Vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal den Berliner Kultursenator Klaus Lederer getroffen. Ich dachte jedenfalls, es wäre das erste Mal. Es war im zweiten Stock des Gebäudes vom Neuen Deutschland am Franz-Mehring-Platz. Ein paar Berliner Autoren lasen hier Texte aus Büchern, die im Mai 1933 von den Nazis verbrannt wurden. Lederer stellte sich vor und sagte, er habe mich ja vor vielen Jahren schon mal bei der Berliner Zeitung getroffen, wo ich in einem Zimmer mit meinem Kollegen André Mielke saß.

„Zwischen Ihre Schreibtische hatten Sie eine DDR-Fahne gehängt“, sagte Lederer. Er lächelte. Ich konnte mich weder an ihn noch daran erinnern, jemals irgendwo eine DDR-Fahne aufgehängt zu haben, schon gar nicht in meinem Büro. Ich habe, so weit ich weiß, auch nie ein Zimmer mit meinem Kollegen André Mielke geteilt. Natürlich war das alles sehr lange her, mindestens 25 Jahre, und immerhin war Lederer inzwischen Berliner Kultursenator. Senator für Kultur und Europa, um genau zu sein. Viel mehr geht eigentlich nicht. „Muss ich verdrängt haben“, sagte ich.

Lederer lächelte, neben ihm stand ein kleiner, älterer Herr mit Bart, der sich ausschüttete vor Lachen. Er rief immer wieder: „Verdrängt. Verdrängt.“ Ich hatte das Gefühl, in eine Kabarettnummer geraten zu sein.

Dann ging ich in den Saal, um die Anfangskapitel aus „Die Mutter“ von Maxim Gorki vorzulesen, die mich an meine Zeit als Lehrling bei den Neubrandenburger Wasserbetrieben erinnerten. Im vorrevolutionären Russland wurde genauso viel gesoffen wie auf meinem Entstörfahrzeug beim VEB Wasserwirtschaft und Abwasserversorgung. Die Neubrandenburger Kollegen bevorzugten „Timm’s Saurer“ aus der Kaulsdorfer Schnapsbrennerei Schilkin.

Schon damals hatte ich das Gefühl, dass die guten Zeiten vorbei waren

Am Freitagmorgen mussten wir Lehrlinge den Facharbeitern eine Flasche kaufen, dann fuhren sie uns gleich vor der Schicht zum Bahnhof, von wo wir nach Berlin flohen. Die Facharbeiter aber fuhren mit ihrem Robur zurück in den Wald, tranken Schnaps und spielten Karten, bis die Schicht zu Ende war und sie in der Kneipe weitersaufen konnten. Aus lecken Neubrandenburger Leitungen suppte das Wasser ungestört.

Schon damals hatte ich das Gefühl, dass die guten Zeiten vorbei waren, ohne allerdings zu wissen, ob es die jemals gegeben hatte. Ich erzählte den Leuten im Lesesaal vom Neuen Deutschland, dass mich der Anfang von Gorkis „Die Mutter“ an meine Lehrzeit erinnerte, aber auch an den Anfang des amerikanischen Zeichentrickfilms „Oben!“, der ja ebenfalls das gleichmütige Verstreichen der Zeit und der Hoffnungen beschreibt.

Ein ganzes Leben rollt da in fünf Minuten vor unseren Augen ab. Am Ende des „Oben!“-Vorspanns ist aus einem abenteuerlustigen Jungen ein starrköpfiger Alter geworden, der mit letzter Kraft seinen alten Platz in einer neuen, anderen Welt behaupten will. Sein kleines Holzhaus steht zwischen Wolkenkratzern. So ist es am Ende leider oft.

Die Leute im ND-Saal sahen mich verständnislos an. Vielleicht hielten sie es für verantwortungslos und unhistorisch, „Die Mutter“, den Klassiker des sozialistischen Realismus, mit einem Zeichentrickfilm aus Hollywood beziehungsweise meinen Saufgeschichten zu vergleichen. Vielleicht wollten sie nicht an ihr eigenes Schicksal erinnert werden.

