Minh-Khai Phan-Thi jetzt auch digital.
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BerlinDie Schauspielerin und Moderatorin Minh-Khai Phan-Thi hält sich für krisenerprobt. Nach ihrem Abschied vom Sender Viva musste sie sich neu erfinden, nach den Geburten ihrer beiden Kinder wieder zurück in die Arbeit kämpfen. Corona ist für sie eine besondere Herausforderung: „Diesmal stecke nicht nur ich in der Krise, sondern alle.“ Und plötzlich hören alle Podcasts. „Ich glaube, dass einige dachten: Ich habe auf Netflix alles gesehen und kann auch nicht ständig Fernsehen gucken, jetzt gönne ich mir mal einen Podcast. Und dann haben sie mit dem des Virologen Drosten angefangen.“ Auch sie ließ sich gern von Drosten informieren. Beim Sport und auf Bahnfahrten hört sie neue Folgen ihres Lieblings-Basketball-Podcasts oder von Oprah Winfrey.

Inzwischen gibt es auch „Anderssein“, den Podcast von Minh-Khai Phan-Thi. In dem unterhält sie sich mit einem Gast pro Woche etwa eine Stunde über sein und ihr Anderssein als Mensch mit Migrationshintergrund. Fast alle Gäste teilen mit der Gastgeberin eine immer wieder lästige Erfahrung. Die Frage: Woher kommst du? Wenn Minh-Khai Phan-Thi dann schon leicht genervt antwortet: „Aus Darmstadt“ – und trotzdem weiter gefragt wird, dann ist klar, dass der Frager der Frau gegenüber wegen ihres Aussehens keine hiesige Herkunft zugesteht. So sieht Alltagsrassismus aus.

Die Moderatorin hat ihren Podcast nicht als unverbindliches Plauderstündchen geplant: „Mein Thema ist sicher kein leichtes, aber ein längst fälliges.“ Als Alfred Biolek 1998 in ihrer Viva-Sendung Gast war, entdeckte er bei ihr ein großes Talent zu öffnenden Gesprächen. Und gab ihr den väterlichen Rat, diesen Weg zu gehen. Die Moderatorin selbst macht immer wieder die Erfahrung, dass Menschen ihr mehr erzählen wollen, als sie anderen anvertrauen würden. Sie lacht: „Das muss an meinem Therapeuten-Gesicht liegen.“ Als Biolek ihr den Rat gab, fühlte sie sich allerdings noch nicht so weit: „Ich war damals erst 24 Jahre alt und dachte, ich möchte eigentlich mehr schauspielern und weniger moderieren. Und habe mich gegen diesen Weg entschieden.“ Sie bereut diese Entscheidung nicht: „Ich bin im Nachhinein sehr froh, weil ich das Gefühl habe, dass ich erst jetzt so weit bin, diese Art von Gesprächen zu führen. Das hat viel mit Erfahrung zu tun.“

Im Gegensatz zu anderen Podcasts, bei denen die Gastgeber die Marionetten irgendwelcher Figuren im Hintergrund sind, hat Minh-Khai Phan-Thi die volle Kontrolle: „Ich schreibe die Gäste selber an, bereite mich allein vor. Meine Redakteurin macht den Schnitt und die Nachbereitung. Ein Mann im Hintergrund kümmert sich um die Sponsoren und das Finanzielle. Es ist eine Wahnsinnsarbeit, aber eine sehr befriedigende, denn niemand redet mir rein.“

Als Podcast-Produzentin hat Minh-Khai Phan-Thi das neue Terrain, auf dem sie ihre ersten Schritte macht, zunächst erforscht. Sie sprach mit Fachleuten und weiß jetzt: „Der Durchschnittszuhörer von Podcasts ist weiß und männlich. Deswegen ist so etwas wie ‚Gemischtes Hack‘ und ‚Fest und flauschig‘ extrem erfolgreich. Danach kommen Crime und Sex. Dann lange nix und erst dann irgendwann alles Gesellschaftspolitische.“ Wer einfacher zu einem Erfolg kommen will, sucht sich also besser ein anderes Thema. Aber die Moderatorin fühlt sich ermutigt: „Ich sehe ja an meinen Zahlen, die täglich steigen, dass sich ein gutes Thema durchsetzt.“

Anfangs experimentierte sie noch mit den Orten, an denen der Podcast aufgenommen wurde. Und wusste gleich, dass sie sich in keinem Tonstudio damit häuslich einrichten will: „In einem Studio brauche ich viel länger, um die Gäste zu knacken. Wir nehmen das jetzt in einer Altbauwohnung in Berlin-Mitte auf. Die Leute kommen rein und öffnen sich sofort, weil sie den Eindruck haben, dass sie mich in meiner Wohnung besuchen.“

Ein Ende ist nicht in Sicht: „Ich glaube, der wird noch sehr lange gehen. Er wird sich irgendwann thematisch erweitern. Deshalb habe ich auch diesen Titel ‚Anderssein‘ gewählt.“ Es soll nicht ewig ausschließlich um Menschen mit Migrationshintergrund gehen. „Ich werde das irgendwann öffnen. Dann geht es auch um Menschen mit einer anderen Sexualität, im falschen Körper geboren, mit einer körperlichen Behinderung. Dieses Anderssein definiert sich ja eigentlich darüber, dass man sich nicht anders fühlt, aber die anderen dich anders behandeln. Und man möchte eigentlich nur dazugehören.“ Ein Konzept mit Zeitstrahl, dem man entnehmen kann, wann es die thematische Erweiterung geben wird, existiert nicht: „Ich plane ja nicht so weit im Voraus. Das war noch nie mein Naturell. Man sieht ja auch durch Corona, dass man das nicht machen sollte.“

Inzwischen bewerben sich auch Gäste spontan. Wie der Sänger Sebastian Krumbiegel, der sie am Rande eines anderen Podcasts ansprach: „Er meinte: Ich habe eine DDR-Biografie, wenn das mal nicht Anderssein genug ist!“ Und stieß auf offene Ohren: „Ich schließe erst mal überhaupt nichts aus und wähle meine Gäste nicht nach Namen aus, sondern nach ihrer Geschichte.“

Wer in diesem Text die Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi vermisst, muss sich noch ein wenig gedulden, wird dann aber belohnt: Am 13. November läuft im Ersten „Papa auf Wolke 7“ mit ihr und Oliver Mommsen in den Hauptrollen: „Da spiele ich zum ersten Mal eine Vietnamesin mit vietnamesischem Akzent. Eine wahnsinnig bezaubernde Liebesgeschichte. Oliver Mommsen spielt einen autistischen Wolkenforscher und ich die Pflegerin seines Vaters.“