Berlin - Wie eine typische Flaschensammlerin sieht die energische Frau mit den dunkelgrauen Haaren eigentlich nicht aus. Und doch gibt sie zu: „Ich gehe schon Pfandflaschen sammeln - aber es reicht trotzdem nicht.“ 60 Prozent ihrer Rente gingen für die Miete drauf, mit dem mageren Rest komme sie kaum über die Runden, erzählt die resolute Berlinerin. Eine günstigere Wohnung suche sie schon lange - „und nicht nur in Mitte“ - doch gebe es in der Hauptstadt einfach nichts mehr, was sie sich leisten könne.

Da kann auch Berlins Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) nur bedrückt schauen und Verständnis äußern. Eine schnelle Lösung hat er nicht für die Rentnerin, die in der Diskussionsrunde über das Mietenproblem in der Hauptstadt so mutig ihre Geschichte erzählt. Die Mieten in Berlin explodieren - in Altbauten laut Mietspiegel zuletzt um jährlich sechs Prozent. Vor allem bei neuen Verträgen schlagen die Vermieter kräftig drauf. Viele Berliner fürchten, dass sie sich das Wohnen in der Hauptstadt bald nicht mehr leisten können. „Das ist nicht Verdrängung, das ist Vertreibung“, sagt die resolute Rentnerin.

Steigende Mieten gebe es in jeder Großstadt, erläutert Müller. „Doch in Berlin kamen sie in extrem kurzer Zeit und sind deswegen umso schmerzhafter.“ Die Hauptstadt erlebe einen unglaublichen Aufholprozess gegenüber Hamburg oder München. Dazu komme, dass die Stadt in 15 Jahren um 250.000 Menschen - einen ganzen Bezirk - wachsen werde. Bis 2030 könnte die Nachfrage nach Wohnfläche dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge um fast ein Viertel steigen. „Und alle suchen 2- bis 2,5-Zimmer-Wohnungen“, sagt Müller.

Schon 2010 hätten die Berliner im Schnitt 28 Prozent ihres Gehalts für die Kaltmiete ausgegeben, rechnet der Chef des Berliner Mietervereins, Rainer Wild, vor. Jetzt sei es wohl noch mehr. Sogar in den ehemaligen Sozialwohnungen lägen nur noch 11 Prozent der Mieten unter dem Mietspiegel. „Inzwischen überlegen sich die Leute, ob sie überhaupt umziehen.“ Die Fluktuation liege nur noch bei sieben Prozent. So sei es erst recht schwierig, eine neue Wohnung zu finden.

Müller ist überzeugt: Neue Wohnungen müssen her. In allen Bezirken müsse verdichtet, müssten freie Flächen genutzt werden. Mit seinen Bauplänen für den Rand des Tempelhofer Felds löste er Proteststürme aus. Auch der Plan, mit einem 320 Millionen Euro schweren Wohnungsbaufonds des Senats den Neubau anzutreiben, ist umstritten. Medienberichten zufolge will Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) das Geld nur landeseigenen Gesellschaften zur Verfügung stellen. Müller hingegen will auch privaten Neubau fördern.

Düsteres Szenario

Doch das allein mache die Mieten nicht günstiger, ist Stadtsoziologe Andrej Holm überzeugt. Denn Neubau kostet dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen zufolge derzeit je nach Lage 8,50 bis 10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. „Warum sollte jemand von einer alten 5,50-Euro-Wohnung in eine 10-Euro-Neubau-Wohnung wechseln“, fragt Holm. Neue Wohnungen außerhalb des S-Bahn-Rings entlasteten nicht die Innenstadt, ist ein weiteres Argument. Dann doch lieber die jetzt günstigen Wohnungen erhalten.

Auch das versucht Müller - doch es scheint ein Kampf gegen Windmühlen sein. Kappungsgrenzen für die Mietpreise bei Neuvermietung könnten helfen - müssten jedoch im Bund eingeführt werden. Ob das Verbot, Wohnraum in Ferienwohnungen umzuwandeln, eingehalten wird, ist schwer zu kontrollieren. Sanierungsverbote sind Sache der Bezirke. Holm wettert, jetzt müsse Wohnungspolitik einfach einmal wichtiger sein als Haushaltspolitik. Doch Finanzpolitiker können den riesigen Schuldenberg Berlins auch nicht so einfach außer Acht lassen.

Der resoluten Flaschen sammelnden Rentnerin wird er nicht so schnell zu einer günstigen Wohnung verhelfen können. Für Leute wie sie malt Holm ein düsteres Szenario: Jeder fünfte Umzug in Berlin sei inzwischen mit Zwangsräumung verbunden. (dpa)