Jeden Tag ging die Welt unter

Nur Klaus Lederer lächelte immer noch. Er kennt sich mit Zeitenwenden aus. Lederer wurde in Schwerin geboren, wuchs in Frankfurt an der Oder auf und zog 1988 mit seinen Eltern nach Berlin. Hohenschönhausen. Da war er vierzehn, ein schwieriges Alter für einen Umzug. 1990, mit sechzehn also, betrat er – zumindest in seiner Erinnerung – ein Büro der Berliner Zeitung, wo mein Kollege André Mielke und ich zusammen mit einer DDR-Fahne saßen.

So muss es gewesen sein, damals in Berlin, und so ging es immer weiter. Jeden Tag ging die Welt unter. Etwas verschwand. Die Mauer, die DDR, die DDR-Fahne, der Palast der Republik, die Honeckers, die Subventionen für Kinderschuhe und Turnhosen, das Industriegebiet Oberspree, die Prenzlauer Berger Boheme.

Der Spruch, den jemand auf eine Mauer neben unserem Verlagsgebäude gesprüht hatte: „Das Chaos ist vorbei. Es war die schönste Zeit!“ Die Deutschlandhalle, die Werner-Seelenbinder-Halle. Timm’s Saurer. Apricot Brandy. Pfefferminzlikör. Kirsch-Whisky. Günter Schabowski, Richard von Weizsäcker, der Flughafen Tempelhof, die erfolgreichen Zeiten von BFC Dynamo, Tennis Borussia und Blau Weiss. Andy Thom. Die Neue Berliner Illustrierte, Super!, Für Dich, Freie Welt, Horizont, Wochenpost.

Der Trabant, der Wartburg, das Tacheles, der Torpedokäfer, die Avus-Rennen, das alte Kranzler, Harald Juhnke, Manfred Krug. Verschiedene Wagenburgen und besetzte Häuser. DT64, Rias Berlin, das Hotel Unter den Linden. Die Funktion des ICC. Tino Schwierzina, das Ampelmännchen, Walter Momper, Eberhard Diepgen, Klaus Wowereit. Das Café-Nord. Die Love Parade. Die Ostschrippe. Die Westschrippe. Rio Reiser. Lord Knud. Heiner Müller. Die F6. Die Ernte 23. Die Säufer und die Raucher.

„Wir haben uns geeinigt, uns nicht zu einigen“ 

Gerade verschwindet die gute alte Volksbühne. Lederer hat sich noch an sie geklammert. Er hat sich zu Gesprächen mit Chris Dercon getroffen, der das Theater von Frank Castorf übernimmt. Chris Dercon ist ein belgischer Kulturmanager, der zuletzt in London gearbeitet hat. Frank Castorf kommt aus Ost-Berlin. Er lernte bei der Reichsbahn, sein Vater hatte eine Eisenwarenhandlung.

Castorf hat ein ausgelassenes Verhältnis zu aller Art von Drogen, Frauen und dramatischem Material. Dercon hat einen gepflegten Bart. Lederer kommt aus einer Stadt an der polnischen Grenze, wo die Lokalzeitung früher Neuer Tag hieß und heute Märkische Oderzeitung, er ist Mitglied der Linken, schwul und singt gelegentlich in der A-cappella-Gruppe namens Die Rostkehlchen.

Interessante Runde. Die Gesprächsprotokolle erinnern an die von Friedensverhandlungen im Nahen Osten. Dercon sagt: „Wir haben uns geeinigt, uns nicht zu einigen.“ Castorf sagt nix, es heißt, er will das Laufrad vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mitnehmen, wenn er geht. Seine Band ist auf Abschiedstour.

Lederer sagt: „Am Ende blieb es bei unterschiedlichen Sichtweisen auf Theaterbetrieb und -funktion. Diese Differenz mag ungewöhnlich sein, ich halte sie jedoch für aushaltbar.“

Aushaltbar, Alter

Aushaltbar. Interessantes Wort. Mein Rechtschreibprogramm hat es nicht erkannt, dabei beschreibt es die Berliner Attitüde treffend. Is auszuhalten. Muss ja. Wenn ick könnte, wie ick wollte. Kann ick aber nich. Eener muss it ja machen. Bleibt ma nüscht Walter Ulbricht. Wat soll’t. Scheiß druff.

