Der Senat setzt auf Masse: Um mehr Wohnraum zu schaffen, sollen zwölf Stadtquartiere ausgebaut oder komplett neu errichtet werden. Das kündigte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) am Freitag an. In den zwölf Quartieren sollen in den nächsten zehn bis 15 Jahren etwa 45 000 bis 50 000 Wohnungen entstehen, sagte Geisel. Sie sollen Platz bieten für 100 000 Menschen.

Wegen des starken Zuzugs nach Berlin müssten pro Jahr bis zu 20 000 Wohnungen neu gebaut werden, sagte Geisel. Innerhalb des S-Bahnrings gebe es ein Flächenpotenzial für rund 50 000 Wohnungen, außerhalb des Rings für rund 150 000 Wohnungen.

Bis auf die Europacity, die Wasserstadt Oberhavel und die Wissenschaftsstadt Adlershof müssen die zwölf Wohngebiete komplett neu entwickelt werden. Zu den neuen Stadtvierteln gehören die Quartiere auf den Buckower Feldern in Neukölln, auf der Elisabeth-Aue in Pankow und in Lichterfelde Süd. „Die neuen Stadtquartiere sollen lebendige Kieze werden, in denen die Leute gerne wohnen, arbeiten und leben“, sagte Geisel. In den Erdgeschosszonen sollen Bäckereien und kleine Läden einziehen.

Fehler der Vergangenheit, zu denen ein monotoner Städtebau gehört, sollen vermieden werden. Das sei zu schaffen, wenn man sich Quartiere anschaue, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind und heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehören, sagte Geisel. Dazu zählt beispielsweise die Hufeisensiedlung in Neukölln.

Gute Verkehrsverbindungen

Die neuen Stadtviertel sollen etwa 3 000 bis 5 000 Wohnungen umfassen. Das macht sie ökonomisch tragfähig, weil so eigene Schulen und Kindertagesstätten errichtet werden können. Um einen sozialen Mix bei der Mieterschaft zu erreichen, soll ein fester Anteil von Sozialwohnungen entstehen.

Bei Projekten privater Bauherrn soll der Anteil 25 Prozent betragen, bei den Vorhaben der landeseigenen Vermieter sollen es mindestens 30 Prozent sein, sagte Bau-Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup. Die neuen Stadtquartiere sollen zudem gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden werden. Um die Flächen optimal zu nutzen, sollen die Neubauten überwiegend als Mehrfamilienhäuser mit vier bis sieben Geschossen entstehen. Zugleich sind attraktive Grünverbindungen in den Wohngebieten geplant. „Wir bauen die Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“, sagte Lütke Daldrup. Die Anwohner sollen bei allen Planungen einbezogen werden. „Eine umfassende Bürgerbeteiligung gehört zur Entwicklung der Gebiete dazu“, sagte Stadtentwicklungssenator Geisel.

Bei der Finanzierung der neuen Stadtquartiere nimmt der Senat die landeseigenen Wohnungsunternehmen überraschend stark in die Pflicht. So soll das Wohngebiet auf der Elisabeth-Aue nicht nur zur Hälfte durch die Gesobau und die Howoge bebaut werden, sondern zugleich komplett von den beiden Unternehmen entwickelt werden. Lütke Daldrup sagte, die Wohnungsunternehmen würden das Grundstück vom Land Berlin erhalten und müssten dann die innere Erschließung selbst bezahlen – also die Mittel aufbringen für den Bau der Straßen, der Grünflächen, der Kindertagesstätten und der Grundschule. Nur Leistungen für die Gesamtstadt, wie der Bau einer weiterführenden Schule oder eine bessere Anbindung der Straßenbahn würden aus dem Landeshaushalt finanziert.

Geld aus der Vermietung

Zum Kerngeschäft eines Wohnungsunternehmens gehören diese Aufgaben nicht. Gesobau und Howoge sehen darin aber offenbar kein Problem. Howoge-Sprecherin Sabine Pentrop erklärte auf Anfrage: „Die Finanzierung des Bauvorhabens ist in der langfristigen Unternehmensplanung der Gesellschaften solide abgebildet und wird aus eigener finanzieller Kraft und der Erzielung entsprechender Cashflows aus der Bewirtschaftung realisiert.“

Die Linken-Abgeordnete Katrin Lompscher warnte vor der Erwartung, der Bau ginge jetzt ganz schnell. Das sei falsch. Auch bleibe „kritikwürdig, dass der Senat meint, mit einem Anteil von lediglich 30 Prozent bezahlbarer Wohnungen könnte eine ausgewogene soziale Mischung gelingen.“ Die neu entstehenden Wohnungen würden überwiegend zu Mietpreisen jenseits der 10-Euro-Marke vergeben. Der Berliner Mieterverein (BMV) äußerte sich ähnlich. „Überall dort, wo Berlin Planungsrecht schafft, muss mindestens die Hälfte der Neuwohnungen zu einem Mietpreis von nicht mehr als 6,50 Euro je Quadratmeter monatlich angeboten werden“, forderte BMV-Geschäftsführer Reiner Wild.