BerlinIch habe mich entschlossen, in den letzten dunklen Wochen dieses Höhlenjahres noch ein wenig Spaß zu haben. Dazu muss ich gar nicht aus dem Haus gehen. Abwechslung bietet mir in meinem ständigen berufsmäßigen Nachdenken über Corona allein schon ein bisschen Sprach-Klamauk.

Zum Beispiel die Lust am Wortspiel, die ja – wie die von mir verehrte Sprachforscherin Agathe Lasch schrieb – besonders in Berlin zu Hause sein soll. Sie erinnerte an die „scherzhaften Namenreime“, die vor hundert Jahren überall zu hören waren: „Paul, halt’s Maul!“ – „Jawollja, sagt Olja“ – „Emil, friss nich so viel!“ – „Walter, wenn er pupt, denn knallt er!“ In einem Berliner Gedichtbändchen fand ich den Vers: „Ernst, ach Ernst,/ was du mir alles lernst./ Von Dingen, die ich nie gewusst,/ von ungeahnter Liebeslust./ Ernst, ach Ernst,/ was du mir alles lernst.“

Mein Opa, Jahrgang 1904, war auch ein begeisterter Wortspiel-Fan. Eines Tages sagte er: „Hör zu, meen Kleena, du kannst dir die Monate janz einfach mit Tiernamen merken. Nämlich so: Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill, Maikäfer, Ponny, Muli, Auerochs, Wespenbär, Locktauber, Robbenbär, Zehenbär.“ Erst später erfuhr ich, dass der Text vom Münchner Dichter Christian Morgenstern stammte. Er traf genau die Berliner Seele.

Das ist alles lange her. Wo findet sich heute dieser Wortspieldrang? Die Antwort lautet: überall. Manchmal sind die Ergebnisse gelungen, manchmal peinlich. Die Berliner Stadtreinigung hat sich vor Jahren an die Spitze der Wortspieler gestellt. Mit ihren Fahrzeugen, die da heißen: „Feganer“, „Mülle Grazie“, „Kehrrari“ und „Spülzeugauto“. Mit Müllkästen, die Namen tragen wie „Star Dreck“, „Köpeschick“, „Glänzlberg“ und „Putzdamer Platz“.

Berliner Ortsnamen zu verhunzen, das hat Tradition. Im Berlin-Musical „Linie 1“ von 1986 fuhr man „von Krankwitz bis Morbid“. Wenn jemand fordert: „Bilde mal’n Satz mit Bellevue!“, dann sagt man natürlich: „Ick belle wü’n Hund!“ Und Schönefeld wurde auch längst von irgendjemandem in „Schönet Jeld!“ umbenannt, wegen der Milliarden, die im BER verbraten wurden.

Viele aktuelle Beispiele finden sich in den sozialen Medien, etwa bei Facebook, in der „Wortspielhölle Berlin“. Hier stößt man mitunter auf eine überschießende Kreativität, bei der sich einem die neuronalen Netze verknäueln. Etwa, wenn der Tierarzt-Notdienst Berlin für seine Hausbesuche Werbung macht: „Katz fatz da und Hund um die Uhr“. Oder wenn ein Laden sein Mettwurst-Brötchen „Heavy Mettel“ nennt. Oder wenn auf einer Werbung für Hopfen-Smoothie steht: „Die Hopfnung stirbt zuletzt“.

Auch Corona hat seine Spuren hinterlassen. Vieles hätte man vor einem Jahr überhaupt noch nicht verstanden. Die BVG wirbt für den Mund-Nasen-Schutz in der Bahn: „Die drei Masketiere: Jeder für alle, alle für jeden“. Jemand sieht sein Modell als „das ‚Mask-Have‘ der Saison!“ Und ein anderer kalauert, dass die aktuelle Situation wohl „langviriger“ werde als ursprünglich angenommen. In dieser dunklen Jahresendstimmung werden wohl noch so manche Wortspiele rauspurzeln.