Ein Ereignis hat uns in der vergangenen Woche besonders berührt. Ein junger Mann wurde auf der Straße von einem nahezu Gleichaltrigen angegriffen und mit einem Gürtel ausgepeitscht. Nur weil er eine jüdische Kopfbedeckung trug. Dieser Hass, der sich ungezügelt Bahn brach, hat uns erschreckt, und er hat uns auch ratlos zurückgelassen.

Eine Menge Menschen haben sich empört geäußert in der vergangenen Woche. Mittlerweile hat man den Eindruck, dass sich die Aufregung wieder gelegt hat. Erstarrung macht sich breit.

Gegen Hass stellen

Die Jüdische Gemeinde bietet nun eine Möglichkeit an, aktiv zu werden. Sie ruft dazu auf, an diesem Mittwochabend zum Gemeindehaus in die Fasanenstraße zu kommen und Solidarität zu zeigen. „Berlin trägt Kippa“ heißt die Veranstaltung. Sie findet an einem Ort statt, an dem bis zu den Novemberpogromen 1938 die erste liberale Synagoge Berlins stand.

Jeder, der kommt, mit oder ohne Kippa, kann dort allein durch seine Anwesenheit deutlich machen, dass er sich gegen solchen Hass stellt. Vielleicht sollten wir das tun. Wir Berliner. Wir werden dort stehen gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister dieser Stadt, dem katholischen und dem evangelischen Bischof, vielen Politikern verschiedener Parteien, Gewerkschafts- und Wirtschaftsfunktionären. Gleichzeitig werden wir uns fragen, was wir mit einer symbolischen Aktion eigentlich bewirken können.

Antisemitische Beleidigungen, Pöbeleien und Übergriffe

Diese Nachdenklichkeit hat ihre Berechtigung. Aber sie sollte niemanden abhalten. Berlin hat allen Grund, sich in diesem Fall eindeutig und auch deutlich zu positionieren. Die Politik wie auch die Gesellschaft müssen sagen, wo sie stehen.

Das ist notwendig, denn es gibt in der deutschen Hauptstadt immer wieder Konflikte dieser Art. Ständig, so sagen es die Mitarbeiter der 2015 gegründeten Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias), komme es zu antisemitischen Beleidigungen, Pöbeleien und Übergriffen.

Durchschnittlich würden täglich zwei bis drei neue Vorfälle bekannt. Rias erfasst nicht nur Straftaten wie die Polizei, sondern auch Ereignisse, die strafrechtlich nicht relevant sind. Das ist sicher kleinteilig, aber es entspricht eher dem Gefühl unserer jüdischen Mitbürger, als die Statistik der Polizei es tut. Während nämlich die Rias-Zählung eine deutliche Steigerung belegt, geht die Polizei von einer gleichbleibenden Zahl antisemitischer Vorfälle aus.

Rabbiner brutal niedergeschlagen

In die Zählung der Berliner Polizei fiel der Überfall auf den Rabbiner Daniel Alter vor seinem Haus in Schöneberg im Jahr 2012. Alter war damals brutal niedergeschlagen worden. Er trug einen Kieferbruch davon. Auch damals waren aus Solidarität Berliner mit Kippa auf die Straße gegangen.

Nicht in die Polizeistatistik fallen dagegen die Erfahrungen jenes jüdischen Schülers an einer Friedenauer Schule, der so oft beschimpft und bedroht worden war, bis er die Schule verließ. Auch die jüdische Grundschülerin, die von ihren Mitschülern mit dem Tod bedroht worden war, wird wohl in die offizielle Zählung nicht eingehen. Und manch anderes erreicht schon lange nicht mehr das Bewusstsein der Bevölkerung, etwa dass auf anti-israelischen Demonstrationen auch in Berlin regelmäßig israelische Fahnen und solche mit dem Davidstern verbrannt werden.

Nach dem aktuellen Überfall hat Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, gesagt, eine rote Linie sei überschritten. Lala Süsskind, die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wird deutlicher: „Ich fühle mich in Deutschland nicht mehr sicher, auch ohne Kippa. Seit Jahren wird von Politikerinnen und Politikern aller Parteien wortreich gegen Antisemitismus Stellung bezogen. Lediglich wirksame Taten fehlen. Die Zeit des Bedauerns, der Ermahnungen und der Alibi-Veranstaltungen ist vorbei. Wir erwarten jetzt Rückgrat und deutliche Ergebnisse im Kampf gegen Antisemitismus!“

Nahostkonflikt spielt auch in Berlin eine Rolle

Sie hat recht. Stärker als je zuvor müssen wir uns die Frage stellen, wie wir eigentlich in dieser Stadt zusammen leben wollen. Es ist eine Stadt, die schon aus ihrer Geschichte heraus eine besondere Verantwortung trägt. In Berlin wurde die Vernichtung der Juden erdacht und auf der Wannsee-Konferenz auch verabredet. In dieser Stadt leben aber heute auch Menschen aus Teilen der Welt zusammen, die in ihren Heimatländern verfeindet und zum Teil in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sind.

Diese Stadt ist attraktiv für Menschen aus Israel, die in immer größerer Zahl hierher übersiedeln oder ihren Wohnsitz doch zumindest für eine Zeit nach Berlin verlegen. Gleichzeitig finden Menschen in Berlin eine neue Heimat, die mit einem Juden- und Israelhass groß geworden sind. Der Nahostkonflikt spielt schon seit langem eine Rolle in dieser Stadt.

Der aktuelle Überfall, der Angriff eines Mannes, der von sich sagt, Syrer palästinensischer Abstammung zu sein, auf einen Israeli ist ein deutliches Zeichen, wie sehr sich die Auseinandersetzungen der Welt in der deutschen Hauptstadt spiegeln.

Befeuert vom Nahostkonflikt wird auch in vielen muslimischen Familien in Berlin seit Jahrzehnten Judenhass kultiviert. Den Betroffenen von Pöbeleien und Angriffen nützt es wenig, dass eigentlich Israel gemeint ist und nicht die Juden im Allgemeinen, wie der Politologe David Ranan dem Deutschlandfunk kürzlich im Interview sagte.

Aus all diesen Gründen kann dieser Mittwochabend also mehr sein als nur Symbolik. Er könnte ein Bekenntnis sein.