Köln - Jahrelang war die Frage: „Und was machst du beruflich?“ Smalltalk-Thema Nummer 1. Sobald Frauen Mutter werden, scheint das plötzlich niemanden mehr zu interessieren. Dabei ist Mutter-Sein ein Vollzeitjob – der nur leider nicht bezahlt wird. Nina Straßner ist Autorin des Blogs Juramama und schreibt in einem Gastbeitrag für das gerade erschienene Buch „Wow Mom“ darüber, was Mütter eigentlich verdienen müssten.

Das Buch haben Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim geschrieben, die Autorinnen des Blogs „Stadt Land Mama“. Es soll ein Mutmacher für das erste Jahr mit Baby sein und den Druck aus der Mutterschaft nehmen. Denn es gibt tausende Babyratgeber, aber kaum ein Buch für Mütter, das fragt: „Wie geht es dir eigentlich?“ Mit einem Baby ist man müde, stolz, glücklich, gelangweilt und überfordert zugleich. Wie soll ich das alles hinkriegen? Werde ich je wieder arbeiten können? Was macht das Baby eigentlich mit meiner Beziehung? Und wie reagiere ich am besten auf all die gut gemeinten Ratschläge? „Macht Euch bloß keinen Stress. Ihr seid gut so, wie Ihr seid!“, sagen die Autorinnen. Das macht doch Mut! (twe)

Lesen Sie jetzt den Gastbeitrag „Mütter sind unbezahlbar“ von Nina Straßner, den wir als Auszug aus dem Buch „Wow Mom“ in voller Länge veröffentlichen dürfen: 

„Ich habe auf dem Spielplatz nach Jahren eine Frau wiedergetroffen, mit der ich drei Jahre lang einmal pro Woche in irgendeinem Kinderkrabbelkurs rumhing, während unsere Windelkinder mit Holzstäben auf Bänke droschen und wir das für „musikalische Früherziehung“ hielten. Als ich versuchte, mich genauer zu erinnern, fiel mir auf, dass ich weiß, wann ihre Kinder gezahnt haben, welche Globuli sie gegen Bauchweh verabreicht, in welcher Brust-Reihenfolge sie abgestillt hat und wann ihr Mann aus der Bank am Mittwochnachmittag nach Hause kommt. Dann mäht er Rasen. Was sie beruflich macht, welche Ausbildung sie hat, was sie mal gelernt hat? Keine Ahnung. Ich hab sie nie gefragt. Und sie mich auch nicht.

Was sie beruflich macht? Keine Ahnung

Ich schämte mich sehr für mich selbst, setzte mich neben sie, und wir tauschten erst mal ein paar Kekse gegen Möhrensticks. Ohne noch weiter Zeit zu verlieren, fragte ich: „Sag mal, was machst du eigentlich beruflich?“. Sie antwortete: „Ich arbeite seit den Kindern nicht mehr. Aber ich war mal Unternehmensberaterin bei McKinsey in San Francisco. Da habe ich meinen Mann kennengelernt. Und du?“ Ich war leider kurz zu sprachlos, um die Grundlagen der Gesprächsführung einzuhalten. Da sitzt tatsächlich eine Frau neben mir, die jahrelang diversen Unternehmen in zwei Sprachen erklärt hat, wie sie wirtschaftlich aufgestellt sind, was deren Tätigkeiten wert sind und wie sie sich am besten am Markt verkaufen müssen, knabbert ruhig an einem Stück Wurzelgemüse und sagt, sie würde „nicht mehr arbeiten".

Ich arbeite seit den Kindern in zwei Jobs.

Ich fand meine Sprache wieder: „Ich bin Anwältin“, antwortete ich. „Ich arbeite aber seit den Kindern in zwei Jobs.“ Sie hörte auf zu kauen und murmelte betroffen: „Es ist echt krass, wie teuer Kinder sind, oder? Da muss man also sogar in deinem Beruf noch was dazuverdienen. Was machst du denn nebenher?" „Ich mache die persönliche Assistenz von zwei hilfsbedürftigen, leicht durchgedrehten Personen mit täglichen Nachtschichten und auch am Wochenende. Das heißt, ich regle ihren gesamten Alltag, vom Kleidungskauf über Nahrungsbeschaffung und -zubereitung und erledige den kompletten Papierkram für sie. Ich fahre sie zu Terminen, unterstütze sie bei diversen körperlichen und geistigen Fördermaßnahmen und in ihrem Seelenheil, kümmere mich um ihre sozialen Kontakte und manage die Events, die über das Jahr so anfallen. Hin und wieder kommen Arztbesuche vor, und natürlich muss ich auch ihren Lebensraum sauberhalten, pflegen und ansprechend gestalten. Das mache ich aber komplett unbezahlt.“

