Der Flughafen Tegel zu später Stunde. Auch nachts darf hier geflogen werden - wenn auch mit Beschränkungen.
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Berlin-TegelWenn es Abend wird in Tegel, kehrt dort noch lange keine Ruhe ein. Das zeigt eine aktuelle Statistik der Flughafengesellschaft FBB, die der Berliner Zeitung vorliegt. Danach ist die Lärmbelastung, die Anwohner des Flughafens zu später Stunde ertragen müssen, im vergangenen Jahr auf hohem Niveau fast unverändert geblieben. „Über die Jahre hinweg ist sie enorm gestiegen“, sagte Jörg Stroedter, SPD-Abgeordneter aus Reinickendorf und Vize-Vorsitzender der SPD-Fraktion.

„Über die Jahre hinweg ist sie enorm gestiegen“, sagte Jörg Stroedter, SPD-Abgeordneter aus Reinickendorf und Vize-Vorsitzender der SPD-Fraktion. Der Statistik zufolge fanden 2019 in Tegel zwischen 22 bis 5.59 Uhr 10.108 Starts und Landungen statt. Davon wurden 1344 Flugbewegungen ab 23 Uhr registriert – also dann, wenn die meisten Anwohner des innerstädtischen Flughafens Ruhe brauchen. Zum Vergleich: Im Jahr davor wurde Tegel zwischen 22 und 5.59 Uhr für 10 123 Starts und Landungen genutzt. Davon ereigneten sich 1 547 Flugbewegungen während des Zeitraums ab 23 Uhr.

Zwar zeigt ein Blick auf die Zahlen, dass die nächtliche Belastung abgenommen hat. Das liegt vor allem daran, dass der Postflug aus Stuttgart im vergangenen Juli eingestellt wurde. Doch der Rückgang war nur temporär, denn seit Dezember findet der Flug EW 2002, der um 1.25 Uhr in Stuttgart startet, wieder statt.

Ein weiterer statistischer Befund: Der spätabendliche Flugverkehr zwischen 22 und 23 Uhr hat noch einmal zugenommen – und einen weiteren Höchststand erreicht. Auch dies ist eine kritische Zeit. Denn viele  Menschen versuchen ab 22 Uhr, in den Schlaf zu finden. Das wird durch Fluglärm erschwert, sagte Jörg Stroedter.

Kein Nachtflugverbot in Tegel

Die Anwohner müssen immer größere Belastungen ertragen“, so der Abgeordnete. 2002 war die Zahl der Spät- und Nachtflüge in Tegel halb so groß. Damals wurden zwischen 22 und 5.59 Uhr insgesamt 5101 Flugbewegungen in Tegel registriert, davon 1616 nach 23 Uhr.

Der Sozialdemokrat ist sich bewusst, dass auch die Anwohner der Schönefelder Flughafens nachts Lärm ertragen müssen. Dort gilt derzeit kein Nachtflugverbot. Aber es seien nicht so viele Menschen wie im Umkreis Tegels betroffen, hieß es.

Für TXL gelten lediglich Nachtflugbeschränkungen. Zwar wurde als Regel festgesetzt, dass es dort zwischen 23 und 6 Uhr keine Flugbewegungen geben darf. Von dieser Regel sind jedoch Ausnahmen möglich. Die Luftaufsicht, nach Mitternacht die oberste Luftfahrtbehörde, darf verspätete Linienflüge erlauben, und diese Genehmigung wird meist erteilt. „Der Flugplan ist einfach zu voll, da gehören Verspätungen fast schon zum Alltag“, sagte Stroedter. „Auf dem Rücken der Anlieger bessert der Flughafen seine Kassen auf.“

Ambulanzflüge sind spätabends und in der Nacht in Tegel generell möglich. Im vergangenen Jahr gab es deshalb 154 Flugbewegungen zu dieser Zeit. Auch für Militär-, Regierungs- sowie Polizeiflüge gibt es keinerlei Beschränkungen. Im vergangenen Jahr summierte sich die Zahl dieser Flüge ab 22 Uhr auf 132.

