Berlin - Es ist kurz nach acht, als Rafe Offer in die Hände klatscht und noch einmal erklärt, warum sie alle hier sind; warum sich Dutzende Menschen in diesem vielleicht 20 Quadratmeter großen Zimmer drängen, mit angezogenen Beinen auf dem Boden sitzen, sich zu acht auf ein zusammengeklapptes Futonbett quetschen, das bedrohlich ächzt; warum sie sogar noch im Flur stehen, auf Zehenspitzen die Hälse recken. Die meisten kennen den jungen Mann, der in diesem Zimmer wohnt, nicht einmal, aber sie wissen jetzt, nach einem Blick in das Regal in der Ecke, dass er Erich Fried liest, sich mit Nivea eincremt und ein Bücherregal für den richtigen Aufbewahrungsort von Creme und auch einer Wärmflasche hält.

Auf der Fensterbank hinter Rafe Offer trocknet eine Topfpflanze vor sich hin, an der Wand hängt ein Relikt aus den späten 80ern, eine Pinnwand aus Kork. Das alles werden die vielen Menschen gleich vergessen. Denn hier wird nun zwei Stunden lang Musik gespielt, ein Querflötist aus London ist dabei und eine Australierin mit Gitarre und einem Kontrabassisten an der Seite. Offer erklärt das so: „Wir wollen die Musik dahin zurückbringen, wo sie meistens herkommt, nämlich in ein kleines Zimmer.“ Begonnen hat das vor etwa einem Monat. Am heutigen Mittwoch findet wieder ein Wohnzimmerkonzert statt. Zum sechsten Mal hat es Offer, ein Mittvierziger aus Amerika, der seit Jahren in London lebt, in Berlin organisiert.

Angefangen hatte alles in New York vor gut zweieinhalb Jahren. Offer, ein großer Musikfan, saß mit einem Freund in einer Bar, vorne spielte eine Band, und niemand hörte zu. „Das ist falsch“, dachte Offer damals, „die Musiker stecken ihr Herzblut in das, was sie spielen, sie haben mehr Respekt verdient.“ Offers Freund ist Musiker.

Die Nachbarn wissen Bescheid

Gemeinsam luden sie wenig später zum ersten Mal eine Hand voll Bekannte zu sich nach Hause ein und der Freund spielte ihnen an diesem Abend ein paar seiner neuen Songs vor. „Es wurde ein großartiger Abend“, sagt Offer. Deshalb wiederholten sie es nur wenig später, luden beim zweiten Mal noch einen anderen befreundeten Musiker ein. Beim dritten Mal war ihr Wohnzimmer voll. Sie nannten die Abende „Songs from a Room“, abgekürzt „Sofar“. Heute sind die Wohnzimmerkonzerte von Sofar eine kleine Bewegung geworden. In 15 Städten haben sie bisher stattgefunden – in Paris, London und sogar im indischen Pune. Oft waren es Freunde, die zum ersten Mal in einer neuen Stadt ein erstes Konzert ausrichteten. Manchmal kamen Menschen auf Offer zu, wie etwa eine Frau aus Los Angeles, die im Netz das Video eines Sofar-Konzerts entdeckte. Das erste Konzert in Berlin organisierte ein Berliner Freund, den Offer in London kennengelernt hatte.

Von Anfang an setzten sie Regeln, die sie vor Konzertbeginn verkünden: Seid pünktlich, bleibt bis zum Schluss und hört euch jeden Musiker an, sprecht nicht während der Konzerte. „Es geht um den Respekt gegenüber der Musik“, sagt Offer.

Musiker, die bei Sofar auftreten, mögen das Konzept. Mikey Kirkpatrick etwa, der Querflötist, der beim letzten Sofar-Konzert in Berlin auftrat, hat schon mehrmals in Wohnzimmern gespielt. „So viel Aufmerksamkeit bekomme ich selten“, sagt er. Vor allem aber sprechen ihn nach den Auftritten viele Leute an. „Sofar funktioniert wie ein soziales Netzwerk“, sagt Kirkpatrick, „aber nicht online, sondern in der Realität.“ Er hofft, irgendwann bei Sofar entdeckt zu werden, vielleicht einen Plattenvertrag zu bekommen, wie schon ein Violinist, der bei einem der ersten Konzerte in New York dabei war.

Ein Sprungbrett für Nachwuchsbands

Rafe Offer würde gerne aus den kleinen Wohnzimmerkonzerten etwas ganz Großes werden lassen, ein Sprungbrett für Nachwuchsbands. Sofar könnte eine Art Label werden. Sie stellen schon jetzt Videomitschnitte der Konzerte ins Internet, einige werden live übertragen.

Es geht nicht nur um Musik, sondern auch um ein Gemeinschaftsgefühl. Es hat etwas sehr Intimes, im Wohnzimmer eines Fremden zu sitzen. „Der Gastgeber muss nicht viel machen“, sagt Offer, „er muss uns nur in seiner Wohnung willkommen heißen.“ Den Rest übernehmen die Sofar-Leute. Sie organisieren die Bands, die ihr Equipment meist selbst mitbringen, verschicken die Einladungen, kümmern sich um den Ablauf. Den Nachbarn im Haus wird Bescheid gegeben, viele Musiker spielen unverstärkt in Zimmerlautstärke, spätestens 23 Uhr sind die Konzerte vorbei.

Wenn der letzte Musiker gespielt hat, lässt Offer einen Hut herumgehen. Noch sind die Konzerte umsonst, jeder Beitrag ist freiwillig. Sofar ist immer auf der Suche nach Menschen, die ihre Wohnung zur Verfügung stellen.

Alle Infos zu den Konzerten unter: www.sofarsounds.com