Den Konkurs des Elternteils, das aufhört zu arbeiten, hat keiner auf dem Schirm

Ich schaute ihr tief in die Augen und spitzte die Ohren. Na? Wann würde der Groschen fallen? Und –kling–  da plumpste er auch schon. Ich mache meinen Beruf als Juristin nun seit über einem Jahrzehnt. In 99 Prozent aller Fälle liegen mir Eheverträge vor, die der wirtschaftlich stärkere der beiden Elternteile gemacht hat, um sein Unternehmen, seine Praxis, seine Kanzlei im Falle einer Scheidung vor dem Konkurs zu retten. Den „Konkurs“, den derjenige Elternteil hinlegt, wenn er seinen Beruf zugunsten der Kinderbetreuung aufgibt, hat keiner auf dem Schirm, und wir leben in einer Gesellschaft, die das vollkommen normal findet.

100 Euro Rente im Monat pro Kind

Die gesetzlichen Regelungen der Versorgung sind nach der Familienrechtsreform 2008 fast vollständig abgeschafft worden, ohne gleichzeitig dafür zu sorgen, dass man trotz Kindern im Vorfeld auch dementsprechend vorsorgen kann. Stirbt ein Elternteil oder trennt man sich, sitzt man insolvent im Kinderzimmer und kann diese Lücke nie wieder aufholen. Absurderweise wird auch bei der Rente, die von den heute geborenen Kindern eines Tages bezahlt werden soll, nicht die Arbeit belohnt, die wir in die Kinder stecken. Vielmehr kommen die Rentenansprüche fast ausschließlich von der Arbeit, die wir außerhalb der Familie verrichten. Pro Kind gibt es drei Rentenpunkte, das sind derzeit bummelige 100 Euro im Monat. Bei zwei Kindern kann man dafür also dreimal im Monat volltanken, ein Käsebrötchen kaufen und im Auto wohnen. Miete ist bei den Beträgen nämlich nicht drin.

Was passiert bei einer Trennung?

Eine Unternehmensberaterin müsste also angesichts des geltenden Sozialsystems dazu raten, in unserem Leben möglichst wenig Kinder bei möglichst viel Berufsausübung zu bekommen. Der berufstätige Elternteil steht natürlich viel besser da, und gemeinsam wird das vielleicht sogar ganz o.k. laufen, wenn wir selbst wieder Windeln brauchen. Aber was ist, wenn man eben nicht gemeinsam alt wird und gleichzeitig auf einem Schaukelstuhl das Zeitliche segnet oder sich vorher trennt? Dazu kommt noch, dass bei unverheirateten Eltern keine Witwenrente gezahlt wird und bei einer Trennung auch keinerlei Ausgleich fließen muss. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Das würden Mütter nach dem geltenden Mindestlohn verdienen

Selbst wenn wir nur den geltenden Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde, ohne Feiertags-, Wochenend- und Nachtzulagen ansetzen und von einem 14-stündigen Arbeitstag einer die Kinder und den Haushalt betreuenden Person, kommen wir auf ein Jahresgehalt von 47.647 Euro brutto. Diese Arbeit muss aber auch eine Alleinerziehende neben ihrem Beruf erledigen, dann eben in weniger Stunden, und in ganz vielen Familien ist es überwiegend immer noch die Mutter, die neben einer zusätzlichen Berufstätigkeit all diese Aufgaben „on top“ erledigt.

Meistens erledigt die Mutter alle Aufgaben neben ihrem Beruf „on top"

Meine Spielplatzfreundin und ich schwiegen uns entsetzt und wütend an, tranken Kaffee aus einer umweltfreundlichen Thermoskanne und schworen im Geiste einen heiligen Eid: Sollte noch einmal irgendjemand sagen: „Ach, du arbeitest nicht?“, werden wir in einen Streik treten, einfach morgens nicht aufstehen und die gesamte „Nicht-Arbeit“ der Kinderaufzucht einstellen. Und während wir ein Möhrchen nabbern, werden wir beobachten, wie binnen eines einzigen Tages eine gesamte Volkswirtschaft kollabiert. Etwas weniger dramatisch könnten wir aber auch mit Gesprächen am Küchentisch beginnen und endlich mal über Geld reden.“

Buchtipp: „Wow Mom – Der Mama-Mutmacher fürs erste Jahr mit Kind“, Krüger Verlag, 2019