Berlin - Verena von Stackelberg ahnte lange nicht, dass der Ort, an dem sie ihren Traum verwirklichen würde, ganz nah war. Er sah auch nicht danach aus, der Eckladen schräg gegenüber ihrer Wohnung in Neukölln war ein dunkles, abweisendes Loch, mit zugeklebten Scheiben. An einem Fenster stand in großen Buchstaben „Zigarre“, darum ging Verena von Stackelberg einmal rein, sie dachte, es sei ein Tabakgeschäft. Es war aber nur der Name des Bordells, das hier untergebracht war. Verena von Stackelberg hat das Erdgeschoss auf der anderen Straßenseite dann nicht weiter beachtet, bis 2011 vor der „Zigarre“ plötzlich  viel Betrieb war. Männer trugen Sachen raus, Spiegel, Kisten, Teppiche. Das Bordell zog aus. Sie fand heraus, wem das Haus gehörte, konnte sich die leeren Räume ansehen. Als sie wieder rauskam, wusste sie, dass dies der Ort war, auf den sie gewartet hatte. Dass sie hier ihr Kino eröffnen wollte.

Es war ein großer, ein verrückter Traum, und deswegen findet Verena von Stackelberg es ganz in Ordnung, dass es sechs Jahre gedauert hat, ihn wahr zu machen. Sie geht durch einen großen Raum, der nach Tischlerwerkstatt aussieht, in ein paar Tagen aber eine Bar sein wird, stößt eine schwere Tür auf, auf der „Saal 1“ steht: dunkelgraue Wände, sanftes Licht aus schlichten Wandleuchten, weinrote Kinosessel. Der kleine Saal liegt verheißungsvoll da, wie leere Kinosäle das immer tun. Weil sie nur auf den Moment zu warten scheinen, an dem das Licht ausgeht und auf der Leinwand Bilder erscheinen. Noch wurde hier kein Film gezeigt, es ist ein paar Tage vor Beginn der Berlinale, und das „Wolf“, so heißt Verena von Stackelbergs Kino, das aus zwei Sälen mit je 50 Plätzen besteht, soll während des Filmfests eröffnen. Seit ein paar Jahren bezieht die Berlinale auch kleine Kinos in den Stadtteilen mit ein, „Berlinale goes Kiez“ heißt das Programm. Der Neuling aus Neukölln darf mitmachen, ein glamouröser Start.

Die irre Reise

Verena von Stackelberg lässt sich in einen Kinosessel fallen. Die Stühle waren ein Geschenk eines Kinos in Steglitz, das sich neue besorgt hat. Die Lampen an der Wand hat eine Freundin gemacht. Auch die jungen Männer, die gerade Cafétische zusammenzimmern, sind Freunde. Genau wie die Leute, die in einem anderen Raum diskutieren, wie das Popcorn gewürzt sein soll. Als Verena von Stackelberg, Mutter eines sieben Monate alten Jungen, schwanger war, übernahm ein befreundeter Regisseur die Bauleitung und koordinierte die Arbeiten. Den Umbau finanzierte in Teilen eine Crowdfunding-Kampagne, in sechs Tagen kam mehr als die erhofften 50.000 Euro zusammen. Das neue Kino ist ein Gemeinschaftsprojekt, nicht zuletzt deswegen heißt es „Wolf“. Weil man gemeinsam, im Rudel, schafft, was allein nicht gelingen würde.

Verena von Stackelberg, 39 Jahre alt, merkte aber auch wieder, welcher Zauber vom Kino immer noch ausgeht, diesem dunklen Raum, in dem man zusammenkommt, um sich gemeinsam eine Geschichte erzählen zu lassen. Jeder war begeistert von ihrer Idee. „Ich fand es immer schon eine irre Reise, ins Kino zu gehen“, sagt sie, „schon als Kind. Magisch. Und ich brauche etwas Magie in meinem Leben.“ Die gebürtige Heidelbergerin, die in London Film studiert, für Kinos Veranstaltungen und Programme geplant und für einen Filmverleih gearbeitet hat, spricht mit ruhiger Klarheit von ihrer Leidenschaft. Ihre bedachte Art hat ihr vermutlich geholfen bei einem Projekt, das überall Begeisterung, aber ebenso große Zweifel geweckt hat.

Die Bank winkte gleich ab, als sie vor fünf Jahren vorsprach, Kinos standen auf der Liste von Vorhaben, für die generell keine Kredite gegeben wurden. Kinos schlossen, das war der Trend. In Berlin war zu spüren, dass etwas zu Ende ging, in die ehrwürdigen alten Filmtheater am Berliner Kudamm waren Filialen von Zara und H&M eingezogen, traditionsreiche Filmkunstorte wie die Kurbel in Charlottenburg verschwanden. Auch den Multiplex-Häusern, die in den Neunzigerjahren weniger moderne Kinos  verdrängt hatten, ging es  nicht gut, es gab zu viele und zu große Säle. Kleinere Programmkinos bangten ebenfalls, viele hatten die alten Projektoren noch nicht gegen digitale getauscht und scheuten die Investition. Verena von Stackelberg hatte oft mit Kinobetreibern zu tun, sie arbeitete für einen Filmverleih und rief meist direkt bei den Kinos an, um für Filme zu werben. „Die seufzten dann immer, wie schlecht es ihnen geht, wie die Zuschauerzahlen sinken.“