Berlin -  Diese kleine Szene ist typisch für die Prägungen der vergangenen Monate. Bestes Wetter in der Wuhlheide, einem beliebten Ausflugsziel. Zwei etwa fünfjährige Mädchen rennen über eine Wiese. Ihre Eltern liegen auf einer Decke. Alle sind entspannt und friedlich, sogar die Spaziergänger und Radler auf dem Weg. Nach Monaten der Pandemie-Pause fährt auch wieder die Parkeisenbahn: Schnaufend kommt sie näher, dann ertönt das Pfeifen der Dampflok. Beim ersten Mal bleiben die Kinder wie angewurzelt stehen. Beim zweiten Signal rennt ein Mädchen zu den Eltern, das andere duckt sich und fängt an zu weinen.

Sie haben Angst. Sie haben vergessen, wie laut die Welt doch sein kann. Eine Frau schaut zu dem weinenden Kind und zum lärmenden Zug. Sie sagt: „Es war nicht alles schlecht an Corona.“

Die Pandemie – mit ihren allseits bekannten Höhen und Tiefen – ist noch nicht vorbei, aber vorerst ist für Corona und für uns Sommerpause. Zeit für eine erste Bilanz, Zeit für einen Nachruf auf Corona.

Ein Nachruf soll ehrlich sein, aber das Gute hervorheben. Das fällt nicht leicht bei Corona. Diese Zeit ist geprägt von vielen großen und kleinen Dramen, es gab viele Kranke und viel zu viele unnötige Tote, etwa in Heimen. Der Alltag aller hat sich schlagartig verändert – ohne dass ein Krieg ausgebrochen ist. Die Routinen unseres bisherigen Lebens waren nicht mehr viel wert und die üblichen Vergnügungen und Ausschweifungen fielen aus.

Eine neue Entspanntheit

Die Notbremse war gezogen. Der Hyperkapitalismus konnte sich nicht weiter drehen, die großen Debatten über den Klimawandel verstummten, der politische Extremismus feierte vorerst keine neuen Höhenflüge.

Eine Welt im Leerlauf, eine Welt im Stillstand. Doch nun schwingt sich das Leben zu neuen Höhen auf, zwar sorgen ansteckendere Varianten mancherorts wieder für mehr nachgewiesene Fälle, aber die Zahl der Krankenhauseinweisungen schnellt nicht in die Höhe und auch nicht die Zahl der Todesfälle. In Deutschland ist eine neue Entspanntheit zu erleben.

Als ich meine Frau frage, was sie an der Pandemie vermissen wird, sagt sie: „Nichts natürlich.“ Keine zwei Sekunden später sagt sie: „Dass die meisten von uns einen gemeinsamen Feind hatten.“

Viele fühlen sich nicht gehört

Aber eben nur die meisten. Es gibt auch eine beachtliche Minderheit, die anders denkt und dabei laut ist; und es gibt viele, die sich nicht gehört fühlen mit ihren Sorgen und Existenzängsten.

Corona hat die Gesellschaft gespalten, hat Freundeskreise zertrümmert, weil sich die Freunde nicht einigen konnten, wer Recht hat im Wirrwarr der neuen Erkenntnisse. Dabei ging es meist um Politik, und wenn sich Freunde wegen auseinanderdriftender politischer Ansichten entzweien und keine Brücken mehr bauen wollen, bröckelte die Freundschaft sicher schon davor und bekam nun den Todesstoß.

Delfine in Venedig

So etwas haben wohl alle erlebt. Aber eben auch neue Freundschaften: mit Nachbarn, die anderen helfen, nicht nur beim Einkauf, auch beim Beaufsichtigen der Kinder oder Großeltern. Gut so.

Die neuen Abstandsregeln sorgen dafür, dass Kinder viel seltener Schnupfen haben. Auch gut. Andere freuten sich, als sie die Fernsehbilder von Delfinen im touristenfreien Venedig sahen, wieder andere entdecken ihre Heimat als Urlaubsland. Die einen müssen nun auf teure Dienstflüge verzichten, andere haben schon für die Zeit nach Corona mehr Telearbeit beantragt, um mehr zu Hause zu arbeiten. Viele sind nun zwar noch abhängiger vom Handy, manche gehen nun aber mit ihrer Gesundheits-App jeden Tag 10.000 Schritte, um den Corona-Bauch loszuwerden. Und sehr viele genossen die große Stille.

Beim Lockern gibt es nun eine großen Ernsthaftigkeit im Umgang mit der neuen Leichtigkeit. Früher überließen es viele dem Zufall, was sie in ihrer Freizeit machen. Nun, da alle erlebt haben, wie sehr sie die schönen Dingen vermissen, planen viele genau, was sie mit wem erleben wollen.

Hochkonzentriert die Freiheit auskosten

In unseren Kiez kamen neulich drei Rentnerpärchen geradelt mit Picknickkorb und einem Tisch, auf den sie Weinflaschen stellten. Sie hatten einen perfekten Platz gefunden, um Boccia zu spielen. Sie ließen die Kugeln über den Sand kullern, lachten und prosteten sich zu. Sie waren hochkonzentriert dabei, ihre neuen Freiheiten auszukosten.

Die alte Leichtigkeit ist weg – besser gesagt: noch nicht wieder da. Aber irgendwann kommt die Zeit des „Ach-weißt-du-noch?“ Dann werden sich viele hoffentlich nicht nur an die Ängste und Sorgen erinnern, sondern auch daran, wie sehr sie doch vieles vermisst haben und dass es manchmal sehr schön still war. Es war nicht alles schlecht an Corona.