Aushaltbar, Alter. Das ist der Kommentar des Großstädters, der jedes Problem als eine weitere Zumutung empfindet, die er ertragen muss. Neben dem ganzen anderen Scheiß.

Die Laktoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit der Neuberliner. Dinkelbrot. Die Cafés, in denen nur noch Englisch gesprochen wird. Schwabenbäcker. Hammelgrillen im Stadtpark. Veganer. Mütter, die mit ihren sperrigen Fahrrädern und ungezogenen Kindern Bürgersteige blockieren. Mietspiegel. Klagen auf Eigenbedarf. Räumungen. Townhäuser. Die dicken Geländewagen. Chris Dercon und die Soccer Moms. Touristen aus Spanien. Touristen aus England. Die Bundesregierung. Die „be Berlin“-Kampagne, die die Stadt als Spielplatz vermarktet. Amerikaner in Mitte. Mitte überhaupt.

Aber auch: linke Stadträte und Senatoren. Ungehobelte Russen in Trainingshosen, Rumänenbanden und Castorf. Stasimethoden. Stalinisten. Ostlehrerinnen. Platte. Neonazis aus Brandenburg. Wildschweine aus Brandenburg. Ostkindergärtnerinnen. Weizenmehl. Fleisch. Marzahn. Hellersdorf. Ahrensfelde. Die S-Bahn. Die U-Bahn. Die Straßenbahn. Der Bus. Die aggressiven Autofahrer. Die aggressiven Radfahrer. Tempo 30! Fahrradautobahn! Und: Einheitsdenkmal, Stadtschloss, Hundekacke. Prenzlauer Berg. Charlottenburg. Tegel, Schönefeld.

Wir waren schon zusammen in Nordkorea und in Ostpreußen

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einem alten Kumpel in einer Kneipe am Zionskirchplatz verabredet. Zwei Minuten, bevor ich da war, schickte er eine WhatsApp-Nachricht: „Nee, wir müssen woanders hin. Die haben nur Tannenzäpfle-Bier!“

Wir waren schon zusammen in Nordkorea und in Ostpreußen, wir haben dem Fackelzug der FDJ Unter den Linden beobachtet, während im Prenzlauer Berg Demonstranten verprügelt wurden, er ist in meine Wohnung gezogen, nachdem er sich von seiner Frau trennte, aber dieses badische Pissbier war dann doch zu viel. Das hat weniger mit Osten und Westen zu tun als vielmehr mit Metropole und Provinz.

Ich lese morgens im Bett die Newsletter verschiedener Zeitungen auf meinem Handy. New York Times, Spiegel, Handelsblatt, Tagesspiegel. Sie sind alle mehr oder weniger liebevoll gemacht, oft hat man den Eindruck, das große Zitatenlexikon liegt in Reichweite der Autoren, aber grundsätzlich muss man den Hut vor den Kollegen ziehen.

Sie wecken mein Interesse an der Welt. Jeden Morgen. So richtig in Berlin-Stimmung bringen mich aber nur die Newsletter vom Tagesspiegel. Sie transportieren die perfekte schlechte Laune. Wortspiele bis zum Abwinken. Zitate aus den Berliner Amtsstuben. Verspätungen. Intrigen. Irrwitz. Größenwahn und Provinzialität. Und immer die aktuelle Zahl zum Schönefeld-Wahnsinn.

Die schlechte Laune ist ein Merkmal der Großstadt

Es ist, als würde man sich mit dem Busfahrer unterhalten. Allet Scheiße, da draußen. Größer hamsit nich oder wat? Schönen Schrank, ooch. Man hat schon so einen Hals, wenn man im Bad ist. Gute Sache.

Die schlechte Laune ist ein Merkmal der Großstadt. Man findet sie in New York und in Berlin. Nur dort beklagt man das Verschwinden von Dingen, die man nicht vermisst, wie den Palast der Republik, den Flughafen Tempelhof oder den Trödelladen in der Bötzowstraße, dessen Besitzer rauchte und Kriegsbücher las. David Letterman, der berühmteste New Yorker Talkmaster aller Zeiten, hat in jeder dritten Show bedauert, dass es keine Nutten mehr auf dem Times Square gibt.

