Berlin - Es dauert etwas, bis Rudolf Spangenberg über Wowereit reden will. Er ist ein alter Mann, das warme Wetter an diesem Wochenende zwingt ihn zur Langsamkeit. Außerdem hat er gerade etwas anderes im Kopf als diesen Rücktritt. Er will für sein eigenes Anliegen werben, dafür ist das Lietzensee-Fest der SPD in Charlottenburg eine schöne Gelegenheit.

Der Sozialdemokrat holt ein Flugblatt aus der Tasche und sagt: „Es wäre schön, wenn Sie kommen könnten.“ Der Verein „Wir für alle“, um den sich der Bezirksverordnete nebenbei kümmert, hat ein Konzert organisiert. Mitte Oktober spielt das Seniorenorchester Steglitz-Zehlendorf im Rathaus Charlottenburg Operetten, Walzer und Märsche. Der Eintritt kostet acht Euro, ein Teil der Einnahmen soll Berliner Obdachlosen zugutekommen.

Und was sagen Sie nun zu Klaus Wowereit? „Ich finde es nicht in Ordnung, so plötzlich hinzuschmeißen.“ Spangenberg hat den Rücktritt im Fernsehen gesehen und war enttäuscht, sagt er. Er habe gedacht, das dauere noch, diese ganzen Diskussionen hätten sich doch gerade beruhigt. Außerdem hätte Wowereit die SPD besser darauf vorbereiten sollen. „Ich glaube, Klaus hatte einfach keinen Bock mehr.“ Irgendwie könne er das auch verstehen. Der Flughafen und die eigene Partei hätten ihn mürbe gemacht. Aber die Entscheidung über die Nachfolge deshalb der Basis überlassen? Rudolf Spangenberg guckt gequält, spricht von sehr großen Fußstapfen und sagt: „Ich weiß überhaupt nicht, wen ich wählen soll.“

Überall Erleichterung

Nach dem Rücktritt vor zwei Wochen ging es den Berliner Sozialdemokraten wie vielen in der Stadt. Die Sommerferien waren gerade vorbei, man begann, seinen Alltag zu sortieren. Gelegenheiten, mit Parteifreunden über die neue Lage zu reden, boten sich nur wenige. Zwar standen überall in den zwölf SPD-Kreisverbänden erste Treffen an, doch die Nachfolgefrage spielte nur am Rande eine Rolle. Die Basis bereitete Stadtteilfeste, Dampferfahrten oder Wanderungen vor. Organisierte Debatten darüber, wie es nun weitergehen soll, gab es kaum.

Eines lässt sich aber trotzdem sagen: So grummelig wie Rudolf Spangenberg ist eigentlich niemand. Wo auch immer man sich umhört in der Berliner SPD – es herrscht eine erstaunliche Zufriedenheit angesichts der Lage. Die Sozialdemokraten sind erleichtert. Der Zeitpunkt für den Rücktritt gilt als gut gewählt. Man findet es schade, dass Wowereit geht, aber richtig. Das Flughafendesaster, die schlechten Umfragen, die Streitereien im Senat, die Konflikte mit der CDU – alles wurde ihm angelastet. In der Öffentlichkeit und offenbar auch in der Partei. Man ist froh, dass diese Last abfallen kann. Nun beginnt etwas Neues.

Die Erleichterung hat noch andere Gründe. Endlich hat sich durchgesetzt, was viele Sozialdemokraten schon vor zwei Jahren gefordert hatten: mehr Basisdemokratie in Personalfragen. Nicht ein Parteitag entscheidet, wen das Abgeordnetenhaus am 11. Dezember zum Regierenden Bürgermeister wählen soll, sondern die gut 17.000 SPD-Mitglieder. Deren Votum soll verbindlich sein, haben die Parteioberen versprochen. Das freut die Basis sehr. Keine Hinterzimmerentscheidung, kein Gekungel auf Funktionärsebene, sondern eine Briefwahl. „Wir brauchen das jetzt“, sagt ein SPD-Mann in Treptow-Köpenick.