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BerlinVor einigen Jahren konstatierte die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher auf einer Bürgerversammlung resigniert, sie könne Investoren nicht dazu zwingen, sozial nachhaltige, also billige Wohnungen und gute, zukunftsfähige, also auf lange Frist vielfältig nutzbare und ökologisch verantwortete Architektur zu bauen. Es ging um die Planung der „Eurocity“ nördlich des Berliner Hauptbahnhofs. Das vollkommen neue Stadtviertel entsteht weitgehend auf Flächen, die einst dem Staat oder staatlichen Institutionen wie der Deutschen Bahn gehörten. Es gab also die Chance für die Bundesrepublik und das Land Berlin, hier sozial- und baupolitische Maßstäbe zu setzen.

Genau das wurde mit der Privatisierung dieses Geländes und dem seit etwa 2005 entwickelten und 2011 in einem Masterplan fixierten Konzept auch getan – allerdings nicht in Richtung einer auf eine breite Mittelschicht und Ärmere orientierten ökologischen und sozialen Stadtentwicklung. Stattdessen entstand und entsteht im Großen und Ganzen ein Wohn- und Arbeits-Viertel für relativ Wohlhabende, mit großen Wohnungen, Boulevard, Schmuckplätzen und Wasserblick für Wenige. Es gleicht bis in die Grundrisse, dekorativen Balkonformen oder riesigen Fenster hinein jenen, die von Boston über Amsterdam und Paris bis Helsinki und Schanghai bekannt sind, die auch die neuen Berliner Viertel von Pankow bis Dahlem prägen. Und wie überall entstehen auch in Berlin Wohnungen für Nicht-So-Reiche oder gar Arme vor allem in oft lauten, abgelegenen städtischen Rand- oder Problemlagen.

Quartiere werden umgeformt

Verstärkt wird damit eine Tendenz, die seit den 1980er-Jahren international feststellbar ist: Einst sozial, kulturell und wirtschaftlich stark gemischte Quartiere wurden homogen umgeformt, einerseits für Wohlhabende oft mittleren Alters und akademischer Ausbildung, andererseits für Alte, Nicht-So-Reiche, Arme. Man kann das in stark abgepufferter Version etwa in Prenzlauer Berg beobachten, besonders aber und viel schärfer ausgeprägt in den USA. Manhattan etwa war noch um das Jahr 2000 herum jenseits der legendär-luxuriösen Upper East Side und 5th Avenue ein in weiten Bereichen auch für nicht so reiche New Yorker durchaus erschwinglicher Stadtteil.

Inzwischen haben selbst sehr gut verdienende Akademiker und Techniker Probleme, eine Wohnung zu finden, werden die einstigen „Ankommensviertel“ für Einwanderer in der Lower East Side durch umfassende Sanierungsprogramme und Luxus-Condos „aufgewertet“. Arme, Alte, Schwarze, Latinos und Einwanderer dagegen müssen in innenstadtferne Lagen umziehen. Sogar Sozialwohnungsblöcke, die seit den 1930ern und bis in die 1970er-Jahre entstanden, sind massiv unter Verkaufsdruck geraten. Der Protestmarsch von Brooklyn nach Manhattan vor einigen Tagen richtete sich deswegen nicht nur gegen den Rassismus in den USA, sondern auch gegen eine als verfehlt betrachtete Stadtentwicklungspolitik.

Oder das kalifornische Oakland: Bis um das Jahr 2000 war die Bevölkerung der Nachbarstadt San Franciscos mehrheitlich von Schwarzen und anderen Nicht-Weißen geprägt, durchaus mittelschichts-wohlhabend durch die seit dem Zweiten Weltkrieg gewachsene Industrie. In nur zwanzig Jahren kippte diese Struktur vollständig. Heute sind fast 80 Prozent der Bevölkerung Weiße, überwiegend Akademiker, die im nahen Silicon Valley arbeiten. Sie ruinierten auch San Franciscos einst so bunte Alternativkultur, weil die auf den Markt hoffende Baupolitik den Preis für Wohnraum hochtrieb. Kaum verwunderlich also, dass jetzt auch in Oakland und San Francisco, Chicago oder Charlotte in North Carolina große Demonstrationszüge zu beobachten waren: Immer ging es nicht nur um Rassendiskriminierung, sondern den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Hippe Alternativkultur als Deko

Seit der neoliberalen Revolution Ronald Reagans und Margaret Thatchers Ende der 1970er-Jahre galt auch in der Stadtplanung die unter Ökonomen überaus umstrittene Theorie des „Tripple-Down-Effekts“. Stark vereinfacht besagt es: Je mehr Wohlhabende verdienen, desto mehr können sie konsumieren und Steuern zahlen, damit werden dann auch Wohltaten für Ärmere und nicht so „Leistungsfähige“ finanzierbar. Um aber solche „Leistungsträger“ anzulocken, brauche es, war die Behauptung, elitäre Privatschulen, exzellente Universitäten, ein breites hochkulturelles Angebot für die Freizeitgestaltung, etwas hippe Alternativkultur als Dekor sowie maximal große Wohnungen. Wenn dann die Steuereinnahmen wie erhofft steigen, können auch, so das Versprechen der Neoliberalen, öffentliche Bildungsinfrastruktur oder sozialer Wohnungsbau finanziert werden. Doch der soziale und ökonomische Preis dafür ist hoch. Wenn nämlich eine soziale Gruppe in einem Viertel dominiert, wird das Angebot für andere soziale Gruppen immer schmaler – seien es Alte, Arme, Jugendliche, nicht so gut oder auch sehr gut Ausgebildete. Dabei zeigen alle Untersuchungen, wie wichtig ein breites Kultur- und Bildungsprogramm und eine vielfältige, kleinteilige Wirtschaft auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft bis hin zur Integration von Einwanderern ist.

Sozialistische Modelle von Städtebau und Architekturpolitik haben zwar keinen Erfolg gehabt: Die Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa 1989 /1990 wurden wesentlich auch davon vorangetrieben, dass mit gigantischen Staatsschulden riesige Neubauviertel errichtet wurden, doch die bestehenden Städte und die Wirtschaft verfielen. Doch ebenso sicher ist: Auch das neoliberale Stadtentwicklungsmodell hat viele ökonomische, soziale und schon gar ökologische Probleme nicht lösen können, sie oft sogar verstärkt. Das zeigten schon vor einigen Jahren die Unruhen in Paris und Marseille, zeigt die internationale Wohnungsnot, zeigt die Corona-Krise, zeigen jetzt die Proteste in amerikanischen Städten: Die Mehrheit der Demonstranten in den USA sind inzwischen nicht mehr Schwarze und Arme, sondern weiße Mittelstandsbürger. Die nach Ellenbogenkraft bemessene Teilung der Gesellschaft in „Besserverdienende“ und „Verlierer“ ist zu teuer für Alle geworden. Eine künftige Reformpolitik wird also auch im Städtebau neue Wege suchen müssen, jenseits des sozialistischen Staatsglaubens und des neoliberalen Marktglaubens.