Inzwischen ist er selbst weg. Wie Wolfgang Neuss, der einst bedauerte, dass Richard von Weizsäcker nicht mehr Regierender Bürgermeister von Berlin ist. Da hatte Neuss bereits keine Zähne mehr. Er nannte Weizsäcker „Ritschie“.

Vor ein paar Tagen hat sich Bushido in der Zeit darüber beschwert, dass in Kreuzbergs „Klein Istanbul“ heute neun von zehn Leuten Hipster seien. In einem Laden am Kottbusser Damm, wo Bushido seit 20 Jahren seinen Köfte isst, wird er blöd von einem Typen angesehen, der gerade aus Baden-Württemberg nach Berlin gezogen ist. Einer von denen, die tagelang auf Kreuzberger Dächern rumgammeln, um die Skyline zu bewundern. Sagt Bushido. Nicht einfach, das zuzugeben, aber ich verstehe ihn. Wir sind länger hier. Das Laufrad gehört uns.

Schlechte Laune und ambitionierte Angst sind eine bekannte Kombination

Das andere Merkmal der Metropole ist die Angst der Zugezogenen vor ihrer neuen Heimat, die sich oft hinter absurdem Selbstbewusstsein verbirgt. Man will ja nicht auffallen. Also redet man sehr laut im Bäcker und bringt große Pläne mit in die Stadt.

Schlechte Laune und ambitionierte Angst. Man sieht diese beiden Eigenschaften sehr gut in den Gesichtern von Castorf und Dercon. Wat willst’n hier?, sagt Castorfs Gesicht. Alles, sagt Dercon.

„Die Volksbühne ist schon jetzt nicht mehr nur ein Gebäude, eine Nord-Süd-Achse führt direkt durch sie hindurch, von Tempelhof über Neukölln und Mitte zum Prater. Und im Großen von Syrien bis Schweden“, sagt Chris Dercon. Würde Castorf mit Dercon reden, hätte er ihm wahrscheinlich geraten: Trink erstmal ’n Schnaps.

Ich habe nicht immer verstanden, was mir Frank Castorf mit seinen Stücken sagen wollte, aber ich glaube, die Achse Syrien-Schweden war nicht seine Sache. Ich war vor zwanzig Jahren mal mit der Volksbühne in Belgrad. Zwischen den Kriegen. Eine der seltsamsten und schönsten Reisen, die ich als Reporter unternommen habe.

Richard Sennett hat beschrieben, wie das Finanzkapital den Menschen zerstört

Als auf dem Theaterfestival im geschundenen Belgrad gerade seine Inszenierung von „Pension Schöller: Die Schlacht“ lief, saß Castorf in der Kantine und betrank sich mit Rakija, ein Schnaps, der ihn an eine glückliche Zeit in Bulgarien erinnerte, wie er mir sagte. Darum geht’s ja oft. Die glückliche Zeit. Damals. Jedenfalls kam er nach der Premiere ziemlich bezündet ins Foyer, wo der aufgeregte deutsche Botschafter in Serbien mit einer Kurzanalyse des Stücks wartete, die er sich zurechtgelegt hatte.

Castorf sah ihn kurz mit seinem Tranceblick an, und sagte: „Ham Se wieder wat über Deutschland gelernt, was?“ „Ich kenne Deutschland, aber Sie kannte ich bisher noch nicht“, sagte der Botschafter. „Nu kenn Se mich ja“, sagte Castorf und ließ den Mann stehen.

So schmerzlich der Berliner Widerstand für ihn sei, sagte Chris Dercon der Zeit, das Nachdenken darüber sei inspirierend und führe einen in die DNA dieser Stadt. Lese man eine Chronik aller ost-westdeutschen Missverständnisse nach der Wiedervereinigung, dann verstünde man auch das Phänomen Volksbühne.

