Berlin - Wohnraum für Studenten ist knapp. In Berlin fehlen nach Angaben von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) etwa 500 bis 600 Plätze in Studentenwohnheimen. Aber auch Zimmer in Wohngemeinschaften (WG) sind rar. 50 bis 60 Bewerber kämen vielerorts auf einen freien WG-Platz, sagt Studentenvertreterin Katharina Mahrt, die am Runden Tisch "Wohnraum für Studierende" des Bundesbauministeriums mitarbeitet. Ein Erfahrungsbericht:

Eigentlich habe ich keine großen Ansprüche. Ich studiere in Berlin, wohne derzeit bei einer Freundin und suche ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Es muss nicht groß sein, nicht in Mitte liegen und auch nicht im szenigen Friedrichshain. Ich brauche erst recht keinen Balkon. Das Zimmer soll nur nicht zu teuer sein und allerhöchstens 300 Euro kosten. Mehr kann ich mir nicht leisten. Vier Monate bin ich schon auf der Suche.

Mindestens 100 Anfragen

Unzählige Internetseiten und Schwarze Bretter an der Uni habe ich durchforstet. Jeden Morgen beim Frühstück schaue ich mir die Online-Inserate auf "wg-gesucht.de" an. Angebote für 200 Euro sind die Ausnahme, die meisten Vermieter verlangen an die 300 Euro, egal, ob das Zimmer 15 oder 25 Quadratmeter groß ist. Mindestens 100 Anfragen habe ich schon geschrieben. Unbeantwortet blieben etwa 50 Mails, 20 Wohngemeinschaften sagten mir ab.

Etwa 30 Mal wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Manchmal waren es drei Termine am Tag. 14 Uhr in Kreuzberg, 16 Uhr in Moabit, 18 Uhr in Friedrichshain. Immer hieß es: Hände schütteln, brav lächeln und viele Fragen beantworten. Wer ich bin, was ich mache, wovon ich lebe, ob ich ein Musikinstrument spiele oder etwas gegen Haustiere habe. Ich spiele weder Trompete noch habe ich etwas gegen Katzen. Geholfen hat mir das aber nie.

Wenn es gut lief, war mein Bewerbergespräch ein Einzelgespräch. Dann habe ich mit zwei oder drei potenziellen Mitbewohnern am Küchentisch gesessen und Kaffee getrunken. Das ist meistens entspannt, weil man sich in Ruhe unterhalten kann. Weniger entspannt ist das Gruppencasting.

Dabei werden zehn bis 15 Bewerber gleichzeitig eingeladen. Hat man Glück, kann man sich für ein paar Minuten unterhalten und bekommt auch ein Glas Wasser angeboten. Das habe ich aber nur einmal in Friedrichshain erlebt. Meistens kommt man beim Gruppencasting aber nicht zu Wort. Eher geht es zu wie in einem Verhör: "Name? Alter? Hobby? Arbeit oder Studium?" Alles wird von den WG-Bewohnern stichwortartig notiert, damit sie sich unter den vielen Bewerbern noch zurechtfinden können. Dann ist der Nächste an der Reihe.

Zimmer in abrissreifen Häusern

Richtig anstrengend ist das Massencasting. Eigentlich muss man Massenabfertigung sagen. Dabei werden alle Bewerber gleichzeitig eingeladen. Wie zum Beispiel in Prenzlauer Berg. Geboten wurde ein 16 Quadratmeter großes Zimmer im Erdgeschoss eines Hinterhauses in einer Fünfer-WG, es sollte 300 Euro kosten. Schätzungsweise 50 Leute sind zu dem Termin gekommen und wurden schubweise durch die Zimmer geschleust. Sie sprachen deutsch und englisch und spanisch, es herrschte ein Kommen und Gehen.

Mir mir geredet hat niemand. Auf einem Tisch in der Küche lag eine Liste, in die wir Namen, Adresse, Telefonnummer und gewünschte Mietdauer eintragen sollten. Dafür blieben gerade mal ein paar Sekunden Zeit, bevor einem der Stift vom nächsten Bewerber aus der Hand gerissen wurde.

Weil so viele junge Leute ein Zimmer suchen, gibt es auch unseriöse Angebote. Zimmer in abrissreifen und fast unbewohnten Häusern zum Beispiel, oder Räume, in denen die Heizung nicht funktioniert. In einer WG stand sogar ein Bett im Flur. Einmal stieß ich auf eine scheinbar luxuriöse Wohnung. Vierer-WG, zwei Bäder – hört sich gut an. Das war ein Irrtum.

Es gab nur ein Bad mit Dusche. Und um dorthin zu gelangen, musste man durch das Zimmer eines Mitbewohners gehen. Es gab noch einen anderen Weg: Raus aus der Wohnung, über den Innenhof in den Seitenflügel und dort zu einer anderen Tür wieder in die WG und ins Duschbad hinein. Selbst bei dieser Wohnung kam ich nicht in die engere Wahl.

Vor kurzem hat mir eine Freundin eine Lösung angeboten. Sie hatte von einer Freundin gehört, das eine andere Freundin ein Zimmer frei hat. Beim Vorstellungsgespräch haben wir viel gelacht und Glühwein getrunken. Es hat klappt, offenbar hatte ich einfach Glück.