Berlin - Schönefeld„Es gibt wohl keine andere Zahnarztpraxis im Land, die einen Autobahnzubringer allein für ihre Patienten hat“, sagt Constanze Schönberg, ein wenig klingen ihre Worte wie Galgenhumor. Doch die 47-Jährige hat recht, der Weg zu ihrer Praxis am Willy-Brandt-Platz 2 in Schönefeld (Dahme-Spreewald) ist völlig entspannend. Kaum ein Auto ist auf dem Zubringer zum Terminal und der Airport-City des neuen Flughafens BER in Schönefeld zu sehen. Warum auch? Nachdem die Eröffnung des Airports mehrfach verschoben wurde, ist an Starts oder Landungen noch immer nicht zu denken. Das hat aber Constanze Schönberg und ihren Mann nicht davon abgehalten, am BER schon jetzt an den Start zu gehen. Mit ihrer Zahnarztpraxis.

Der Willy-Brand-Platz vor dem Terminal sieht aufgeräumt aus. Keine Bauzäune stehen mehr hier und auch keine Baucontainer wie vor einigen Wochen. Gras wächst zwischen den Bodenplatten, über die niemand wandelt. Eine Drehtür führt in das Bürogebäude gegenüber vom Steigenberger-Hotel. Ein paar Mitarbeiter einer Wachschutzfirma laufen durch die Flure im Erdgeschoss. Es herrscht so wenig Betrieb wie auf dem Autobahnzubringer, der Aufzug kommt sofort.

Erster Eindruck ist entscheidend

Die Zahnarztpraxis liegt im ersten Geschoss. Die Räume sind hell und freundlich. In den Fluren der Praxis hängen Zeichnungen eines Flugkapitäns mit sogenannten Anflugskizzen. Passend zum Flughafen. Und schließlich soll hier einmal auch Flugpersonal behandelt werden. Der große Warteraum, in dem gerade niemand wartet, gleicht eher einer kleinen Bibliothek: Helle Ledersessel stehen vor einem riesigen weißen Bücherregal. Ein Flachbildschirm hängt an der Wand. „Es kommt nicht darauf an, dass ich hier ein tolles Büro habe. Die Patienten sollen sich bei uns wohlfühlen. Ihr erster Eindruck ist entscheidend, ob sie noch einmal wiederkommen oder nicht“, erklärt Constanze Schönberg den großzügigen Wartebereich mit der Rezeption.

Zwei Behandlungszimmer, ein Operationsraum und ein Zimmer mit einem 3-D-Röntgengerät sind schon eingerichtet, ebenso wie ein Aufwachraum, eine Mitarbeiterküche, ein Patienten-WC und ein Extrabad zum Zähneputzen. Blickdichte Glastüren lassen das Tageslicht durch. Schallschutztüren, wie vorgesehen, wollte Constanze Schönberg nicht. „Zwei Behandlungszimmer haben wir erst einmal nicht eingerichtet“, sagt sie. Erst einmal bedeutet, bis der Flughafen endlich in Betrieb geht.

Die Idee, sich am BER niederzulassen, kam den Schönbergs 2011. Sie erkundigten sich, ob nicht noch ein Zahnarzt benötigt werde, und bekamen später den Zuschlag. „Ein Flughafen wird hier sicherlich nicht noch mal gebaut. So ein Standort für eine Zahnarztpraxis ist einmalig. Die Menschen gehen entweder an ihren Wohnorten zum Zahnarzt oder dort, wo sie arbeiten“, sagt die Zahnmedizinerin. Immerhin sollen am neuen Airport, so es denn endlich los geht, einmal 25 000 bis 45 000 Menschen arbeiten. Das sind so viele, wie in einer Kleinstadt leben. Und eine zweite Zahnarztpraxis am BER ist nicht vorgesehen.

Die Schönbergs, die bereits in Köpenick und im Ahrensfelder Ortsteil Eiche mit Kollegen Praxen betreiben, mieteten 280 Quadratmeter. Sie investierten. Und wurden dann, wie so viele, die auf den neuen Flughafen setzten, enttäuscht. „Drei, vier Wochen vor der geplanten Eröffnung haben wir erfahren, dass es keine Eröffnung geben wird“, sagt die Zahnärztin. Der Ausbau des Hauses wurde gestoppt. „Wir mussten natürlich auch sehen, was wird. Wir hatten verbindliche Kaufverträge für Möbel und Geräte unterschrieben“, erzählt sie.

Durststrecke von zwei Jahren

Sie hätten zusammengesessen und viel diskutiert, was sie nun machen sollten. Aufgeben oder weitermachen. „Irgendwann musst du zu einem Entschluss kommen. Und wir haben beschlossen: Wir ziehen das jetzt durch“, sagt Constanze Schönberg, die seit 22 Jahren als niedergelassene Zahnärztin arbeitet. Wenn auch noch nicht mit voller Kraft. Constanze Schönberg ist zwei Tage in der Woche hier, dann übernehmen ihr Mann und ein dritter Zahnmediziner die Sprechstunde. „Aus der Praxis für eine Kleinstadt ist momentan eine Praxis für ein mecklenburgisches Dorf mit 500 Einwohnern geworden“, witzelt Constanze Schönberg.

Und doch ist der Betrieb aus ihrer Sicht gut angelaufen. Seit der Eröffnung der Praxis im Juni seien etwa 60 Patienten das erste Mal gekommen. Darunter sind Bundespolizisten, die am BER schon arbeiten oder Beamte vom Zoll. Doch auch Einwohner aus dem nahen Königs Wusterhausen. „Wir sind zufrieden“, sagt Constanze Schönberg. Sie weiß aber auch, dass sie noch eine Durststrecke durchlaufen muss. Mit zwei Jahren rechnet sie. „Ich hoffe, dass der Flughafen im nächsten Jahr an den Start geht“, sagt sie. Zweifel an dem Standort habe sie nie gehabt.