Dercon hat seinen Freund Richard Sennett gefragt, was los ist. Dercon wollte wissen, warum er, der sich immer für einen Linken gehalten habe, in Berlin plötzlich als neoliberaler Eroberer gelte. Ich glaube nicht, dass Richard Sennett eine Antwort hatte. Sennett kommt aus Chicago. Er ist Soziologe und hat beschrieben, wie das Finanzkapital den Menschen zerstört.

Dercon will auf der richtigen Seite der Geschichte stehen

Das ist nicht das Problem von Berlin und schon gar nicht das der Volksbühne. Ich habe mich mit Sennett vor zehn Jahren ein paar Mal in einem schönen Townhaus der New York University unterhalten. Er wusste nix von Berlin. Ich habe ihm ein Buch über den sich verändernden Charakter des Berliner Plattenbaubezirks Hellersdorf geborgt, das er mir nie zurückgegeben hat. Wenn er es noch hat, sollte er es Dercon weitergeben, aber ich vermute, er hat es irgendwo liegen lassen. Es war ein dickes, etwas unhandliches Coffeetablebook.

Ich glaube, Dercon hat Sennetts Namen fallen gelassen, um sich festzuhalten. Aus dem Grund ließ er auch die Namen von Rem Koolhaas und Paul Mason fallen. Ein amerikanischer Starsoziologe, ein holländischer Stararchitekt und ein englischer Starjournalist. Dercon will auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, vorn. Das ist menschlich, erst recht, wenn man im Kulturbetrieb arbeitet, wo ja jeder vorn sein will. Aber Dercon sollte als Londoner wissen, dass sich ein Großstädter nicht von Namen beeindrucken lässt.

Den Potsdamern schwoll die Brust, als der greise brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer ankündigte, der Stadt eine Schwimmhalle zu bauen. Die Hamburger glauben, sie wohnen plötzlich in der Mitte der Welt, nur weil sie ein neues Konzerthaus haben und die Weltpolitik zum Wochenendbesuch kommt. So denken Kleinstädter. In Berlin funktioniert das nicht. Der Berliner sieht seit Jahrzehnten dabei zu, wie seine Innenstadt mit immer gleichen Würfelkästen zugebaut wird. Sieht zwa scheiße aus, jibt aber schlümmeret.

Er habe sich noch nirgendwo auf der Welt so unfrei gefühlt wie in Berlin, gestand Dercon in der Zeit, die in Hamburg erscheint, der eingebildeten Hauptstadt. „Was meinen Sie genau mit Freiheit?“, fragte die Zeit.

Seine letzte große Arbeit war die Wolfgang-Tillmans-Retrospektive in der Modern Tate

Dercon sagte: „Seit dreißig Jahren denke ich nicht ausschließlich über die Dinge nach, sondern ich denke einschließlich. Die Dinge gehören zusammen, ohne, dass ich weiß, wie sie wirklich sind.“

Ich habe drei Wochen lang über diese Sätze nachgedacht. Es zerreißt mir fast das Hirn. Keine Ahnung, was er meint. Aber es klingt so, als spüre Chris Dercon in Berlin keinen Boden unter den Füßen.

Seine letzte große Arbeit war die Wolfgang-Tillmans-Retrospektive in der Modern Tate, dem Londoner Museum, das Dercon sechs Jahre lang leitete. Tillmans habe ihm sehr geholfen in der schwierigen Berliner Zeit, sagt Dercon. Er erforsche die Bedeutung von Kunst, Freiheit und Politik. Das ist natürlich eine ganze Menge, wie alles, was Dercon berührt, sich praktisch in die ganze Welt verwandelt.

Von Hause aus ist Tillmans Fotograf. Er hat als erster Nicht-Brite den Turner Prize gewonnen und ein Video zum Pet-Shop-Boys-Song „Home and Dry“ gedreht, in dem die beiden Musiker zusammen mit einem riesigen Schäferhund auf einem roten Sofa sitzen.

