Der Berliner Fernsehturm ist durch eine Glasscheiben des Bahntowers zu sehen.
Foto: dpa/Christoph Soeder

BerlinDer Bevölkerungszuwachs in Berlin verlangsamt sich weiter. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres stieg die Zahl der Berliner nur noch um 11.700 Personen. „Das ist der geringste Bevölkerungszuwachs seit dem Zensus 2011“,  teilte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg am Donnerstag mit. Am 30. September des vergangenen Jahres lebten danach 3.656.500 Menschen in Berlin.

Die Bundeshauptstadt verliert nach Angaben des Amts für Statistik weiter mehr Bürger an Brandenburg als Brandenburg an Berlin. Auch an die übrigen neuen Länder gibt Berlin mehr Bürger ab als von dort zuziehen. Aus den alten Bundesländern sowie dem Ausland kommen hingegen unterm Strich mehr Menschen nach Berlin als dorthin ziehen.  Die Zahlen für die ersten neun Monate des abgelaufenen Jahres lassen erwarten, dass sich der Bevölkerungszuwachs für das gesamte Jahr 2019 auf hochgerechnet 15.000 bis 16.000 Personen abschwächt.

Der Bau günstiger Wohnungen muss weiter forciert werden. Die Bemühungen aufgrund der gesunkenen Einwohnerzuwachszahlen in 2019 einzustellen, wäre fatal.“  

Wibke Werner, stv. Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins

Damit würde sich der Bevölkerungszuwachs zum zweiten Mal in Folge deutlich verringern. Bereits im Jahr 2018 verbuchte das Amt für Statistik nur noch ein Bevölkerungswachstum um 31.300 Personen. In den Jahren zuvor war die Einwohnerzahl noch jedes Jahr um rund 40.000 Menschen und mehr gewachsen. Weil der Wohnungsneubau mit dem Anstieg der Bevölkerung nicht mithielt, zogen die Mieten stark an.

Bald mehr Angebot als Nachfrage?

Dass sich der Bevölkerungsanstieg jetzt weiter verlangsamt, könnte eine Trendwende auf dem Wohnungsmarkt  zur Folge haben. Denn der Neubau von Wohnungen wird sich nach Einschätzung von Experten zumindest für die nächsten zwei bis drei Jahre weiter auf dem bisherigen Niveau bewegen. Schon im Jahr 2018 wurden in Berlin rund 16.700 Wohnungen fertiggestellt. Das reichte rein rechnerisch, um bei einer Belegung von zwei Personen pro Wohnung den Bedarf durch den Bevölkerungszuwachs abzudecken.

Für das vergangene Jahr liegen die abschließenden Zahlen zwar noch nicht vor, doch Professor Harald Simons vom privaten Empirica-Institut rechnet damit, dass es 2019 in Berlin „ein schnelleres Wachstum des Angebots als der Nachfrage“ gegeben habe, wie er am Donnerstag auf Anfrage sagte. Simons, der Mitglied des Rats der Immobilienweisen des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) ist, hatte bereits 2017 im Frühjahrsgutachten für den ZIA prognostiziert, dass sich der Zuzug nach Berlin deutlich verringern dürfte, weil er überwiegend auf einer Zuwanderung aus dem Ausland beruhe.

Wohnungsmarkt immer noch angespannt

Diese Zuwanderung werde sich so nicht unbegrenzt fortsetzen. Weil der Neubau zugleich für Entlastung auf dem Markt sorgen werde, sei mit sinkenden Kaufpreisen und Mieten zu rechnen. Viele in der Immobilienbranche trauten der Prognose nicht. Doch nun zeichnet sich ab, dass Simons richtig liegen könnte. Zu den Auswirkungen der jüngsten Entwicklung wollte sich Simons am Donnerstag nicht äußern. Er verwies auf das kommende Frühjahrsgutachten für den ZIA, das demnächst veröffentlicht werde.

Vertreter von Politik und Verbänden zeigen sich zurückhaltend. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) sagte, der geringere Bevölkerungszuwachs bedeute nicht, dass sich der Wohnungsmarkt schnell entspanne. „Mietpreisdämpfende Maßnahmen und Wohnungsneubau“ seien weiterhin „dringend notwendig“. Ähnlich äußerte sich der Berliner Mieterverein (BMV).

Es sei „zu früh, Entwarnung für den Wohnungsmarkt zu geben“, so die stellvertretende BMV-Geschäftsführerin Wibke Werner. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen erklärte: „Auch mit etwas gedämpfter Bevölkerungsentwicklung bleibt es dabei: Berlin wächst weiter.“ Es ändere sich nichts am großen Neubaubedarf, „vor allem von günstigen Mietwohnungen“.