Wo früher richtig geküsst und umarmt wurde, sendet man sich jetzt Luftküsse.
Fotos: imago images/Westend61

BerlinZehn Tage. Zehn Tage ist es erst her. Ungläubig zähle ich die Kalenderblätter: Vor zehn Tagen besuchte ich die Freundin. Die Zahl lügt nicht. Aber der Verstand sagt: Es ist so viel passiert. Es hat sich so viel verändert. Es muss viel mehr Zeit vergangen sein. Er kommt nicht hinterher mit dem Begreifen.

Ich denke an den Besuch bei der Freundin, als ich dem Kind das Wort „Impulskontrolle“ erkläre. Es ist wütend, weil es nicht mit zum Einkaufen darf. Behutsam mache ich ihm klar, dass es unnötig viel anfassen wird im Supermarkt. Wegen der Impulse. Die Kinder, alle Kinder, eben nicht so gut unter Kontrolle haben. Als ich die Freundin besuchte, hatten wir den Impuls, einander wie früher in den Arm zu nehmen zur Begrüßung, schon in einen Käfig gesperrt. Da zappelte er zwar, aber der Verstand sagte: Sie wird in ein paar Jahren 80. Ich schütze sie, wenn ich sie nicht anfasse. Auch wenn ich auf der Straße noch Umarmungen gesehen habe. Wir müssen uns mit Worten, Blicken, Gesten nah sein.

„Ich drück Dich“ durchs Telefon

Zehn Tage später sieht man fast nirgends mehr Umarmungen. Wir leben in einer Ära der Luftküsse, des „Ich drück Dich“ durchs Telefon und geschriebener Liebkosungen. Doch die eingesperrten Impulse sind lebendiger denn je. Mit dem stärker werdenden Beben, dem Zerbrechen der Strukturen, wächst die Sehnsucht nach Halt – und Halt zu geben. Meine Mutter nicht zu umarmen, ist ein Kraftakt und die mit so vielen geteilte verbale Nähe je nach Tagesform so dürftig in ihrer Ersatzhaftigkeit, dass ich schreien möchte.

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„Wenn Menschen gar keine Berührung erfahren (...) gehen sie ein“, schreibt Elisabeth von Thadden in „Die berührungslose Gesellschaft“. Allein der Titel. Was für ein Buch in dieser Zeit. Darin blätternd werde ich nachsichtig mit meinem überforderten Verstand. Als ich es das erste Mal las vor zwei Jahren, wollte ich dieses kluge Plädoyer für Hautkontakt statt Displays-Streicheln am liebsten jedem schenken. Und jetzt?

Frage ich mich, was dieser grausame Entzug mit uns macht. Danach. Wann immer das ist. Die wenigen Menschen auf der Straße halten Abstand, und ich denke: Werden wir das alles nachholen? Kuscheln, kosen, küssen bis der Arzt kommt oder besser: Kein Arzt mehr kommen muss? Die wundgewaschenen Hände halten und drücken, bis das letzte Quäntchen Seife rausgepresst ist? Werden wir uns mitten im Gespräch umarmen und bei jedem Abschied gleich dreimal? Oder haben sich Angst, Distanz, Bildschirmnähe dann so festgesetzt, dass die berührungslose Gesellschaft vom Buchtitel zur dauerhaften Wirklichkeit wird?

„Ich umarm Dich“, sagt eine Freundin am Telefon. „Ich Dich auch“, sage ich, „und bald wieder richtig!“ „Ja“, kommt es vom anderen Ende. „Und dann lassen wir nicht mehr los.“ Ja, denke ich. So wird es sein. Nehme nach dem Einkaufen und Händewaschen das Kind in den Arm. Und sage mir: Zehnmal zehn Tage sind keine Ewigkeit.