Als Kazim Akboga zur verabredeten Uhrzeit aus seiner Haustür in Neukölln kommt, gehen gerade drei jugendliche Mädchen vorbei. Erst schmunzeln sie, dann ruft eine: „Is mir egal!“, worauf alle lachen und sich schüchtern nach Akboga umdrehen. Der 33-Jährige grinst: „Hier ist das schon lange so“, sagt er. Junge Leute mit Migrationshintergrund, so bezeichnet er seine bisherige Zielgruppe, die ihn nach Selfies fragt, dem Autogramm der Gegenwart. Vor einer Woche hat sich die Zielgruppe schlagartig vergrößert.

Da nämlich veröffentlichten die Berliner Verkehrsbetriebe ein Video: Ein Kontrolleur läuft durch eine U-Bahn, trifft auf skurrile Fahrgäste: ein Mann sitzt auf einem Pferd, eine Frau schneidet Zwiebeln. „Is mir egal“, singt der Kontrolleur dazu, solange sie nur alle im Besitz eines Fahrscheins sind. Der große, massige Akboga, der den BVG-Mitarbeiter gibt, lacht laut, als er erzählt, dass er sich über die aktuelle Aufmerksamkeit wundert. Das Lied sei doch eigentlich nicht neu.

Aus der Stimmung wurde ein Hit

Auf YouTube hat er einen eigenen Kanal, die originäre Version von „Is mir egal“ hat mittlerweile rund 13 Millionen Klicks. „Keine Arbeit, is mir egal, zweite Mahnung, is mir egal“, trägt er darin mit fehlerhafter Grammatik und szenetypischen „isch“-Endungen vor. Akboga ist damit bei „Deutschland sucht den Superstar“ vor Dieter Bohlen und Heino aufgetreten, er war auf Tour durch Großraumdiscos, auch auf Mallorca. Dort hat er mit Willi Herren, Ex-Bewohner des RTL-Dschungelcamps, eine Ballermannversion aufgenommen, das Video ist ein Who-ist-who der C-Prominenz, deren Namen man noch seltener kennt als die der Casting- oder Realityshows, in denen sie aufgetreten sind.

Kazim Akboga weiß noch nicht genau, ob er zu ihnen gehören will. Mallorca, sagt er, „das war mir schon zu stumpf“. Er hat eine Ausbildung zum Werbetexter gemacht, 2013 kam er wegen einer Stelle in einer Agentur nach Berlin, nach wenigen Wochen ließ er den Job sausen. „Das war der Wahnsinn, immer auf Anschlag, nachts durcharbeiten, das Tempo war mir einfach zu hoch“, erinnert er sich. Eines Tages sei er nach Hause gegangen und nicht zurückgekehrt

Aus dieser Stimmung heraus ist sein Hit entstanden: Akboga schrieb die Strophen, am nächsten Tag spielte er die Töne ein und filmte sich mit der Webcam seines Computers. „Natürlich war das lustig gemeint“, sagt er. Aber das Lied richte sich schon gegen Materialismus und Oberflächlichkeit, die er in der Werbebranche erlebt habe.

Dass die Aufnahme zum viralen Hit wurde, bezeichnet Akboga, der in Schweinfurt aufwuchs und dessen Eltern aus der Türkei stammen, als reinen Zufall. Sein Video hat eine schlechte Ton- und Bildqualität, das Lied besteht nur aus zwei Tönen. Kazim Akboga ist der Beweis für die Verheißung, dass jeder zum Star werden kann, wenn auch nur vorübergehend. Ein Phänomen, das sich die Werbung zunutze macht. Virales Marketing bewirbt kein unmittelbares Produkt, sondern poliert das Image einer Marke, die Kurzfilme funktionieren eigenständig und verbreiten sich wie lästige Katzenvideos: Sie sind so originell, dass sie bereitwillig im Kollegen- und Freundeskreis weitergeleitet und auf Facebook gepostet werden, obwohl ein Konzern dahinter steht, verbunden mit der Aussage: Mann, die sind ja eigentlich ganz cool.

Ein Impuls, der den biederen BVG nicht schaden kann. Auf ihre neue, breitere Tram schrieben sie den Schenkelklopferspruch: „Im Gegensatz zu Dir bin ich immer breit“. Das neue Video hat sich die renommierte Werbeagentur Jung von Matt ausgedacht. Kazim Akboga hat sofort zugesagt, er fahre selbst oft U-Bahn „und das Gejammere über die Unpünktlichkeit kann ich nicht verstehen“. Auch mit Kontrolleuren habe er keine Probleme: „Ich hab ein Ticket.“ Der Auftritt steigert seine Bekanntheit. Alle wollen wissen, wer dieser Typ ist: ein Schauspieler, ein Rapper, ein echter Kontrolleur gar? „Das ist eine Kunstfigur“, sagt Akboga, „ich rede doch ganz normal.“ Wenn seine Kunstfigur das Gesicht verzieht, sieht der 33-Jährige aus wie der grüne Shrek aus dem gleichnamigen Disneyfilm.

Hilfe vom Vater

Kazim Akboga weiß, dass die Rolle, die er spielt, schon oft aufgeführt worden ist, auch von Leuten ohne Migrationshintergrund: Der simple, aber liebe Ausländer, der nichts Sinnvolles macht, dabei aber manchmal ganz lustig ist. Er will sich etwas breiter aufstellen und professionalisieren. Sein Vater kommt zu Besuch, dann wollen sie den Schall in seiner Wohnung dämmen, damit er in besserer Qualität aufnehmen kann. „Trash ist schön und gut“, sagt er, aber diese Ein-Zeilen-Refrains seien eben auch „ein bisschen autistisch, da fährt man sich fest“.

Er kann sich vorstellen, als Comedian aufzutreten, er verfolge das aber nicht so zielstrebig, er wolle nicht so verkopft sein. Solange entwickelt Kazim Akboga neue Charaktere wie den Bauarbeitertypen Helmut. Aber wollen die Leute das? Die verschiedenen Versionen von „Is mir egal“ klicken sich gut, alles andere nicht so sehr. Vielleicht ist Kazim Akboga bald vergessen. „Ich habe davor keine Angst“, sagt er, aber ihm sei klar, dass er mit seinem viralen Hit ein Monster erschaffen habe: „Jetzt ist bei mir der Stempel drauf.“