Berlin - Am Anfang hatte "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", die erste tägliche Seifenoper im deutschen Fernsehen, schlechte Quoten und verheerende Kritiken. Aber dann kam er: Von Folge 185 an, die vor genau 20 Jahren lief, mischte Wolfgang Bahro in der Rolle des fiesen Rechtsanwalts Jo Gerner mit. Während viele mäßig talentierte Inhaber hübscher Gesichter kamen und gingen, blieb er die Konstante im Ensemble von GZSZ.

Wie kamen Sie zu "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"?

Eine Casterin fragte, ob ich nicht mal kommen könnte. Das wäre doch eine Möglichkeit, mehr im Fernsehen zu machen. Ich fragte sie entsetzt: "Hast Du Dir mal die ersten Folgen davon angesehen? Die sind ja furchtbar!" Sie hat mich überredet, trotzdem vorzusprechen. Der Producer, der sich meine Szene angeschaut hat, fragte gleich nach meiner Schuhgröße. Der wollte mich unbedingt haben. Ich war unsicher. Die Casterin redete mir zu: Mensch, mach das doch. Brauchst ja nur zwei Monate. Daraus sind zwanzig Jahre geworden.

Wie war damals Ihre finanzielle Situation?

Finanziell ging es mir nicht so schlecht, weil ich als Kabarettist bei der Distel für meine damaligen Verhältnisse als alleinstehender junger Mann ganz gut verdient habe.

Wie ist die Situation heute?

Die hat sich verbessert. RTL zahlt nicht so schlecht.

Ich erinnere mich aber noch gut an Ihre Klage, dass sie immer als Stars bezeichnet, aber nicht wie Stars bezahlt werden.

Das habe ich im Vergleich mit den Amerikanern gemeint. Ich denke an US-Kollegen, die sieben Millionen Dollar pro Staffel bekommen. Da können wir leider nicht mithalten.

"Anwälte reagieren mit Humor auf meine Rolle"

Hatten Sie jemals genug Geld, um größere Mengen davon in obskuren Immobilienprojekten im Osten zu verlieren?

Ich habe so etwas tatsächlich auch gemacht. Allerdings in kleinem Rahmen. Ein damaliger Berater riet mir heftig zu einer Immobilie in Magdeburg, weil ich sonst dem Staat zu viel Geld in den Rachen werfen würde. Ich habe mich darauf eingelassen und bin reingefallen, weil das eine Schrottimmobilie war.

Läuft das Fließband bei der industriellen Produktion der Serie inzwischen eigentlich schneller als am Anfang?

Bei uns nicht. Bei uns wird nach wie vor pro Arbeitstag eine Folge von 25 Minuten gedreht. Bei anderen Produktionen ist es schlimmer. Gerade bei denen, die 45 Minuten am Tag schaffen müssen.

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Für die meisten anderen Rollen im Fernsehen und im Kino kommen Sie mit Ihrem Seriengesicht nicht in Frage. Weinen Sie sich deshalb manchmal in den Schlaf?

Ich würde nicht sagen, dass ich dafür nicht in Frage komme. Es gibt ja auch viele Regisseure, die GZSZ nicht kennen. Meine Besetzung wird dann aber in aller Regel von der Redaktion verhindert. Ich weine deshalb nicht ins Kissen. Was mich wirklich noch reizen würde, wäre richtig schönes Kino. Und Quentin Tarantino schaut bestimmt nicht "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Vielleicht habe ich ja Glück, nach Christoph Waltz bei ihm auch mal einen Bösewicht zu spielen.

Wie reagieren eigentlich Anwälte darauf, dass Sie den sowieso schon miesen Ruf ihres Berufsstandes noch weiter verschlechtern?

Mit Humor. Ich habe selten einen Anwalt erlebt, der mir feindlich gesinnt war. Im Gegenteil. Die freuen sich meist über juristische Drahtseilakte, die der Gerner macht.

Wie reagieren Leute im Supermarkt?

Manchmal treffe ich eine ältere Dame, die mich ermahnt: Nun seien Sie doch nicht immer so böse! Junge Leute klopfen mir anerkennend auf die Schulter und sagen: Super, Gerner! Du bist mein Vorbild.

Wie kann Gerner ein Vorbild sein?

Wenn wegen ihm jemand, der aus einfachen Verhältnissen kommt, Jura studiert, dann kann das ja nicht schaden.

Hitler-Rolle am Jüdischen Theater

Wer zu viel Honorar verlangt, fliegt. Wie oft standen Sie davor, rausgeschrieben zu werden?

Wegen des Gehalts sicher nicht. Vielleicht mal, weil einem Producer meine Nase nicht mehr passte.

Geht Jo Gerner Ihnen langsam auf die Nerven?

Ja! Besonders in letzter Zeit, in der ich immer wieder erlebe, wie er sich selbst bemitleidet und in den Alkohol flüchtet. Da frage ich mich: Junge, wo ist Dein alter Biss? Reiß Dich zusammen und lass endlich mal wieder den Mistkerl raushängen! Trieze andere Leute, statt Dich so hängen zu lassen.

Sind Sie Gerner auch dankbar? Schließlich hilft seine Popularität, Eintrittskarten für Ihre Bühnenauftritte zu verkaufen.

Das ist sehr unterschiedlich. Ich spiele ja auch die Rolle des Adolf Hitler im Hochhuth-Stück "Gasherd und Klistiere" am Jüdischen Theater. Es scheint, obwohl ich die Termine immer bei Facebook poste, junge Menschen nicht so zu interessieren, ob Gerner den Hitler spielt. Ich bedauere das sehr. Die letzte Vorstellung am Jüdischen Theater ist übrigens am 16. Februar. Für mein Programm "Berliner Zeitensprünge" im Kabarett "Die Stachelschweine" gibt’s ganz guten Zulauf.

Ärgert es Sie, dass Sie auf Gästelisten häufig nicht als "Schauspieler", sondern als "GZSZ-Darsteller" geführt werden?

Ich kann nachvollziehen, dass man Unterschiede macht. Ein Schauspieler haucht verschiedenen Rollen Leben ein. Und der Darsteller stellt dar, meistens sich selbst. Es gibt hervorragende Darsteller. Ich halte Manfred Krug für einen wunderbaren Darsteller. Alles, was Manfred Krug spielt, ist Manfred Krug. Bauarbeiter, Rechtsanwalt oder Kommissar – es ist immer Manfred Krug. Das andere Extrem ist Dustin Hoffman, der sehr wandlungsfähig ist. Der ist für mich ein Schauspieler.

Warum sollte der Regisseur eines Films Sie engagieren?

Weil ich ein guter Schauspieler bin. Aber ich verstehe schon, dass vielen beim Film der Mut dazu fehlt.

Was stirbt früher: Jo Gerner oder GZSZ?

Ich könnte mir vorstellen, dass Gerner mit GZSZ stirbt.

Das Interview führte Andreas Kurtz.