert die Genossenschaft ihren Bestand in Lichterfelde, insgesamt 841 Wohnungen. Ein Bauabschnitt umfasst vier Häuser pro Jahr, die Arbeiten sollen 2022 abgeschlossen sein. Für die Umsetzung der energetischen Sanierung mit Photovoltaik- und Solaranlagen, Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, Wärmepumpen und Erdwärmespeicher hat die Genossenschaft schon Preise bekommen, darunter den Innovationspreis des Umweltministeriums. Die Investition von insgesamt rund 70 Millionen Euro wird vom Land Berlin, der KfW und vom Bundesamt für Wirtschaft gefördert.

Mieter müssen zeitweise ausziehen

Genossenschaftsmitglied Michaelis-Schminder freut sich über das Wohnklima. „Es gibt immer eine Luftzirkulation, es ist nie zu warm oder zu kalt“, sagt er. Auch die Wohnungen werden saniert und mit neuer Elektrik versorgt. Der Umfang aller Arbeiten verlangt den Mietern allerdings einiges ab: Sie müssen während der Sanierung in eine Ausweichwohnung umziehen. „Viele sind erschrocken, als sie davon hörten“, erinnert sich der technische Vorstand, Jochen Icken. Um den Schreck aufzufangen, hat die Genossenschaft zusätzliches Personal eingestellt, das sich um die betroffenen Mieter kümmert. Die Scholle zahlt zudem alle Umzugskosten und die Einlagerung der Möbel.

„Nachdem der erste Bauabschnitt fertig war, haben sich viele Vorbehalte aufgelöst“, sagt Icken. Die Mieter hätten gesehen, wie die Pläne umgesetzt worden seien, das Ergebnis habe viele überzeugt. Man sei auch von Anfang an offen mit den Folgen der Sanierung umgegangen. „Wir haben schon auf der ersten Veranstaltung über die Mieterhöhungen gesprochen“.

Sanierungsmaßnahmen entwickeln sich für Mieter häufig zu einem finanziellen Problem: Gesetzlich sind Vermieter berechtigt, elf Prozent der Modernisierungskosten jährlich auf ihre Mieter umzulegen. In der Vergangenheit häuften sich die Fälle, in denen Mieter aufgrund drastischer Erhöhungen aus ihren Wohnungen ausgezogen sind. Damit hat die energetische Sanierung den Stempel als probates Mittel zur Entmietung erhalten.

Als Genossenschaft, die nicht dem Ziel unterliegt, Renditen zu erwirtschaften, hat die Märkische Scholle statt der möglichen rund sechs Euro pro Quadratmeter knapp unter zwei Euro auf die Miete umgelegt. Die Kosten werden durch die Genossenschaft querfinanziert. In Lichterfelde werden die Mieterhöhungen zudem durch Einsparungen beim Verbrauch abgefedert. Die sogenannten warmen Betriebskosten seien im Schnitt um einen Euro pro Quadratmeter gesunken, sagt Jochen Icken. Wolfgang Michaelis-Schminder ist zufrieden. Statt in eine Ausweichwohnung, ist er direkt in eine sanierte Wohnung eingezogen. Bislang habe er 435 Euro gezahlt, jetzt seien es 503 Euro warm für rund 57 Quadratmeter mit Südbalkon. „Ich habe mich von Anfang an gut informiert gefühlt“, sagt er.

Proteste in Schmargendorf

So reibungslos wie in Lichterfelde laufen energetische Sanierungen selten ab. In Schmargendorf, unweit des S-Bahnhofs Hohenzollerndamm, stehen Mieter vor einem Haus und diskutieren über die neuen Angebote ihres Vermieters. Das Szenenbild wirkt skurril, die Blockbebauung setzt sich aus drei Häusern zusammen: eines ist nahezu fertig saniert, bei einem stehen die Arbeiten still, der Mittelteil ist unberührt. Die Mieter haben Einstweilige Verfügungen erwirkt und sich als Schmargendorfer Mieterprotest organisiert, einige haben Plakate in die Fenster gehängt: „Volksverdämmung“, steht darauf.

„Die Maßnahmen sind nicht notwendig“, sagt ein Mieter, der auf die „gebrannten Brandenburger Ziegel“ des Bestands verweist. Die vom Vermieter, der Düsseldorfer Vonovia, angekündigte Einsparung der Energiekosten von 40 Prozent sei „ein Witz“, der die Mieterhöhung nicht annähernd auffange. In dem Wohnblock aus den 30er-Jahren, der 194 Wohnungen in der Charlottenbrunner-, Orber- und Salzbrunner Straße umfasst, gibt es vorwiegend Wohnungen mit 50, 60 Quadratmetern. Aus einem Schreiben der Vonovia vom vergangenen Jahr ergibt sich für eine Wohnung eine Mieterhöhung von rund 3,35 Euro pro Quadratmeter. Bei 50 Quadratmetern ergeben sich daraus knapp 170 Euro Mehrkosten im Monat.

Zwischen 80 und 90 Mietparteien haben gegen die geplanten Umlagen Härteeinwände erhoben, sagt Sebastian Sieburg, der selbst bereits weggezogen ist, dem Mieterprotest aber als Sprecher erhalten blieb. „Der Vermieter hat überrascht reagiert“, sagt Sieburg nicht ohne Stolz. Nach Vermittlung durch die SPD-Bezirksverordnete Heike Schmitt-Schmelz hat die Vonovia die Umlage reduziert. Statt bislang zwischen 2,57 und 3,35 Euro pro Quadratmeter soll die Erhöhung zwischen 1,50 und 1,65 Euro liegen.

„Die Modernisierung wird vom größten Teil der Mieterschaft begrüßt“, sagt Vonovia-Sprecherin Nina Henckel, die eine baldige Wiederaufnahme der Arbeiten im Blick hat: „Wir gehen davon aus, dass wir noch dieses Jahr mit der Maßnahme beginnen werden.“