Hat früher selbst in mehreren Reggaebands gespielt: Geoffrey Vasseur, Geschäftsführer des Yaam. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinZusammengewürfelt aus bunten Bauwagen und Bretterbuden erstreckt sich das Yaam am Friedrichshainer Spreeufer direkt neben der Schillingbrücke. Berlins einziger Reggaeclub, internationaler Meltingpot, zentraler Ort der Begegnung für People of Colour, setzt schon von weitem Ausrufezeichen: Auf Transparenten, die auf den Dächern der Buden oder an der Ufermauer angebracht sind, stehen Forderungen wie „Grenzen töten – No FortressEU“. Gut lesbar für jeden Passanten auf der Brücke.

In den letzten Monaten ist ein neues Banner hinzugekommen, auf dem das Yaam ausnahmsweise auch um Solidarität für sich selbst wirbt: „Das Yaam stirbt zuletzt!“, steht in schwarzen und roten Lettern darauf. Eine trotzige Kampfansage, vom Wind gefaltet. Nur glauben die Betreiber des Yaam inzwischen selbst fast nicht mehr, dass sie wahr werden kann.

Blick von der Schillingbrücke auf Teile des Yaam am Friedrichshainer Spreeufer.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Geoffrey Vasseur, Geschäftsführer des Club- und Kulturprojekts, befürchtet im Gegenteil, dass das Yaam schon sehr bald Insolvenz anmelden muss – wenn sich nicht sehr bald etwas ändert. Der 38-Jährige führt an den mit Sand gefüllten Strandbereich des Clubs, direkt am Uferweg. Der Bereich hat heute geschlossen, Dutzende Liegestühle stehen leer herum, Kinderspielzeug liegt verwaist in einer Ecke. Subkultur habe gesellschaftliche Relevanz, einen soziokulturellen Auftrag, sagt Vasseur ruhig. Zurzeit lade die Politik zu viel Verantwortung auf den Clubs ab: „Es kann nicht von uns erwartet werden, innovative Konzepte zu entwickeln und gleichzeitig die striktesten Auflagen zu erfüllen.“

Die Clubs sind als einzige Branche in der Krise nach wie vor ohne Perspektive auf Öffnung geschlossen, nur Außenbereiche dürfen bespielt werden. Für das Yaam bedeutet das, jetzt nur noch Biergarten zu sein, die Riesenhalle geschlossen zu halten – und damit nur noch 30 Prozent des üblichen Umsatzes zu machen. 45.000 Euro Fördergeld hat das Yaam bisher vom Senat erhalten. Fünf Monate hat es inzwischen größtenteils geschlossen. Vasseur rechnet die einzelnen Posten vor. Sollte das Yaam nicht weitere und mehr Mittel erhalten, sagt er, sollte auch noch, wie zurzeit zu befürchten ist, das Kurzarbeitergeld für die 40 Mitarbeiter nach einem Jahr nicht weiter übernommen werden, sieht er schwarz. „Dann müssen wir im Frühjahr Insolvenz anmelden. Wovon sollen wir denn leben?“

Vasseur wird nicht wütend oder laut. Er hat Politikwissenschaften an der Freien Universität studiert, in unterschiedlichen Projekten jahrelang Gelder für die Finanzierung von Clubs eingesammelt. Er kennt die wirtschaftlichen und politischen Fallstricke der Branche sehr genau. „Unser gesamtes Geschäftsmodell und unsere kulturpolitische Relevanz müssen jetzt überdacht werden“, sagt er mit leicht französischem Akzent und zieht an einer Zigarette. „Clubs leben davon, dass sie voll sind, schon immer. Sie müssen es auch – sie werden einfach nicht gefördert, haben aber Riesenflächen wirtschaftlich zu betreiben.“

Peter Maluki führt auf dem Gelände des Yaam einen Laden für afrikanische Kleidung. Wer zurzeit nicht viel Geld hat, erhält Rabatt, sagt er. „Jetzt geht es um Solidarität.“
Foto: Benjamin Pritzkuleit 

Corona erschüttert dieses System grundsätzlich. Vasseur wird darüber aber viel zu selten gesprochen. Unter den jetzigen Regeln sei jede Form von Großveranstaltung für Clubs nicht wirtschaftlich durchzuführen. „Es lohnt sich einfach nicht“, sagt er. Existenzbedrohend werde das schnell für jene, die – wie das Yaam – aufgrund von kultureller und sozialer Ausrichtung ihre Gewinne rasch wieder investieren. Im Yaam findet Kinder- und Jugendarbeit statt, wird Graffiti gesprüht, gibt es einen Infopoint für die Beratung von Geflüchteten.

