Generationen von Schülern haben von einem Leben ohne Hausaufgaben geträumt. Nun könnte das Realität werden. Die obersten Berliner Schülersprecher halten die bisher gültige Hausaufgaben-Praxis für überholt. „Wir fordern die Abschaffung von Hausaufgaben in der jetzigen Form“, erklärte der Landesschülerausschuss in einer gemeinsamen Erklärung.

„Das Hausaufgabensystem muss zwingend reformiert werden.“ Viele Berliner Schüler hätten ihn auf das Problem aufmerksam gemacht, betont Landesschülersprecher Philipp Mensah im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Je voller die Unterrichtspläne werden, desto mehr wird ausgelagert – als Hausaufgabe.“

Mensah und seine Mitstreiter setzen nun vielmehr auf Freiwilligkeit: „Hausaufgaben sollten tendenziell freiwillig sein und nur auf freiwilliger Basis benotet werden“, heißt es in dem Beschluss des Gremiums. Auf diese Art würden Schüler sich früh daran gewöhnen, eigenverantwortlich zu lernen.

Weniger Zeit zur persönlichen Entfaltung

Gegen die bisherige Hausaufgaben-Praxis führt die gewählte Schülerschaft Berlins weitere Gründe an. So würden Hausaufgaben die Chancenungerechtigkeit unter Schüler noch verstärken. Während Akademikereltern ihren Kinder bei den Hausaufgaben oft helfen könnten oder für Nachhilfe bezahlten, sei das in anderen Familien nicht der Fall.

Damit machen sich die Schüler die Ansicht von der Soziologin Jutta Allmendinger zu eigen. „Hausaufgaben alten Stils zementieren soziale Ungleichheit“, hat die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin bereits festgestellt. Es sei viel besser, den Lernstoff im Unterricht in kleinen Gruppen zusammen mit dem Lehrer noch einmal durchzuarbeiten.

Die Berliner Schülervertreter beklagen zudem, dass der mit den Hausaufgaben verbundene Leistungsdruck zusätzlichen Stress in die Familien trage und den gemeinsamen Feierabend zerstöre. Auch bleibe für Schüler sonst noch weniger Zeit zur Freizeitgestaltung und zur persönlichen Entfaltung.

Stattdessen fordern Berlins oberste Schülersprecher, dass Schulen vor Ort generell eine kostenlose Lernhilfe anbieten sollen. Der Trend geht ja ohnehin zur Ganztagsschule. An einigen Schulen gibt es das bereits. Darüber hinaus sollten Zweck und maximale Bearbeitungszeit von zusätzlichen Aufgaben genau festgelegt werden, regen die Schüler an.

Pädagogen, die im konservativen Deutschen Lehrerverband organisiert sind, halten hingegen an Hausaufgaben fest. „Sie geben Lehrkräften wichtige Rückmeldungen, wie weit ein Schüler den Unterrichtsstoff verstanden hat“, betonen Vertreter des Verbandes. Und gerade für schwächere Schüler seien Hausaufgaben unerlässlich, um bestimmte Dinge nachträglich zu verstehen und einzuüben.

Kein Ersatz für den Unterricht

Andere Lehrer stellen fest, dass Vokabeln oder Literatur, die in der Schule durchgenommen wird, natürlich zu Hause eingeübt und gelesen werden müssen.

Doch auch der Berliner Gymnasial-Schulleiterverband stellt klar: „Hausaufgaben dürfen nicht den Unterricht ersetzen“, sagt der Vorsitzende Ralf Treptow. „Sie sind nicht dafür da, nachzuholen, was im Unterricht an Lernstoff nicht geschafft worden ist“. Vielmehr seien sie eine kurze und knappe Lernübung, um Gelerntes zu vertiefen. In der 9. und 10. Klasse hätten gerade Gymnasiasten ohnehin schon so viele Schulstunden.

Alle Beteiligten sollten in der aufkommenden Debatte die Wirkung des Landesschülerausschusses auf die Politik nicht unterschätzen. Zuletzt setzte die dort organisierten Schüler durch, dass es bald wieder ein benotetes Schulfach Politische Bildung in Berlin geben wird.