Künstler vorm Spiegel: Oskar (16) schminkt sich seit seiner Kindheit wie ein Profi. 
Foto: camcop media/Andreas Klug

BerlinAn eine Anekdote aus seiner Kindheit kann sich Oskar noch gut erinnern. Und er lacht herzlich, wenn er sie erzählt. „Ich war zehn Jahre alt und durfte mir für meine guten Noten auf dem Zeugnis etwas kaufen“, sagt er. Mit seinen Eltern sei er in ein Schuhgeschäft gegangen – und dort sah er sie: Glitzer-High-Heels. „Ich wollte sie unbedingt haben“, sagt er. Claudia, seine Mutter, kontert: „Aber wir wollten sie dir nicht kaufen, weil das schlecht für die Knie ist.“ – „Ja, und da habe ich gesagt: Wenn ihr sie mir nicht holt, schleiche ich mich her und kaufe sie mir heimlich.“

Was hätte es gebracht, Oskar seinen Herzenswunsch auszuschlagen? „Nichts. Sie kosteten 20 Euro – und er war glücklich. Wenn wir ihn jemals gebremst hätten, wäre er nur unglücklich durch sein Leben gegangen“, sagt seine Mutter heute.

Eine halbe Million Fans

Ein paar Jahre später sitzt Oskar, inzwischen 16 Jahre alt, in der Küche seines Elternhauses am Rand von Berlin, erzählt ganz bodenständig seine Geschichte. Und das, obwohl der Junge, der einst nach Glitzer-Schuhen rief, heute ein Internet-Star ist. „Ossi Glossy“ nennt er sich im Netz – und allein auf der Video-Plattform Youtube verfolgen mehr als eine halbe Million Menschen das, was er tut. In Kurzfilmen präsentiert sich Oskar als Make-up-Star, macht sein Gesicht zur Leinwand.

Das Interesse an Verwandlungen – bei Oskar war es schon immer da. Früh begann er, sich für Verkleidungen zu interessieren. „Ich bin als Kind gern in Rollen geschlüpft, habe mir aus alten Klamotten eigene Kostüme zusammengestellt“, erzählt er. Das Interesse kam in Phasen.

Mal begeisterte er sich für „König der Löwen“ – also bastelte er die Tierverkleidungen nach. Mal war es die ägyptische Kultur, die ihn reizte, lange beschäftigte ihn die Mode japanischer Geishas. „Ich verkleidete mich, mit Kimono und allem – und schminkte mich passend.“ Schon damals prägend: Oskars Hang zum Perfektionismus. „Wenn es nicht alles genau so war, wie ich es mir vorstellte, weinte ich“, sagt er und lacht.

„Oskar war immer anders als andere Jungs“

Als die Geisha-Phase endete, blieb die Leidenschaft für das Make-up. Im Internet schaute sich Oskar Filmchen von Beauty-Bloggern an und probierte die Dinge mit Schminke kurzerhand aus. „Ich saß stundenlang im Zimmer, malte mich an, wischte alles wieder ab und begann von vorn.“ Die Reaktionen seien immer gut gewesen, Familie und Freunde akzeptierten die Leidenschaft des Elfjährigen sofort.

Auch seine Mama erinnert sich an die Anfänge. „Oskar war immer anders als andere Jungs. Dieses Rumbalgen auf dem Rasen beim Fußball hat er nie gemacht – wir haben ihm Lego geschenkt, aber über eine Kiste mit Kostümen hätte er sich viel mehr gefreut.“ Zu Weihnachten habe er, sagt Oskar, „irgendwann eine Holzbox mit Geschmeide bekommen, das war sensationell“, sagt er.

Der Erfolg kam schnell

Inspiriert von anderen Beauty-Plattformen auf Youtube begann Oskar, unter dem Künstlernamen „Ossi Glossy“ eigene Videos ins Netz zu stellen. „Damals gab es noch keine Jungs, die so etwas machten, deshalb kam der Erfolg sehr schnell“, sagt er. Immer mehr entwickelte er auch eigene Ideen. „In dem Bereich gilt: Übung macht den Meister“, sagt er. „Und irgendwann gibt es nichts, was man nicht mit Make-up machen kann.“ Mal sind es heute filigran aufgemalte Rosen, die seine Wangen umranken, mal sorgt er dafür, dass es so aussieht, als hätte er neun Augen.

Auf Instagram – hier verfolgen mehr als 320 000 Fans seine Werke – postet er alle paar Tage ein neues Foto, das Gesicht jedes Mal anders. Natürlich malt er auch auf Leinwand, mit Acryl- und Ölfarbe, „aber ich habe für mich herausgefunden, dass das Make-up die beste Möglichkeit ist, meine Bilder zu den Menschen zu bringen“, sagt er. „Und mein Gesicht kenne ich besser als jede Leinwand.“

Immer mehr entwickelt Oskar auch seine eigenen Ideen.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Oskar macht außerdem Musik, spielt mehrere Instrumente. Wo es später beruflich hingehen soll, weiß er bisher nicht. „Auf jeden Fall will ich weiter mit den sozialen Medien arbeiten. Auch der Job als Musikproduzent würde mich interessieren. Und wenn gar nichts mehr geht, werde ich einfach Make-up-Artist. Auch wenn es schwierig ist, denn ich kann mich zwar schminken, aber bei anderen Leuten finde ich es schwerer.“

Viel Hass im Internet

Für seine Arbeit bekommt er begeisterte Kommentare, aber nicht nur. „Natürlich schlägt einem im Internet auch Hass entgegen, Schimpfwörter wie ,Schwuchtel' höre ich oft“, sagt er. „Aber es ist weniger geworden. Der Erfolg treibt die Kritiker zurück.“

Lesen Sie auch: Protest in Berlin gegen „LGBT-freie Zonen“ in Polen >>

Nur Kommentare, in denen es um Familie gehe, beschäftigen ihn. Einmal habe jemand geschrieben: „Wenn du mein Sohn wärst, würde ich dich töten.“ Er mache sich trotzdem nicht viele Gedanken. „Wenn man selbstbewusst auftritt, traut sich niemand, etwas zu sagen.“

Und schließlich kennt er es nicht anders. Früher, bevor er seine ersten High Heels bekam, habe er immer die Hochzeitsschuhe seiner Mutter getragen. „Du hast damit sogar deine Freunde von der S-Bahn abgeholt“, sagt seine Mama Claudia . Und klingt ein bisschen stolz dabei.