Man hat das Gefühl, Chris Dercon in den Kopf zu schauen

Ich war Anfang des Jahres in London und habe mir die Tillmans-Show in der Modern Tate angeschaut. Große Fotos einer Fliege, die in einer Krabbenschale sitzt, eine Kaffeetasse, ein Tukan auf einem Campingtisch, ein Wasserfall, das Meer, die Sterne, ein eingerüstetes Haus, ein Männerohr, Schnappschüsse. Unschärfe, Wackler hier und da. Die Frage nach dem Alltäglichen interessiert Tillmans nicht, sagt er. Die Bilder hängen in einer der teuersten Galerien der Welt, sind aber nicht gerahmt. Sie pinnen an der Wand wie WG-Poster.

Bemüht flüchtig. Alles und nichts. Man hat das Gefühl, Chris Dercon in den Kopf zu schauen. Um ein etwas klareres Bild zu bekommen, sollte sich Dercon die Fotoausstellung von Harf Zimmermann in der C/O-Galerie am Berliner Zoo ansehen.

Jemand, der an der west-östlichen DNA der Stadt interessiert ist, muss da hin. Zimmermann hat Ende der Achtzigerjahre die Hufelandstraße im Berliner Bötzowviertel fotografiert. Die Häuser, die Läden, die Wohnungen und die Menschen. Die Bilder von damals und ihre Betrachter von heute zeigen, was in den letzten dreißig Jahren mit uns passiert ist. Es ist, als schaue man der OST-Lampe der Volksbühne dabei zu, wie sie langsam in der Berliner Nacht verschwindet.

Ich habe die Ausstellung vor drei Wochen besucht, es war ein verregneter Sonntag, neben mir waren bestimmt noch dreißig andere Leute da, die mal im Bötzowviertel gewohnt haben oder immer noch dort wohnen. Ich bin hinter einer Familie hergelaufen.

„Da ist jetzt das Möbelgeschäft drin“

Ein Mann mit großem Kopf und weißen Haaren, eine Frau mit festgezurrtem Gesicht und zwei Kinder um die zwanzig. Steppjacken, Cordhosen, Halstücher. Eine Familie, die in den Achtzigern ganz sicher nicht im Prenzlauer Berg wohnte. Sie orientierten sich an den verwitterten Jugendstil-Elementen der Fassaden auf den alten Fotos der Hufelandstraße.

„Da ist jetzt das Möbelgeschäft drin“, sagte die Frau. „Und da der Italiener. Da der Laden für Babybekleidung.“ Ich hörte sie reden und sah dabei über ihre Schultern in die Gesichter der Verkäufer, die für den Fotografen vor ihren schmucklosen Geschäften Aufstellung genommen hatten. Friseure, Bäcker, Fleischer, Kürschner, Fischverkäufer und die Familie Schramm, die bis vor anderthalb Jahren einen Obst- und Gemüseladen in der Hufelandstraße führte.

„Da ist ja der unfreundliche Sohn“, sagte der weißhaarige Mann und zeigte mit dem Finger auf den jungen Herrn Schramm, der neben seinem Vater und seiner Mutter vorm Geschäft stand. Ich hätte dem Typen am liebsten mit einem stumpfen Gegenstand auf seinen weißhaarigen Ochsenkopf geschlagen.

Herr Schramm ist einer der sanftesten Männer, die ich kenne. In seiner Jugend war er ein sehr guter Eisschnellläufer. Er hat Ökonomie studiert, bevor er den Laden seiner Eltern übernahm, in seiner Freizeit fotografiert er mit einer Camera obscura verwilderte Landschaften, er liest die Berliner Zeitung und den Spiegel, hat aber nie so getan, als sei er mehr als ein Obst- und Gemüsehändler.

Ich habe gelernt, mit Vorurteilen zu leben

Er ist jeden Morgen um halb drei aufgestanden, um zum Großmarkt zu fahren. Mittags hat er sich eine Stunde schlafen gelegt, auf eine Couch hinten im Laden. Abends haben seine Frau und er sich gegenseitig die Namen ihrer neuen, zugezogenen Kunden abgefragt. Damit es eine persönlichere Beziehung wird, in der sie überleben können

Auch Frau Schramm hat einen Hochschulabschluss. Sie haben keine großen Gewinne gemacht und dennoch haben sie von Tomaten abgeraten, die ihnen zu teuer schienen oder Trauben, die noch nicht ganz da waren, wo sie sein sollten. Irgendwann ging es nicht mehr. Frau Schramm hatte Rückenschmerzen, Herr Schramm einen Tinnitus. Sie gaben auf. Am Ende haben sie niemanden gefunden, der das Geschäft übernimmt.