Vasseur fürchtet auch dauerhafte psychologische Folgen der Pandemie für die Gesellschaft, die zurzeit gar nicht thematisiert würden. Er selbst sehe gerade Filme und erschrecke unfreiwillig bei vielen Szenen: Die sind sich ja viel zu nah! Die Sorge, Abstand zu halten, Menschenmengen zu meiden, habe sich rasch tief eingeprägt. „Viele Menschen werden unabhängig von Gesetzen noch lange Hemmungen haben, sich auf Großveranstaltungen zu begeben.“

Für das Yaam kommen alternative Konzepte, Konzerte zum Beispiel vor nur wenigen Zuschauern und Umbauten mit Plexiglas, aber keinesfalls infrage. Dann müsste der Eintrittspreis zwangsläufig stark angehoben werden. „Wir können das auf keinen Fall machen. Wir haben einen niederschwelligen Ansatz, sind auch Schutzraum für Menschen, die anderswo keinen Zugang zu Kultur haben.“ Das Yaam will für viele Leute erreichbar bleiben – oder eher ganz schließen, sagt Vasseur. Von Oktober bis April sei das gerade trotz der großen Außenfläche ernsthaft in der Diskussion.

Die Berliner Goldschmiedin Candy Hammerschmidt mit ihrem Sohn
Foto: Benjamin Pritzkuleit 

Corona ist nur eines der Probleme, die das Yaam-Team bis dahin zu lösen hat – und nicht einmal das drängendste. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg sperrte dem Club Ende Juni die große Haupthalle und riegelte auch den Outdoor-Bereich vom Spreeufer mit einem Bauzaun ab. Der Grund: Ein Gutachten habe ergeben, dass die Standsicherheit der Ufermauer nicht mehr gegeben sei. Das Bezirksamt allerdings ist selbst Eigentümer der Yaam-Fläche, zuständig auch für die Sanierung der Mauer – und weiß seit Jahren durch ein anderes Gutachten, dass das Ufer vermutlich befestigt werden muss. Vasseur und seine Kollegen kämpfen gerade darum, die Halle überhaupt wieder nutzen zu können – und fordern nach wie vor Mieterlass oder zumindest -minderung, die der Bezirk als Vermieter nach wie vor verwehrt. Auch weit oben auf der Forderungsliste: endlich ein dauerhafter Mietvertrag für das gesamte Gelände.

Was fehlen würde, müsste das Yaam ganz schließen? Vielen hier: die spirituelle Heimat, ein Ort zum Leben, Treffen, Sein. „Mein kleines afrikanisches Dorf in Berlin“ nennt Candy Hammerschmidt das Yaam. Die 28-jährige Berlinerin trägt Sommerkleid, führt gerade ihren kleinen Sohn zu Reggae-Musik über das Gelände. Einmal im Jahr fliegt sie nach Sambia, den Rest des Jahres verbreitet oder genießt sie afrikanische Kultur im Yaam: Als Goldschmiedin verkauft sie in einem Laden auf dem Gelände Schmuck. Wenn sie frei hat, kommt sie trotzdem – so wie heute, um mit Freunden unter Bäumen einen Geburtstag zu feiern. „Familie“, sagt Hammerschmidt.

Vierter Teil der Serie „Clubs in der Krise“

Die Serie: 140 Clubs gibt es in Berlin, die Szene ist einer der wichtigsten Kultur- und Wirtschaftstreiber der Hauptstadt. Seit fünf Monaten sind alle Clubs per Corona-Infektionsschutzverordnung des Senats zwangsgeschlossen – auf noch unbestimmte Zeit. Was bedeutet das für die Betreiber, die Mitarbeiter, die Stadt? Wir stellen Köpfe der Szene, ihre drängendsten Probleme und Perspektiven für die Zukunft vor.

Vorherige Teile: Im ersten Teil der Serie haben wir das SchwuZ vorgestellt, den ältesten queeren Club Deutschlands. Im zweiten Teil haben wir mit dem Sprecher der Holzmarkt-Genossenschaft über Open Airs gesprochen. Die Genossenschaft betreibt den Technoclub Kater Blau. Dann folgte der Erotikclub Insomnia, der trotz schwieriger rechtlicher Lage wieder Indoor geöffnet hat – allerdings ohne Orgien.

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