Tegel im Abendlicht: Im vergangenen Jahr wurden hier mehr als 22 Millionen Fluggäste abgefertigt.
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BerlinDer Kurswechsel sei ihm nicht leicht gefallen, heißt es aus dem Umkreis des Flughafenchefs Engelbert Lütke Daldrup. Doch angesichts stark gesunkener Passagierzahlen sehe der Chef der Flughafengesellschaft FBB keine andere Möglichkeit mehr, als die vorübergehende Schließung von Tegel zu beantragen. Damit möchte er erreichen, dass der Betrieb auf dem Flughafen im Nordwesten der Stadt befristet eingestellt wird - für zunächst zwei Monate bis 31. Mai.

Wie berichtet ist das Fluggastaufkommen auch in Berlin im Zeichen der Coronakrise enorm zurückgegangen. Inzwischen sind die Passagierzahlen in Tegel und Schönefeld unter fünf Prozent des vergleichbaren Vorjahreswerts gefallen, war zu erfahren. Aktuell starten und landen  auf beiden Flughäfen noch rund 3000 Passagiere. Die Zahl der Starts und Landungen sank auf zirka zehn Prozent.

Die Berliner Flughafen-Gesellschaft, das für Tegel zuständige Tochterunternehmen der FBB, habe derzeit kaum noch Einnahmen aus Luftverkehrsentgelten, Parkplätzen und Läden, hieß es weiter. Auch Einnahmen aus den kommerziellen Bereichen seien nahezu zum Erliegen gekommen. Vertragspartner hätten um Zahlungsaufschub und die Stundung von Mieten sowie Entgeltverpflichtungen gebeten. 

Kurswechsel, weil sich die Lage dramatisch verschlechtert

Die dramatische Lage wirkt sich längst auch wirtschaftlich aus. Tag für Tag nehme die staatliche FBB rund eine Million Euro weniger ein als bislang üblich, war aus dem Umfeld des Unternehmens zu erfahren. Obwohl fast keine Einnahmen mehr verbucht würden, fielen weiterhin hohe Betriebs- und Personalkosten an. In Tegel summiere sich der Kosternaufwand auf rund 7,5 Millionen Euro pro Monat.

"Die Aufrechterhaltung der Betriebspflicht für den Flughafen TXL führt, auch mit eingeschränktem Terminalbetrieb, zu erheblichen und vermeidbaren Mehrkosten", so der Flughafenchef in einem Schreiben an die Mitglieder des Aufsichtsrats, das der Berliner Zeitung vorliegt.  Dies belaste auch die Steuerzahler. "Bei einer reinen Verwaltung des Geländes ohne Betriebspflicht wäre demgegenüber nur von einem operativen Aufwand in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro pro Monat auszugehen. Dazu trägt unter anderem bei, dass die Mitarbeiter der Flughafenfeuerwehr TXL während einer vollständigen Befreiung von der Betriebspflicht nur vor Ort sein müssen, um den Gebäudebrandschutz sicherzustellen", heißt es in dem Brief weiter.

Eine vorübergehende Schließung würde nicht nur die Kassen entlasten, sie hätte in der jetzigen Situation weitere Vorteile, hieß es in dem Schreiben. Die Anzahl der Feuerwehrleute in Tegel könnte verringert werden. "Das Land Berlin hat uns mitgeteilt, dass die frei werdenden Kapazitäten von bis zu 100 Kolleginnen und Kollegen der Betriebsfeuerwehr in Berlin wertvolle Unterstützungsleistungen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie leisten können", hieß es.

Wiedereröffnung innerhalb von zwei Wochen

"Nicht zuletzt aufgrund meiner Verpflichtung als Geschäftsführer zur wirtschaftlichen Unternehmensführung wie auch im Hinblick auf die aktuellen Anforderungen der Gesellschafterebene Verluste zu minimieren, sehe ich mich gehalten, neben den bereits ergriffenen Sparmaßnahmen bei Personal, Dienstleistern und Betriebsaufwand weitere anzugehen, auch wenn diese sicher nicht populär sind", gab Lütke Daldrup zu bedenken. 

Der FlughafenSchönefeld könne den absehbaren Bedarf für Passage und Fracht alleine decken, so der Flughafenchef. Dort sei ein 24-Stunden-Betrieb möglich, außerdem gebe es ein Frachtzentrum und ein Medical Assessment Center, das es erlaubt, Flüge mit Seuchenverdacht den Vorschriften entsprechend zu behandeln. Wie berichtet hat Schönefeld derzeit aufs Jahr gerechnet eine Kapazität von acht Millionen bis zwölf Millionen Passagieren - rund 30000 Passagiere pro Tag. 31 Passagiermaschinen können dort vor dem Start oder nach der Landung gleichzeitig parken. Auch protokollarischer Flugbetrieb sei in SXF möglich. Das Interims-Regierungsterminal wurde dem Bund am 1. März zur Nutzung übergeben.

Lütke Daldrup bekräftigte, dass gemäß Paragraf 45 Absatz 3 der Luftverkehrs-Zulassung-Ordnung eine temporäre Betriebseinstellung bei der Berliner Luftfahrtbehörde beantragt werden soll. Es gehe nicht um die endgültige Schließung des Tegeler Verkehrsflughafens, die nach bisheriger Planung für den 8. November 2020 vorgesehen sei. Die Trennung von Land- und Luftseite bleibe auch während der Bestriebseinstellung erhalten. Der Flughafen werde weiterhin estreng bewacht, das Gebäude werde voll funktionsfähig in Betrieb gehalten. Die dafür nötigen Einheiten der Feuerwehr würden auf dem Gelände in Tegel bleiben.

Bei einer "geänderten Sachlage" wäre es möglich, den Betrieb in TXL innerhalb von zwei Wochen wieder anlaufen zu lassen. Wenn der Flugbetrieb wieder wachse und die Kapazitäten von Tegel wieder benötigt werden, könne die Betriebspflicht für TXL rechtzeitig wieder beantragt und der Flugbetrieb schnell wieder hochgefahren werden, hieß es in FBB-Kreisen. 

Am Montag (30. März) wird wie berichtet die Gesellschafterversammlung der FBB zur nächsten routinemäßigen Sitzung zusammenkommen. Unter "Verschiedenes" wird es dann auch um die geplante vorübergehende Tegel-Schließung gehen, der das Bundesverkehrsministerium derzeit noch skeptisch gegenüber steht. Im Bundesfinanzministerium teilt man dagegen die Argumentation Lütke Daldrups. Hauptthema am Montag werden dem Vernehmen nach aber die Finanzen der FBB sein. Weil die Einnahmen dramatisch gesunken sind, braucht das Unternehmen frisches Geld.