Es gibt keinen Tag, an dem ich die Hufelandstraße entlanggehe und die Schramms nicht vermisse. Ich hätte dem Mann das alles ins Gesicht schreien können, aber die Familie war schon weitergezogen und belächelte die Kittel eines Friseurkollektivs. Am Ende mache ich so etwas nicht. Ich habe gelernt, mit Vorurteilen zu leben. Mit denen der anderen und mit meinen eigenen.

Es ist eine große Stadt, es ist viel passiert, und bestimmte Dinge holt man nicht auf. Mit dieser Haltung habe ich die letzte Pollesch-Inszenierung an der Volksbühne überstanden. Ein Diskurs über das Theater, die Zeit, die Stadt und den Kulturimperialismus, eine Art Backpfeife für den anrückenden Dercon.

Sie bringen ihre Regeln mit, ihre Geschäfte, ihre Weltsicht

Drei Männer in roten Einteilern und Schnabelschuhen, darunter unser Freund Milan Peschel, redeten, rannten und machten Anspielungen, manchmal verstand ich etwas, oft nicht. Obwohl Milan Peschel mit meiner Frau zur Schule ging, fehlte mir der Kontext, das machte es mühsam, auch weil man auf einer abschüssigen Betonrampe saß. Aber es war wenigstens nicht überlang, und die drei Männer dort vorn sahen so lustig und traurig aus wie gute Clowns.

Schwieriger als das Stück war das anschließende Gespräch mit zwei Frauen in der Kantine der Volksbühne. Hier löste sich mein Kontext völlig auf. Ich fühlte mich wie früher auf dem Schulhof, wenn ich über die versauten Witze meiner frühreifen Klassenkameraden lachte, obwohl ich sie nicht verstand.

Oder wie Ekkehard Schall, als er zum ersten Mal die Bücherwand in Brechts Wohnzimmer sah. Ich habe acht Jahre Volksbühne verpasst, weil ich in New York lebte, das rächte sich jetzt. Viele Namen und Perioden, Skandale und Trends, Schauspieler und Inszenierungen sind an mir vorbei gegangen. Ich saß verloren im Zigarettenrauch der Kantine.

Eine der beiden Frauen war Holländerin, was meine Verlorenheit noch verstärkte. In solchen Momenten verstehe ich, wie fremd sich die Leute fühlen müssen, die in ein Viertel ziehen, in dem ich schon als Kind spielte. Sie bringen ihre Regeln mit, ihre Geschäfte, ihre Weltsicht, ihre Lautstärke und die Geländewagen, aber natürlich bleibt das dunkle historische Wasser unterm dünnen Eis. So, als siedle man auf einer Grabstätte alter Indianer wie die amerikanischen Durchschnittsfamilien in den Stephen-King-Romanen. Dort unten pocht das Herz der Großstadt, dort im Dunkeln schlängelt sich die DNA Berlins.

Ein großer Film über das Verstreichen von Zeit und Hoffnungen

Dercon und die Soccer Moms sind so laut, weil sie Angst haben. Sie pfeifen im Wald. Hoffe ich jedenfalls. Als wir, mitten in der Nacht, die Kantine der Volksbühne verließen, hatte sich die schmale Straße hinterm Theater in eine Filmkulisse verwandelt.

Matti Geschonneck drehte dort die Eingangsszene seines wunderbaren Films „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Es standen alte DDR-Autos herum, Leute in verschossenen Anoraks warteten auf ihren Einsatz. Es war kalt, aber mein Herz wurde warm. Nach all der Fremdheit in der Kantine fühlte ich mich in dieser DDR-Kulisse merkwürdig zu Hause und sicher. Ich wäre am liebsten in ihr verschwunden.

Als ich die Szene dann bei der Premiere des Films im Kino International auf der Leinwand sah, wirkte die Straße kalt, niederschmetternd und hoffnungslos, ich war so froh, dass die ganze Scheiße vorbei ist.

