Der Wohnungsneubau in Berlin und im übrigen Bundesgebiet ist zwar in Gang gekommen, doch kann der Bedarf damit nicht gedeckt werden. Das geht aus der aktuellen Bevölkerungs- und Wohnungsmarktprognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hervor, die Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) am Dienstag präsentiert hat.

Zwar wurden im vergangenen Jahr bundesweit etwa 240.000 neue Wohnungen errichtet, doch müssen laut der Prognose schon von diesem Jahr an 272.000 neue Wohnungen jährlich fertiggestellt werden – und zwar bis 2020. Danach werde etwas weniger Wohnungen benötigt.

„Die Prognosen zeigen, dass die wirtschaftsstarken Metropolen in den nächsten Jahren einen starken Zuzug zu erwarten haben“, sagte die Bauministerin. „Deswegen brauchen wir vor allem dort eine große Zahl neuer Wohnungen.“ In den sieben Großstädten Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf werden bis 2020 jährlich 47.100 Wohnungen gebraucht, allein 17.200 davon in Berlin.

Manchmal fehlt Geld

Zwar hat der Berliner Senat seine Ziele seit Beginn der Legislaturperiode von 6000 neuen Wohnungen pro Jahr auf nunmehr 10.000 bis 15.000 Wohnungen jährlich erhöht – doch gemessen an der benötigten Zahl von 17.200 Wohnungen ist das immer noch zu wenig.

Dabei wäre der Bau von 17.200 Wohnungen jährlich durchaus zu bewältigen. Allein im vergangenen Jahr wurde in Berlin der Bau von fast 20.000 Wohnungen genehmigt. Nicht alle genehmigten Wohnungen werden jedoch realisiert.

Manches Projekt scheitert am fehlenden Geld. Notwendig wird der Neubau in Berlin, weil die Stadt besonders stark wächst. Allein von 2011 bis 2013 erhöhte sich die Zahl der Berliner um 129.000 Menschen. 2014 kamen noch einmal mehr als 40.000 hinzu. Bundesweit ergibt sich ein differenziertes Bild: Neben einigen wachsenden Städten gibt es schrumpfende Kommunen, vor allem in ländlichen Gebieten.

Deutschland hat 2030 1,7 Millionen weniger Einwohner

Die Zahl der Einwohner in Deutschland wird laut der Prognose bis zum Jahr 2030 um 1,7 Millionen Menschen sinken. Dass dennoch unterm Strich mehr Wohnungen benötigt werden, liegt unter anderem daran, dass die Zahl der Haushalte im gleichen Zeitraum um gut 500.000 steigt. Das wiederum liegt daran, dass in einem Haushalt im Schnitt immer weniger Menschen leben. Zugleich steigt auch der Wohnflächenverbrauch.

Benötigt werden in Deutschland so viele Wohnungen, weil der Neubau in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurde. „Wir wissen, dass in den vergangenen Jahren zu wenig gebaut wurde und wir einen enormen Nachholbedarf haben“, sagte Bauministerin Hendricks. Mit dem von ihr initiierten Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen, in dem die Wohnungsverbände und die Bauwirtschaft vertreten sind, solle der Neubau nun aber unterstützt werden.

Die Beteiligten am Bündnis beurteilen die Lage deutlich kritischer als die Ministerin. Die vorgelegte Prognose berücksichtige nicht den Nachholbedarf, erklärte der Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), Axel Gedaschko. In den nächsten zehn Jahren seien „mindestens 320 000 neue Wohnungen jährlich notwendig“.

Kosten enorm gestiegen

Laut Gedaschko haben unter anderem strengere baurechtliche Anforderungen an Neubauten sowie Auflagen der Kommunen dazu geführt, dass die Kosten für den Bau von Mehrfamilienhäusern in Deutschland seit dem Jahr 2000 um nahezu 40 Prozent gestiegen sind. „Die Politik muss jetzt handeln“, fordert der GdW-Präsident. Notwendig sei beispielsweise, Grundstücke nicht mehr zum Höchstpreis zu verkaufen, sondern an denjenigen mit dem besten Konzept zu vergeben.

Ähnlich äußerte sich Rolf Buch vom Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA), der nach eigener Darstellung für 37.000 Unternehmen der Immobilienbranche spricht. Aus Sicht der Immobilienwirtschaft sei zudem eine attraktivere KfW-Förderung und eine geringere Belastung des Grundvermögens sowie eine bessere personelle Ausstattung in den Bauämtern notwendig, um das Ziel von 272.000 Wohnungen jährlich zu erreichen.

Die Grünen kritisierten, dass die Bauministerin „auf Neubau um jeden Preis“ setze. Dies werde dem Problem nicht gerecht, sagte der Abgeordnete Chris Kühn. „Der notwendige Neubau muss bezahlbar sein.“ Doch die Bundesregierung habe bisher dafür noch kein Konzept vorgelegt.