Rüpelradler! Radlerrüpel! Wer bei Partys unangenehme Gesprächspausen zuverlässig überwinden will, braucht das Thema rücksichtslose Radfahrer nur kurz anzutippen – und die Unterhaltung kommt wieder in Gang. Fast jeder Berliner kann Geschichten über Gehwegraser, die Fußgänger gefährden, erzählen. Doch jetzt zeigen aktuelle Zahlen der Berliner Polizei, dass das Risiko überschätzt wird.

Danach wurden im vergangenen Jahr knapp 16 Prozent weniger Zusammenstöße zwischen Fahrrädern und Fußgängern registriert als 2020. Weiterhin sind Kraftfahrzeuge die größte Gefahr für Fußgänger in Berlin. Die Zahl der Kollisionen mit Fahrrädern ist um fast zehn Prozent gestiegen.

Bei einer Umfrage empfanden 45 Prozent Radfahrer als rücksichtlos

Viele Fußgänger fühlen sich unsicher, wenn ihnen Radfahrer den Platz auf dem Bürgersteig streitig machen. Vor allem Ältere haben Angst – und den Eindruck, dass immer mehr Pedaltreter auf Gehwege ausweichen. Als der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) im vergangenen Jahr bundesweit Fußgänger befragte, gaben 45 Prozent an, dass sie Radfahrer als rücksichtslos empfinden – als es um Kraftfahrer ging, waren es nur 30 Prozent. Subjektiv gesehen gibt es also ein Problem, auch in Berlin. Doch was sagen die objektiven Daten der Polizeiunfallstatistik?

Die Zahlen, die der Berliner Zeitung nun übermittelt wurden, belegen einen klaren Trend. Obwohl der Fahrradverkehr in Berlin zugenommen hat und während der Corona-Pandemie nicht wesentlich abnahm, zeigt das offizielle Zahlenwerk bei den Verkehrsunfällen zwischen Fahrrädern und Fußgängern eine deutlich rückläufige Entwicklung. Früher nahm die Polizei jährlich mehr als 400 Zusammenstöße dieser Art auf – 2018 waren es zum Beispiel 465. 2020 wurden 400 Kollisionen registriert. Dagegen gingen im vergangenen Jahr nur noch 337 Unfälle zwischen Fahrrädern und Fußgängern in die Statistik ein. Davon fand nur ein kleiner Teil auf Gehwegen oder in anderen Fußgängerbereichen statt, und auch dort ging die Zahl zurück – von 113 auf 93 Unfälle.

In der Hälfte der Fälle waren die Fußgänger schuld

Die Zahl der Fußgänger, die bei solchen Kollisionen in Berlin zu Schaden kamen, ist über die Jahre offenbar ebenfalls gesunken. Nach den Daten der Polizei wurden 2018 insgesamt 281 Menschen, die zu Fuß unterwegs waren, leicht verletzt. Zwei Jahre später waren es 239, im vergangenen Jahr 222. Die Zahl der schwer Verletzten wurde 2018 noch mit 49 beziffert. Zwei Jahre später waren es 35, im vergangenen Jahr 25. Während im Jahr 2020 ein Fußgänger bei einem Unfall mit einem Fahrrad starb, verzeichnet die Statistik der Berliner Polizei 2018 und im vergangenen Jahr jeweils eine Null.

Und wer war schuld? Auch hier zeigen die Zahlen nicht, dass Radfahrer ein besonderes Risiko darstellen. Wenn es darum geht, wer die Kollisionen verursacht hat, sind die prozentualen Zahlen bei Radlern und Fußgängern ungefähr gleich hoch – jeweils rund 50 Prozent. „Polizeilich registrierte Unfälle zwischen zu Fuß Gehenden und Radfahrenden wurden im Jahr 2020 in 197 Fällen und 2021 in 165 Fällen durch Radfahrende zumindest mitverursacht“, teilte ein Polizeisprecher mit.

Wenn es um Zusammenstöße zwischen Kraftfahrzeugen und Fußgängern geht, zeichnet die Statistik der Berliner Polizei ein anderes Bild. Hier sind die Zahlen zunächst gesunken, jüngst allerdings wieder gestiegen. 2018 wurden 2159 Zusammenstöße dieser Art aufgenommen. Zwei Jahre später waren es 1431, im vergangenen Jahr 1565. Die Zahl der Fußgänger, die bei diesen Kollisionen leicht verletzt wurden, sank von 1458 auf 981 – und stieg dann im vergangenen Jahr auf 1093. Im Jahr 2018 wurden 527 Fußgänger von Kraftfahrzeugen schwer verletzt. Zwei Jahre später waren es 322, im vergangenen Jahr 318. Die Zahl der getöteten Fußgänger sank von 19 auf 18 und zuletzt auf 14.

„Im Schnitt fast viermal pro Tag wird in Berlin ein Mensch zu Fuß bei einem Verkehrsunfall verletzt oder gar getötet“, analysierte Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland, kurz FUSS. „Das klingt statistisch nach wenig, da täglich in der Stadt rund sieben Millionen Wege zu Fuß zurückgelegt werden. Aber auch vier Unfälle täglich sind zu viele. Menschen zu Fuß verdienen besseren Schutz, zumal der Anteil der Kinder und alten Menschen hoch ist.“

Fußgängerlobby fordert höhere Strafgelder

Mehr als 90 Prozent aller Fußgängerunfälle geschehen auf Fahrbahnen, so Stimpel. Die Straßen müssten sicherer werden – zum Beispiel durch mehr Tempo 30, mehr Zebrastreifen und mehr Mittelinseln. „Die Verkehrsinfrastruktur ist ein entscheidender Hebel zur Verbesserung der Gesamtsituation“, sagte Arne Ludorff von Changing Cities. Noch immer werde der Autoverkehr begünstigt – das müsse sich ändern.

Aber auch Gehwege müssen sichere Räume sein, forderte die Fußgängerlobby. Schritttempo sei gefordert. „Rund 100 Unfälle jährlich mit Radfahrern auf Gehwegen, Plätzen oder in Fußgängerzonen zeigen, dass das derzeit nicht der Fall ist. Hier müssen Bußgelder und Kontrolldichte weiter steigen. In Frankreich funktioniert es bei Sätzen bis 135 Euro ziemlich gut“, gab Roland Stimpel zu bedenken. Was die offizielle Einschätzung der Verkehrssicherheit anbelangt, so gebe es eine große Dunkelziffer.

Der FUSS-Sprecher weiter: „Nach internationalen Studien kommen auf einen geschehenen Fuß-Rad-Unfall etwa 50 Beinahe-Unfälle. Das führt vor allem bei Älteren und Eltern zu viel Verunsicherung und schränkt die freie Bewegung auf den Gehwegen ein. Nicht zuletzt schaden sich Radfahrer selbst: Wer illegal den Gehweg nimmt, kann sich nicht mehr glaubhaft über Falschparker auf dem Radweg beschweren.“

„Es ist auffällig, dass die Anzahl der Kollisionen zwischen dem Fuß- und Radverkehr zurückgegangen ist“, betonte dagegen Ragnhild Sørensen von Changing Cities. „Dies entspricht überhaupt nicht der Wahrnehmung in den Medien. Hier wird das Thema ja gerne als das Verkehrsthema Nummer eins hochgejazzt.“ Die meisten dieser Kollisionen ziehen allenfalls leichte Verletzungen nach sich. Bei den Unfällen zwischen Autos und Radfahrern oder Fußgängern sei das anders.