Yasha Young Direktorin des Berliner Street Art Museums im Interview

Berlin - Grauer Beton wird zur Leinwand: Egal, ob in Lichtenberg, Schöneberg, Prenzlauer Berg: Große Häuserwände werden von Künstlern gestaltet. Street Art ist angesagt. In der Schöneberger Bülowstraße entsteht derzeit gar Deutschlands erstes Street Art Museum. Direktorin ist Yasha Young, 44, eine deutsch-amerikanische Kuratorin und Galeristin.

Frau Young, Ihr Anliegen ist Kunst im urbanen Raum. Es gibt bereits viele Wandgemälde in der Stadt, spezielle Führungen werden dafür zusammengestellt. Wozu braucht Berlin da noch ein Street Art Museum?

Unser Haus versteht sich nicht als traditionelles Museum, wo man Eintritt zahlen muss. Wir fokussieren uns darauf, eine Bewegung, eine extreme facettenreiche Kultur zu dokumentieren und ihre Geschichte zu erzählen. Sicher wird es auch Gemälde an Wänden geben. Aber für Kunst, die im urbanen Raum entsteht, gibt es noch kein Archiv. Wir wollen in unserm neuen Urban Contemporary Art-Museum vor allem die Künstler vorstellen und ihre Projekte unterstützen.

Sie kommen aus New York. Wie lange leben Sie schon in Berlin?

Vor 15 Jahren habe ich in Friedrichshain eine Galerie eröffnet und war immer zu Ausstellungseröffnungen in der Stadt. So richtig sesshaft bin ich hier seit knapp fünf Jahren.

Haben Sie auch schon Häuserwände bemalt?

Nein, ich wüsste zwar, wie, aber ich könnte das wohl nicht gut. Ich arbeite als Kuratorin, ich entdecke Künstler, bespreche mit ihnen Projekte, ich begleite und vernetze sie.

Wie viele Wandbilder haben Sie in Berlin schon gestalten lassen?

Exakt 129 in den vergangenen zwei Jahren. Es sind große dabei, aber auch ganz kleine. Wir haben Beziehungen zu 120 Künstlern aus Berlin und dem Umland, aber auch internationale Größen.

Wer stellt Ihnen die Flächen zur Verfügung?

Urban Nation ist ein Stiftungsprojekt der Berliner Leben. Wir arbeiten mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag zusammen, die uns oft geeignete Wände zur Verfügung stellt, aber auch mit dem Senat. Zunehmend kommen private Hausbesitzer oder Architekturbüros zu uns und sagen, ich habe da eine Wand, wollt ihr die bemalen. Dann schauen wir uns die Objekte an und überlegen, was kann man da machen.

Es geht immer um Wohnhäuser?

Es können auch Brücken sein, eine Tiefgarage, eine Kita oder ein verlassenes Haus. Wir können jeden Untergrund bemalen.

Und wie wählen Sie aus, wer was malen darf?

Die Künstler schlagen uns Projekte vor. Und wir suchen Plätze, wo wir sagen, dieses Bild gehört genau dort hin. Viele Künstler haben eine Beziehung zu Berlin, sie haben hier mal gelebt oder interessieren sich besonders für die Stadt. Es sind auch viele Berliner dabei, die etwas für ihren Kiez tun wollen. Wir schauen auch, was ist in dem Kiez los, was für Menschen wohnen dort. Sie können mitdiskutieren. Das ist ja das Schöne und Besondere an dieser Kunstform, diese Kunst ist für jeden zugänglich oder sichtbar. Das regt zum Austausch an, erfreut oder macht Lust, selber mehr zu erfahren.

Braucht man eine Genehmigung für die Bilder?

Ja, wenn die Häuser unter Denkmalschutz stehen. Oder für die Lifte, die ab gewissen Höhen für die Künstler aufgestellt werden müssen, das sind ja oft meterhohe Wandgemälde. Die Nachbarn werden vorab über Aushänge in den Hauseingängen informiert. Es handelt sich in jedem Fall um eine professionelle Produktion.

In der Neheimer Straße in Tegel-Süd sorgte ein Projekt von Ihnen für Ärger. Anwohner empörten sich über ein riesiges Wandgemälde, das ein Mädchen in einer Blutlache zeigt. Gegenüber ist eine Kita. Da lagen Sie wohl mit Ihrer Auswahl daneben.

Das würde ich so nicht sagen. Wir haben eng mit den Kuratoren dieses Projekts zusammengearbeitet. Das Wort Blutlache haben Medienvertreter hervorgebracht, wahrscheinlich um zu schockieren, das ist Interpretationssache. Wenn man sich die Mühe macht und die Erklärung des Künstlers ansieht, kann man dies auch komplett anders deuten. Das Bild hat für sehr viel Kommunikation, Austausch und Diskussion gesorgt. Es gibt Fürsprecher und Gegner. Ein wesentliches Merkmal von Kunst ist, dass sie nicht allen gleich gefällt.