Wie der Zeichentrickfilm „Oben!“ ist „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ein großer Film über das Verstreichen von Zeit und Hoffnungen. Es spielt auch hier ein alter, knorriger Mann mit, der einfach in seinem Haus sitzen bleibt, während sich draußen die Welt dreht. Im amerikanischen Zeichentrickfilm bindet sich der Alte irgendwann Luftballons an sein Haus und fliegt mit denen in das Traumland seiner Jugend, irgendwo im südamerikanischen Dschungel.

Schlechte Laune und Größenwahn

Das ist auch ein Lösung, aber keine großstädtische. Der Großstädter hält es aus. Er passt sich an. Er winkt dem OST-Schild der Volksbühne hinterher, wischt sich eine Träne aus dem Auge und macht weiter. Er zieht von Mitte nach Pankow, von Marzahn nach Prenzlauer Berg, von Weißensee in den Wedding, von Kreuzberg nach Reinickendorf, von Manhattan nach Brooklyn und von da nach Queens.

Weil es ihm zu langweilig wird, zu laut, zu spießig oder zu teuer. Er stirbt. Oder er zieht in die Uckermark und ist dann ehemaliger Berliner. Er wird von lärmenden Touristen, Kindern, Kulturimperialisten oder geldgeilen Verwaltern drangsaliert, er gibt auf, oder er wehrt sich. Er besetzt Wohnungen, Häuser oder ein ganzes Theater. Er zieht in eine kleinere Wohnung, oder er kauft sich eine.

Im vorigen Sommer habe ich im Freiluftkino Kreuzberg die großartige Dokumentation „Die Stadt als Beute“ gesehen, deren Autor Andreas Wilcke beschreibt, wie Berlin an Investoren verhökert wird. Er zeigt ahnungslose Ausländer bei der Schnäppchenjagd, Mieter, denen die Fenster zugemauert und die Wohnungen geflutet werden, hilflose und unfähige Politiker, die Kräne und die Vorstadttristesse der Townhaus-Viertel. Ich saß in dem verwilderten Kinohof und hatte zwei Gefühle im Herzen.

Wut und Glück. Ich war wütend auf die Schweine, die meine Stadt verscherbelten, und glücklich, bereits vor zehn Jahren eine Wohnung gekauft zu haben. Wut und Glück. Schlechte Laune und Größenwahn. Dercon und Castorf.

Das Wesen der Großstadt ist, dass man ihr nicht entkommt

Altes Blut und neues Geld. Ich habe das Gefühl, dass das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Entweder, ich bin bipolar, oder es liegt an der Stadt. Die Gruppe Karat hat es immer gewusst: Am Ende hasst man das, was man doch liebt. Ich war an einem Abend in dieser Woche im Roten Salon, wo gerade „Rocky Dutschke“ von Christoph Schlingensief lief.

1996. Schlingensief sah auf der Leinwand aus wie ein Oberschüler, inzwischen ist er tot. Es war sehr lustig, aber niemand lachte, es war gar niemand da, nur vorn, auf den Sitzsäcken, dämmerte eine mittelalte, dicke Frau.

Draußen vorm Theater standen ein paar Zelte im Abendlicht, dazwischen wandelten Gestalten, die man 1996 in den Wagenburgen an der East Side Gallery hätte treffen können. Drumherum plätscherte der Abendverkehr von Berlin-Mitte, der weder Castorf kennt noch Dercon.

Wir tranken noch ein Bier im Sauers und sahen auf den Platz, wo sich die Berliner Zeiten übereinanderschoben. Nur in dieser Stadt ist es vorstellbar, dass ich vor 25 Jahren mal mit einer DDR-Fahne im Büro gesessen habe. Es ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Das Wesen der Großstadt ist, dass man ihr nicht entkommt. Als Großstädter.

Man muss Berlin aushalten.

Alexander Osang liest am 13.7. um 20 Uhr im Prater aus Texten über die deutsche Leitkultur und die Welt, kurz bevor das Theater zum nördlichen Punkt in der Berlin-Achse des Kultur-Imperiums von Chris Dercon wird.