Berlin - Der Zufall wollte es, dass der Fraktionsvorsitzende Raed Saleh auf dem Podium in der Mitte stand, zwischen dem Parteivorsitzenden Jan Stöß und dem Bausenator Michael Müller. Wäre es anders gewesen, hätten die SPD-Mitglieder am letzten Abend dieses innerparteilichen Wahlkampfes um die Nachfolge von Klaus Wowereit womöglich eine Rauferei erlebt.

Wie in den ersten Vorstellungsrunden der drei Kandidaten ging es vor allem um die Wohnungspolitik. Müller hatte gerade betont, dass inzwischen rund 10.000 neue Wohnungen pro Jahr in der Stadt gebaut werden und dies als einen Erfolg gewertet. Und wie so häufig in den vergangenen drei Wochen nutzte Stöß die Gelegenheit, um sich von Müller abzugrenzen.

Müller kontert Stöß’ Attacke

„Das sind doch vor allem private Investoren, die meist viel zu teure Wohnungen bauen“, kritisierte er. Der SPD-Chef will das Bauprogramm des Senats drastisch ausweiten und statt 1000 rund 5000 neue Wohnungen pro Jahr durch Steuermittel fördern. Doch Müller hatte sich offenbar vorgenommen, die Angriffe seines Kontrahenten nicht mehr hinzunehmen.

Wer so etwas verspreche, müsse auch sagen, wo die 1,5 Milliarden Euro dafür herkommen sollen, konterte Müller. Vor allem aber störe ihn die Haltung. Anstatt gegen die eigenen Leute im Senat zu agitieren, hätte er sich einen SPD-Chef gewünscht, der sich auch mit der Blockadepolitik der CDU auseinandersetzt. Die frühere SPD-Geschäftsführerin Kirstin Fussan twitterte sogleich: „Frontalangriff gegenüber dem Landesvorsitzenden.“

Stöß empfand es wohl ähnlich, denn in diesem Moment trat er einen Schritt hinter dem Rednerpult hervor. Er bewegte sich an Saleh vorbei in Richtung Müller, zeigte mit dem Finger auf ihn und wollte etwas sagen. Müller verließ ebenfalls seinen Platz und tat so, als wollte er sich direkt neben Stöß stellen. Dann grinsten Müller und Saleh, die kurz aggressiv wirkende Situation ging im Gelächter der rund 300 Zuhörer unter. Saleh machte am Ende den Punkt, als er sagte: „Okay, wenn die beiden um den Job des Bausenators streiten, damit kann ich gut leben.“

Sorge um die Wahlbeteiligung

Wer an diesem Abend noch punkten konnte, blieb offen, doch zusammenfassend lässt sich vor allem eines sagen: Stöß stand mit seiner Angriffslinie gegen Müller und den Senat alleine da, Saleh machte dabei nicht mit. Die beiden scherzten häufig miteinander und grenzten sich von ihrem Gegner ab.

Was die drei Kandidaten jedoch vereint, ist die Sorge um die Wahlbeteiligung. Denn nicht einmal die Hälfte der Sozialdemokraten hat sich bislang an dem Mitgliedervotum beteiligt, wie man in Kreisen der SPD-Spitze kleinlaut zugibt. Danach waren bis Montag nur rund 8400 Wahlunterlagen eingegangen. Wenn wirklich nur so wenig SPDler den neuen Senatschef mitbestimmen sollten, wäre das mehr als peinlich. Der Basis-Entscheid würde von vielen in der Stadt als Misserfolg gewertet.

Am Dienstag wurde die SPD-Führung aktiv, um in letzter Minute für eine größere Wahlbeteiligung zu werben. Alle Mitglieder mit einer E-Mail-Adresse erhielten eine Nachricht von Landesgeschäftsführer Dennis Buchner. „Bitte hilf mit Deiner Stimmabgabe mit, eine gute Beteiligung zu erreichen und unserem künftigen Regierenden Bürgermeister damit Rückenwind zu geben“, heißt es in dem Schreiben.

Zugleich machte Buchner deutlich, dass dafür nur noch wenig Zeit bleibt. Die Wahlzettel müssen zwar erst an diesem Freitag um Mitternacht vorliegen. Da es aber nicht möglich ist, seinen Briefumschlag dann noch selbst in einer Filiale der Post abzugeben, sollten die noch unentschlossenen Parteimitglieder „möglichst bis Mittwoch, spätestens aber am Donnerstag“ ihre Stimme abgegeben haben.

Optimismus in der Zentrale

Wer seine Unterlagen nicht mehr findet, hat aber ein Problem. Denn so einfach könnten sie nicht ersetzt werden, erläuterte der Geschäftsführer. Der oder die Betroffene müsse eine Ersatz-Mitgliedsnummer erhalten, erst dann könne ein neuer Wahlzettel ausgegeben werden. Buchner zeigte sich dennoch zuversichtlich. Viele seiner Parteifreunde hätten bis zum Schluss abwarten wollen, vermutete er. Er rechne mit einer Wahlbeteiligung zwischen 60 und 70 Prozent.

Ob nach der Auszählung der Urwahl am Sonnabend der neue Regierende Bürgermeister feststehen wird, ist dennoch fraglich. Notwendig ist die absolute Mehrheit von über 50 Prozent der abgegebenen Stimmen. Reicht es für keinen der Kandidaten, ist eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten vorgesehen. Diese findet genau in den Herbstferien statt.