Nach seinem Abschied aus dem Deutschen Bundestag, dem er sieben Legislaturperioden lang angehört hatte, drohte ab Oktober tatsächlich das tiefe, tiefe Loch der Bedeutungslosigkeit für den Bundestagspräsidenten a. D. Für Kabarettauftritte wie den von Norbert Blüm am Dienstagabend in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ (bei dem Blüm Standing Ovations bekam und noch mal den inzwischen arg zynisch klingenden Satz „Die Rente ist sicher!“ rufen durfte) ist Wolfgang Thierse völlig ungeeignet. So etwas ließe sich wohl auch nicht mit seinem Verständnis von der Würde des verflossenen Amtes vereinbaren.

Ebenso ungeeignet erscheint der SPD-Ruheständler auch für Langeweile und Müßiggang. Mit seiner Frau kann er inzwischen noch öfter als früher in Ausstellungen gehen und Theaterstücke anschauen. Aber sein Leben besteht nicht nur aus Freizeitgestaltung: „Ich gehe noch jeden Morgen ins Büro. Pro Tag kommen etwa zehn Briefe, fünf davon Einladungen. Die meisten muss ich absagen.“ Thierse ist sich bewusst, dass diese Aufmerksamkeit stetig abnehmen wird. Er versucht, seine stetig abklingende Restbedeutung zu versilbern.

Bevor jetzt jemand – ein beliebter Ausruf unserer Tage – „Skandal!“ brüllt, sei angemerkt: Thierse bessert sich nicht etwa seine sowieso schon üppige Pension auf (von der ihm jeder Euro gegönnt sei, schließlich musste er im Bundestag auch so manchen unappetitlichen Typen ertragen), er versucht, möglichst viel Geld für verschiedene gute Zwecke zusammenzuraffen.

Beste Erfahrungen hat Thierse da mit CDs gemacht, auf denen er etwas vorliest und deren Erlös dann dabei hilft, Gutes zu tun. Der Aufwand hält sich in Grenzen: Er spricht etwas in ein Mikrofon und Leute, die sich damit auskennen, machen daraus eine CD, die dann verkauft wird.

Auf der CD mit dem Titel „Die Gedanken sind frei“ singen Pete Seeger, die Fischerchöre, Fred Bertelmann, Milva, Dean Reed und ein sächsischer Bergsteigerchor den Klassiker der Freiheitslieder. Und Thierse liest ihn mit Betonung zur Saxofonbegleitung vor. „Seit meiner Schulzeit weiß ich, wie viel Vergnügen es bereitet, Gedichte laut zu lesen.“ Der Erlös dieser CD geht an das Behandlungszentrum für Folteropfer e.V.

Zugunsten des Kinderhospizes „Sonnenhof“ der Björn-Schulz-Stiftung hat Thierse eine mit Klassik für Kinder aufgenommen. Mit einer weiteren („Charles Dickens – Ein Weihnachtsmärchen“) unterstützt er das Pankower Mach-mit-Museum für Kinder. Auf seiner jüngsten CD liest Wolfgang Thierse Lieblingsgedichte von Lessing, Hölderlin, Storm, Hermlin, Brecht, Rilke, Biermann und anderen vor, dazwischen laufen Musikstücke von Beethoven, Mozart, Miles Davis und Smetana, die er mag.

Der Erlös dieser CD, die er zum Abschied auch ehemaligen Mitarbeitern geschenkt hat, wird für das Projekt „Leselust“ der Bürgerstiftung Berlin verwendet. Thierse: „Kinder für das Lesen zu begeistern, ist eine ganz wichtige bildungspolitische Aufgabe.“ Für die Bürgerstiftung Berlin, deren Schirmherrschaft Thierse auch nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag behalten hat, las der Politiker im Ruhestand am Mittwochabend Gedichte in der Backfabrik in Mitte. Anschließend signierte er seine CD, die vor Ort für sechs Euro angeboten wurde. Schließlich ist alles besser, als mit einem Kissen auf dem Fensterbrett den Lebensabend zu verplempern.