Comics, Grafiken, Porträts: In der Schöneberger Bülowstraße wurden bereits viele Wände bemalt. Wie sehen Sie denn die Bülowstraße?

Die Straße ist hier eher grau und düster, deshalb haben wir viel Farbe benutzt. Ich sehe sie als eine Art Bermuda-Dreieck. Auf der einen Seite die Kurfürstenstraße mit den Damen und der Winterfeldtplatz mit seiner großen Geschichte: Marlene Dietrich verkehrte dort, David Bowie hat aufregende Nächte um den „Nolli“ verbracht. Und ich liebe die Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender, die super aktiv sind im Kiez. Auf der anderen Seite dann das Baugeschehen am Gleisdreieck und dann noch der Kudamm um die Ecke. Das ist eine interessante Mischung. Es gibt viele alteingesessene Familien hier und eine große russische Community. Wir haben um die Ecke einen guten russischen Laden, wo wir unseren Lunch holen. Es gibt Vietnamesen, Inder, Italiener. Kiezleben eben.

Auf die Fassade des neuen Street Art Museums in der Bülowstraße 7 ist vom Bordstein bis zum Giebel eine rothaarige Frauenfigur gemalt. Was bedeutet das?

Die hat die niederländische Künstlerin Handiedan geschaffen, weil sie glaubt, dass die Menschen in der Gegend – besonders die, die hier arbeiten und nachts unterwegs sind – eventuell einen Schutzengel gebrauchen könnten. Die Künstlerin liebt den Film „Der Himmel über Berlin“, daher kommt ihre Idee für die schöne, 20 Meter hohe Figur.

Was ist Ihr aktuelles Projekt?

In dieser Woche setzen neun Street-Art-Künstler an Häusern in der Bülowstraße, der Feurigstraße und in der Kreuzberger Bergfriedstraße Projekte um unter dem Motto „We’re all connected“. Die Kuratoren, das Duo Marcelo Pimentel und Marina Bortoluzzi von Instagrafite, kommen aus Brasilien. Am Samstag, zum Abschluss des Projekts, findet in der Bülowstraße 97 ab 19 Uhr eine Vernissage statt. Dazu ist jeder herzlich eingeladen.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, welches Haus würden Sie gern gestalten?

Das ICC, es fasziniert mich. Es ist so wunderschön auf seltsame Art und Weise, es hat eine Geschichte, es hat viele Ecken und Kanten, es ist so imposant und doch verlassen.

Was würden Sie damit machen?

Ich würde dort sehr viel Grün kreieren, wo Grün ist, ist Leben. Man könnte auf dem ICC einen Garten anlegen, könnte Moosarbeiten oder Urban Gardening machen. Oder Lichtinstallationen. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Interessant. Haben Sie das mal vorgeschlagen?

Ich habe da keine Ansprechpartner, aber wenn mich jemand fragen würde, könnte etwas Wunderschönes entstehen. Ich bin auf jeden Fall erreichbar.

Gibt es noch andere Häuser, die Sie reizen?

Ja, das Haus der Statistik am Alexanderplatz oder die Plattenbauten in Hohenschönhausen, die Platte hat ja eine sehr gute Oberfläche. Und ich würde gerne verrottete U-Bahn-Stationen bemalen. Davon gibt es in der Stadt ja auch einige.

Street Art war ja lange verpönt, erst in den letzten zehn Jahren ist diese Art Kunst in Berlin richtig populär geworden. Wie sehr hängt Berlin denn anderen Städten hinterher?

London hat auf den ersten Blick mehr Urban Art Historie als Berlin. Aber besonders viele junge Künstler kommen nach Berlin, um hier zu leben. Sie mögen das Freie, das Berlin ausmacht, dass hier wirklich noch etwas passieren kann. Nur in Berlin ist es auch möglich, dass eine wie ich, die keinen renommierten Kunstabschluss hat, aber 25 Jahre Kunst erlebt und lebt und Projekte entwickelt und durchführt, Direktorin eines Museums wird.

In welchem Kiez wohnen Sie?

Ich bin vor 15 Jahren nach Friedrichshain gezogen, in eine kleine Ein-Raum-Wohnung mit Balkon. Dort hatte ich mich mit meinen Wurzeln in der Independent-Musik-Szene und Skateboard Community am wohlsten gefühlt, und dort wohne ich noch immer. Ich bin ein Gewohnheitsmensch, mein Leben ist anstrengend, ich bin viel unterwegs, da ist der Kiez mein Zuhause, mein Ruhepol.

Und wo ist Ihre Heimat? Auch in Berlin?

Ja, wenn man sich so viel mit einer Stadt auseinandersetzt, dann wird das Heimat. Aber ich glaube, die Welt ist meine Heimat.

Das Gespräch führte Sabine Deckwerth.