Berlin - Das Wort des Jahres 2020 lautet ja „Corona-Pandemie“. Wie üblich gekürt wurde es von der Gesellschaft für deutsche Sprache, deren Jurymitglieder ihren Erstwohnsitz offenbar nicht in der Nähe eines der öffentlichen Berliner Parks haben. Sonst wäre wahrscheinlich ein anderes Wort herausgekommen. Nein, nicht „Überfüllung“. Auch nicht „Leinenzwang-Ignoranten“, obwohl das schon in die richtige Richtung geht.

Kot-Tüte! Sie avancierte im Jahr eins der Corona-Pandemie zum wahren Champion. Unter den Worten und unter den Konsumartikeln. Durch Lockdown, Homeoffice und andere Formen der kollektiven Isolationshaft ist der Bedarf an lebendiger Gesellschaft und das Aufkommen an Hundehaltern nebst Hunden deutlich gestiegen. Damit wuchs auch der Absatz von Kot-Tüten. Noch macht die Kot-Tüten-Branche ihre Zahlen nicht publik, doch allein das 2016 amtlich verordnete Mitführen beim routinemäßigen Gassigehen sorgte für belebende Effekte.

Die Kot-Tüte ist aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken, und sie wird der allgegenwärtigen Forderung nach Vielfalt durchaus gerecht: All die Innovationen, die Einweg-Kot-Schaufeltüte aus Pappe zum Beispiel oder die Ausführung im Biomüllbeutellook, hundert Prozent kompostierbar, Verpackung und Inhalt. Vegan geht natürlich auch, die Verpackung zumindest.

Freunde technischer Finessen dürften sich vom Handbagger angesprochen fühlen, der lässig am Handgelenk baumelt wie eine Herrenhandtasche. Dieser Tage im Volkspark Friedrichshain der erstaunten Öffentlichkeit von einem Pärchen im Hipster-Outfit präsentiert: tschapp – plopp!

Die Patrouille des Ordnungsamtes zeigte sich erheitert, weil wahrscheinlich erleichtert. Zwar versetzt die Neufassung des Straßenreinigungsgesetzes von 2020 die Mitarbeiter der Bezirke in die Lage, stichprobenartig Kot-Tüten-Kontrollen durchzuführen, doch dürfte diese dienstliche Verrichtung ungefähr so beliebt sein wie die Zurechtweisung von Fahrradfahrern auf dem Gehsteig.

Also: Zeig mir deine Tüte, und ich sage dir, was er frisst? Nicht nötig. Die vorbildlichen Kot-Tüten-Träger sind ohne jedes Filzen an der klassischen Rumpfbeuge bei der Aufnahme des Inhalts weithin zu erkennen. Und die Kot-Tüten-Leugner am Ergebnis ihres unverantwortlichen Tuns.

Apropos: „Kot-Treten“ wäre ein Wort des Jahres speziell für Berlin. In jedem Jahr.