Die Elefanten sind angekettet, sie stehen auf einem kalten Steinfußboden – solche Bilder hat Yvette Scholl schon gesehen. Das war in einem Zirkus in Thailand. Schrecklich finde sie Zirkusleute, die Tiere so quälen. „Bei uns würde so was nie geschehen!“, sagt die 50-jährige Mitinhaberin des Circus Busch, der in diesen Tagen auf einer Brache des früheren Güterbahnhofs an der Granitzstraße in Pankow gastiert.

Yvette Scholl schiebt die Plane eines Zelts beiseite. Dahinter stehen die beiden indischen Elefanten Nanda und Maya. Die Tiere sind über 40 Jahre alt, sie fressen Heu, das auf dem Boden liegt, ein elektrischer Lüfter bläst warme Luft ins Zelt. Yvette Scholl sagt, sie sei mit den Tieren aufgewachsen. Seit sie 18 ist, reist die gebürtige Schwedin mit dem Zirkus um die Welt: Neben den Elefanten gehören im Circus Busch auch sieben Kamele dazu sowie Lamas, Hengste, Ponys und Hunde. „Ein Leben ohne die Tiere kann ich mir nicht vorstellen.“

„Tierschützer hatten vor den Vorstellungen schon oft gegen die Auftritte von Wildtieren protestiert“, sagt sie. Diese Leute hätten behauptet, die Tiere würden mit Gewalt und Elektroschockgeräten misshandelt, in Käfigen gehalten und wider ihrer Natur zur Unterhaltung der Besucher in entwürdigender Weise vorgeführt. Sie höre immer wieder, die Tiere vermissten die Wildnis, sagt Yvette Scholl. Sie spricht jetzt energischer, breitet die Arme aus. „Zirkustiere kennen nur das Zirkusleben, sie sind dort aufgewachsen. Wie können diese Tiere etwas vermissen, was sie gar nicht kennen? Tierschützer sehen eine Traumwelt, die es nicht gibt.“

Yvette Scholl hat viele Jahre in der Manege gestanden, sie zog im Zirkus ihre vier Kinder groß, die gesamte Familie reist bis heute im Zirkuswagen durch die Welt. Als Yvette Scholl jünger war, lief sie über das in der Höhe gespannte Drahtseil. Sie war auch die Frau an der Holzwand, auf die der Messerwerfer, ihr Ehemann Alexander, unter Trommelwirbel Abend für Abend zielte. Und sie zum Glück nie traf – bis auf eine Verletzung am Oberschenkel, die ließ sie aber auch erst nach der Nummer und dem Applaus behandeln. Heute kümmert sie sich um das Büro und die Werbung, sie verkauft auch die Tickets an der Kasse. „Als erstes fragen die Besucher dort, welche Tiere es bei uns zu sehen gibt.“

Im Zirkus müssten die Tiere keine Kunststücke vorführen, es reiche, wenn sie im Kreis liefen. Zwei Auftritte am Tag haben sie, die Elefanten etwa würden höchstens vier Minuten in der Manege stehen, den Rest des Tages mit Fressen verbringen, und stehen. „Die Tiere sind alt, sie wollen nicht mehr viel laufen.“ Im Gegensatz zu anderen Zirkussen würden altersschwache Tiere nicht weggegeben. „Sie bekommen bei uns ihr Gnadenbrot.“

Und noch was fällt Yvette Scholl zum Schutz ihrer Tiere ein. „Wir hätten gar keine Chance, unsere Tiere schlecht zu behandeln“, sagt sie triumphierend. „Ständig werden wir von den Amtstierärzten kontrolliert. So viel wie kein anderer Betrieb.“

Längst laufe ein Zirkus nicht mehr gut, sagt sie. Winterpausen seien heute viel kürzer als früher. Oder sie würden komplett ausfallen. Die Stadtverwaltungen und privaten Grundstückseigentümer verlangten immer höhere Mieten, es gebe immer weniger freie Stellplätze, weniger Besucher kämen.

Kleiner Betrieb mit 30 Mitarbeitern

Doch was will sie tun, wenn die Bundesregierung Auftritte von Elefanten, Löwen und Affen im Zirkus verbietet? „Dazu hat die Politik kein Recht. Man will unseren Lebensstil zerstören, wir werden nicht gewürdigt, man schaut auf uns herab. Doch wir sind eine Minderheit, uns muss man schützen.“

Yvette Scholl geht zu den Kamelen. In den Vorstellungen laufen die Wüstentiere mit orientalischen Tänzern als Karawane eines Scheichs durch die Manege. Was passiert wohl, fehlte diese Nummer? „Dann kommt keiner mehr“, sagt Yvette Scholl schnell. Einen Zirkus ohne Tiere kann sie sich nicht vorstellen. „Wir sind kein Cabaret und kein Varieté. Und auch kein Superunternehmen wie Cirque du Soleil, ein tierfreier Zirkus.

„Wir sind ein kleiner Familienbetrieb mit 30 Leuten. Die Tiere gehören zu uns. Warum sollten wir sie schlecht behandeln?“