Wunder der Großstadt: Endlich habe ich einen Vogel

Das 9-Euro-Ticket sorgt für volle Züge und reichlich Stress bei der Fahrt durch Berlin. Aber dann am Alex ist da diese feine kleine Überraschung.

Ein kleiner Vogel an einem Fahrrad am Bahnhof Berlin Alexanderplatz
Ein kleiner Vogel an einem Fahrrad am Bahnhof Berlin AlexanderplatzBerliner Zeitung/Jens Blankennagel

Eine Großstadt wie Berlin ist immer für eine Überraschung gut, so auch an diesem schönen Sommertag, seit dem ich einen Vogel habe. Und das kam so.

Ich war im Zug unterwegs. Der Regionalexpress von Potsdam zum Alex war trotz 9-Euro-Ticket  nur ein wenig überfüllt. Beim Zugfahren gibt es zwei Kategorien von Menschen: die Unglücklichen, die stehen müssen, und die Glücklichen, die einen Sitzplatz ergattert haben. Wer sitzt, kann gelassen die Augen schließen, während sich die anderen durch den Zug schieben und weitersuchen.

Durch Berlin mit dem Zug zu fahren, ist besser als mit der S-Bahn, denn der Zug hält nur ab und zu an. Alle sind in Bewegung – die auf dem Bahnsteig und die im Zug. Nur wer sitzt, ist wie aus der Zeit gefallen. Entspannt, in sich versunken, ruhig.

Dann die Ankunft. Berlin Alexanderplatz: aufspringen, all den Kram in den Rucksack packen, bloß nichts vergessen. Zur Tür drängeln und gleichzeitig Abstand halten. Aussteigen. Die Ruhe der Zugfahrt weicht der Großstadtroutine: einordnen in die Schlange an der Rolltreppe, sich in der trägen Masse durch den Bahnhof treiben lassen, aufs Fahrrad steigen und ab geht’s ins Berliner Verkehrschaos.

Bloß nicht das Fahrrad anfassen

Doch stopp. Was ist denn das an meinem Fahrrad, das im Schatten des Fernsehturms steht? Ein kleiner Vogel sitzt hinten am Gepäckkorb. Ganz still. Die langen Schwanzfedern wehen im Wind. Orangefarbene Brust, aber kein Rotkehlchen. Mein Lieblingsvogel.

Ich traue mich gar nicht, das Fahrrad anzufassen, weil ich ihn nicht vertreiben will. Da sehe ich, dass die Schwanzfedern viel zu sehr im Wind wehen. Das kann kein echter Vogel sein.

Ich gehe näher heran. Der Vogel ist ein kleiner, täuschend echter Nachbau, aus irgendwelchem weichen Material und echten Federn. Mit einer Klammer am Gepäckträger befestigt.

Ich stecke den Vogel vorsichtig in den Rucksack. Auf der gesamten Fahrt überlege ich, wer mir diesen Vogel verpasst hat. Jemand, der mein Fahrrad wiedererkannt hat? Wohl kaum. Dafür steht es viel zu selten am Alex. Also reiner Zufall. Da wollte einfach jemand etwas Gutes tun.

Eine solche Überraschung ist wirkmächtig. Dieser schöne kleine Vogel hockt neben meiner Tastatur und sorgt auch jetzt, Tage später, noch immer dafür, dass ich mich ab und an in Gedanken verliere.

Vielleicht war alles auch ganz anders: Jemand hat den Vogel gefunden, der auf der Straße am Bahnhof lag. Es war bestimmt eine Frau, die den Vogel nicht wegwerfen wollte und ihn gedankenverloren irgendwo angeheftet hat. Egal wie es wirklich war. Vielen Dank für den Vogel.