Potsdam - Die letzten Worte Matthias Platzecks als Ministerpräsident sind eine halbe Entschuldigung. An die frühere CDU-Chefin Saskia Ludwig gewandt, sagte er am Mittwoch im Landtagsplenum, er bedauere, dass ihm im politischen Streit „manchmal die Pferde durchgegangen“ seien. Das sei eigentlich nicht seine Art, aber: „Ihre Vorlagen waren einfach zu gut.“ Danach erklärte Platzeck (SPD) offiziell seinen Rücktritt vom Amt, den er vor einem Monat angekündigt hatte. Seine Familie wünsche sich nach seinem Schlaganfall, dass er aus der Sieben-Tage-Arbeitswoche eine mit fünf Tagen mache. „Diesem Wunsch komme ich nach.“

Es war der emotionale Höhepunkt eines Tages, an dem Dietmar Woidke im Mittelpunkt stehen sollte, der Nachfolger Platzecks. An seiner Wahl durch die Abgeordneten bestanden keine Zweifel, doch das Ergebnis beeindruckte viele: 59 Parlamentarier stimmten für Woidke als Regierungschef, vier mehr als die rot-rote Koalitionsmehrheit. Weitere drei Abgeordnete enthielten sich, nur 25 von 87 Anwesenden stimmten mit Nein. Selbst FDP-Landeschef Gregor Beyer nannte das Resultat bemerkenswert. Es zeigt, welch großes Vertrauen sich Woidke zuletzt als Innenminister erworben hat – und wie hoch die Erwartungen an ihn bis hin ins Oppositionslager sind.

Der neue Ministerpräsident genoss das alles sichtlich. Ein bisschen aufgeregt war er am Morgen, aber das gehöre dazu, so Woidke. Als Begleitung hatte er seine Frau Susanne, deren Tochter Luise und seine erwachsene Tochter Anne aus erster Ehe mitgebracht. Sie erlebten, wie der 51-Jährige aus Forst (Lausitz) den Amtseid leistete, samt dem religiösen Zusatz: „So wahr mir Gott helfe.“ Und sie durften mit auf das erste offizielle Foto des neuen Regierungschefs vor dem Brandenburg-Adler, der im Plenarsaal des alten Landtags noch rot statt weiß ist. Als Gast war außerdem Platzecks Vorgänger Manfred Stolpe (SPD) gekommen.

Die Saaldiener hatten derweil alle Hände voll zu tun, die zahlreichen Abschieds- und Antrittsgeschenke zur Seite zu räumen. Platzeck bekam, neben aufmunternden Worten des Landtagspräsidenten Gunter Fritsch (SPD), vor allem vermeintlich Nützliches für sein Baugrundstück in der Uckermark: Von der Linken eine Kinderschubkarre mit Schaufel und Mistforke, von den Bündnisgrünen ein Paar Gummistiefel und Sonnenblumen, von der CDU einen Gartenzwerg aus Schokolade und von Noch-SPD-Fraktionschef Ralf Holzschuher einen roten Traktor, wenngleich nur als Modell. Den echten Trecker, den er sich für sein Häuschen nahe Templin wünscht, muss Platzeck wohl doch selbst anschaffen. In der Uckermark will er 2014 wieder für den Landtag kandidieren, hat aber versprochen, das Tun seines Nachfolgers nicht öffentlich zu kommentieren „wie die Ex-Nationalspieler in den Halbzeitpausen“.

Woidke bekam unter anderem ein Sortiment Brandenburger Biere und eine Stirnlampe, damit er im Dunkeln unfallfrei joggen kann; wobei unklar blieb, wie beides zusammenpassen könnte. Ziemlich rasch und unvermittelt schaltete der neue Regierungschef um in den Betriebsmodus. „Die Arbeit geht jetzt los“, sagte er. Daran werde er am Ende gemessen, „nicht am Wahlergebnis“.

Sein Büro in der Staatskanzlei bezog er noch am Vormittag. Platzeck überreichte ihm bei der Übergabe auch das, was in Potsdam als Äquivalent zum Atomkoffer amerikanischer oder russischer Präsidenten gilt: Die „Burlakow-Keule“, eine Art Morgenstern aus blankem Messing mit Holzgriff. Der letzte sowjetische Kommandeur hatte das seltsame Gerät beim Abzug der Roten Armee vor rund 20 Jahren Manfred Stolpe vermacht. Das sei das eigentliche Zeichen der Macht in Brandenburg, so Platzeck, weil es für die Souveränität des Landes stehe.

Er hoffe, dass er die Keule im Kabinett nicht brauche, antwortete Woidke. Der Abschied von Platzeck falle ihm schwer und seine eigene Aufgabe sei groß. Übertreiben wollte er es jedoch nicht mit der Sentimentalität: Was vom Büroschmuck bleibt, müsse er sehen: „Ich habe selbst eine große Sammlung.“Sein Vorgänger, der möglichen Abschiedsschmerz mit Heiterkeit überspielte, dämpfte indes die Erwartungen: Wenn Woidke nun die große Freiheit eines Regierungschefs erwarte, täusche er sich: „Nichts kann er mehr selber entscheiden.“ Vielleicht war es das Ende solcher Zwänge, das Platzeck derart gelöst erscheinen ließ.