Sorgen um pünktliche BER-Eröffnung wachsen wieder

Immerhin: Nach dem jetzigen Stand soll der Flughafen Tegel am 8. November 2020 geschlossen werden, kündigte die Flughafengesellschaft an. Der Verkehr wird zum BER nach Schönefeld verlagert, der vom 31. Oktober nach und nach geöffnet werden soll.

Doch Jörg Stroedter, der als Vorsitzender des Beteiligungsausschusses und Obmann im Untersuchungsausschuss BER II das Projekt verfolgt, zeigte sich skeptisch. „Ich mache mir ernsthaft Sorgen, ob die Eröffnung wie geplant klappt. Die Termine sind enorm unter Druck", warnte der Abgeordnete. Fast alle Technikprobleme im Terminal 1 seien gelöst, doch ein großes Hindernis auf dem Weg zur Fertigstellung konnte immer noch nicht aus dem, Weg geräumt werden. Immer noch werde an den Sicherheitskabeln und der Sicherheitsstromversorgung im zentralen Empfangsgebäude gearbeitet, sagte Stroedter. Als versucht wurde, den Eröffnungstermin 3. Juni 2012 zu halten, wurden in der Hast viele Kabeltrassen falsch bestückt. Ergebnis war eine Vielzahl von kleinteiligen Mängeln, die aufwendig abgearbeitet werden müssen.

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat angekündigt, dass die Prüfung im März 2020 abgeschlossen werden soll. Doch der TÜV geht inzwischen von Ende April 2020 aus – wenn alles gut geht. Bereits am 29. April soll im neuen Flughafen ein erster großer Praxistest mit Komparsen stattfinden. Nun wird sich der Beteiligungsausschuss über den Stand des Projekts befassen. Zur Sitzung am 12. März ist auch die Firma ROM Technik eingeladen, die für die Arbeiten verantwortlich ist, kündigte der Ausschussvorsitzende an.

Bei den Dübeln, für die noch Bescheinigungen einzuholen sind, seien Fortschritte zu verzeichnen, hatte Lütke Daldrup im Januar berichtet. Aber auch dieses Problem sei noch nicht vollständig gelöst, warnte Jörg Stroedter. Noch nicht alle Zulassungen seien erteilt worden, sagte er.

Petition gegen Hubschrauberstaffel

Wenn der zivile Luftverkehr von Tegel zum BER verlagert worden ist, müssen die dortigen Anwohner zusätzliche gesundheitsschädliche Lärmbelastungen ertragen – auch zu später Stunde.  Wenn der neue Flughafen in Betrieb ist, sind in Schönefeld anders als jetzt reguläre Linienflüge zwischen Mitternacht und fünf Uhr verboten. Doch am späten Abend und frühen Morgen ist Flugverkehr am BER unter bestimmten Voraussetzungen weiter möglich.

Jörg Stroedter ärgert sich darüber, dass auch in Tegel keine Ruhe einziehen wird – selbst nach der Schließung des Verkehrsflughafens. Das Verteidigungsministerium habe mitgeteilt, dass die Hubschrauberstaffel noch bis 2029 im militärischen Teil stationiert bleibt. „Die Helikopter verbreiten einen Höllenlärm“, so der Reinickendorfer SPD-Politiker. „Sie fliegen ziemlich tief und oft ebenfalls zu Zeiten, in denen die Menschen ihre Ruhe brauchen.“

Eine Petition, die bei www.openpetition.de im Internet unterschrieben werden kann, soll den Bund nun dazu bewegen, die Staffel nach Schönefeld zu verlegen. "In dieser Petition fordern wir die Bundesregierung auf, die Hubschrauberstaffel der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung unverzüglich vom Flughafen Tegel zum neuen Flughafen Berlin Brandenburg International zu verlegen", sagte Jörg Stroedter. "Mit der Schließung des Flughafens Tegel am 8. November 2020 müssen auch sämtliche Flüge in Tegel Nord eingestellt sein."