Verunglimpfte DDR-Wissenschaft: Wie der Westen eine Ost-Hochschule niedermachte

Die Abwicklung der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst erscheint als Exempel für die Geringschätzung der Leistungen im Osten. Ein Zeitzeuge forschte nach.

Studentinnen der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst am 28. März 1984 im Lesesaal beim Studium.
Studentinnen der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst am 28. März 1984 im Lesesaal beim Studium.dpa/adn

Mehr als 31 Jahre sind seit der Schließung der Hochschule für Ökonomie (HfÖ) vergangen. Vergessen sind die Geschehnisse rund um die Abwicklung der historisch gewachsenen Einrichtung, der größten ihrer Art in der DDR, nicht. In den 41 Jahren ihres Bestehens wurden an der HfÖ 12.000 Studenten im Direkt- und 8000 Studenten im Fernstudium diplomiert. Außerdem absolvierten Berufstätige in besonderen Kursen ein Hochschulstudium.

Die „Akte zur Abwicklung HfÖ, Archivnummer Nr.19750“, erlaubt es, den Prozess nachzuvollziehen. Stellt man die Frage nach dem Sinn, immer wieder die Vergangenheit zu bemühen, kann man sich Peter-Michael Diestel, dem letzten Innenminister der DDR, damals DSU, anschließen, der in seinem jüngsten Buch schrieb „… mehr als 30 Jahre nach der friedlichen Revolution und der deutschen Einheit bleibt die Frage, wie viel Grund die Ostdeutschen heute haben, mit Stolz und Freude auf die Vergangenheit zu blicken“.

Die Hochschule für Ökonomie wurde auf Beschluss der Berliner Senats am 30. September 1991 geschlossen. Eine objektive, differenzierte Bewertung der Hochschule und ihres wissenschaftlichen Potenzials hat nie stattgefunden, auch keine individuelle Evaluierung der Hochschullehrer.

Dem Abwicklungsbeschlusses lag insbesondere das Gutachten eines Professor für Zoologie mit dem Schwerpunkt Entwicklungsbiologie aus der Schweiz, zugrunde. Er kam zu dem Schluss, dass es in West-Berlin nichts zu korrigieren gebe (außer ausufernde Demokratisierungstendenzen). Professor Walter Kupferschmidt, ehemals HfÖ-Rektor, erinnerte im Hochschulgedenkbuch von 2013 an die Formulierungen des Gutachters, der „angesichts der ostdeutschen Wissenschaftswüste“ keine Chancen für neue zukunftsträchtige Strukturen sah.

Allerdings hatte man 1990 im Wahlprogramm der Berliner Christdemokraten noch gelesen: „Die CDU wird sich im Zweifelsfall immer für den Erhalt von wissenschaftlichen Einrichtungen aussprechen, denn Forschung und Entwicklung eröffnen uns neue Wege in die Zukunft.“ Und weiter: Die Hochschule für Ökonomie solle ihr Studienangebot auf eine praxisorientierte Ausbildung konzentrieren: „Ihre Zukunft könnte in einer Art Management-Schule mit verstärkter europäischer Ausrichtung liegen.“

In dem Gebäude an der Treskowallee hatte einst die Hochschule für Ökonomie (HfÖ) ihren Sitz, heute gehört das Gebäude zur Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Es wurde 1914 als Gymnasium eingeweiht.
In dem Gebäude an der Treskowallee hatte einst die Hochschule für Ökonomie (HfÖ) ihren Sitz, heute gehört das Gebäude zur Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Es wurde 1914 als Gymnasium eingeweiht.dpa/Jens Kalaene

Zu diesem Zeitpunkt wurde also für die HfÖ die Chance eines Weiterbestehens gesehen – auch in der Bundesregierung. Jedenfalls geht das aus dem interessanten Antwortbrief des Bundesaußenministeriums an Vertreter der HfÖ vom 11. Dezember 1990 hervor.

Darin wird  „großes Interesse“ an der Absicht bekundet, die Gründung einer Europäischen Wirtschaftsuniversität voranzutreiben: „Gerade aufgrund ihrer besonderen Beziehungen zu Hochschulen in Mittel- und Osteuropa sowie der Dritten Welt“ erscheine „die Hochschule für Ökonomie gut geeignet, durch die Intensivierung von Forschung und Lehre im wissenschaftlichen Bereich zur Verbreitung fundierter Kenntnisse über marktwirtschaftliche Zusammenhänge beizutragen.“

Gleichwohl verfügte die Landesregierung die Schließung, und der Ende 1991 ins Amt gekommene Wissenschaftssenator Manfred Erhardt, CDU, verkündete entgegen dem Wahlprogramm seiner Partei laut Plenarprotokoll des Berliner Senats 127/6: „Ich werde diese Entscheidung umsetzen.“

Diese entgegengesetzten Ansätze zur Überführung von Wissenschaftspotenzial in einem gemeinsamen deutschen Staat waren konzeptlos und ideologisch geprägt. Der damalige Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Hartmut Schiedermair, nannte eine Abwicklung ohne strukturelle und personelle Perspektive sogar einen „Akt von Kulturbarbarei“.

In der HfÖ gab es nachweislich intensive Bemühungen der Neuprofilierung bis hin zur Erarbeitung eines neuen Strukturkonzepts. An der Spitze dieses Prozesses standen die leitenden, reformwilligen Kräfte der Hochschuleinrichtung – gemeinsam mit der Studentenschaft. Sie wussten, wo die Reorganisation ansetzten musste, obwohl man ihnen diese Kompetenz und Fähigkeit immer wieder abgesprochen hat.

Als „Kaderschmiede“ abgetan

Aus einem Papier des damaligen Rektors, Rudolf Streich, vom 30. September 1991 geht hervor, was angestrebt wurde: die internationale Öffnung der HfÖ durch grundlegende Reform des Studienprogramms und -modells, die Befreiung von politischer Bevormundung und eine Rückbesinnung auf die Traditionen einer Freiheit der Lehre, Einheit von Lehre, Forschung und Praxis. Dies hätte nach Evaluierung in einer universitär profilierten Wirtschaftshochschule verwirklicht werden können.

Doch es genügte der einseitige und abwertende Hinweis auf die Hochschule als Kaderschmiede der SED, um die Abwicklung zu rechtfertigen, wie das Neue Deutschland 30 Jahre nach der Schließung rückblickend und treffend feststellte.

SS-Sturmbannführer wirft Ossis raus

Die Hochschule für Ökonomie passte eben nicht in das Berliner Hochschulsystem! Es sei an diskreditierende, absurde Äußerungen und billige Polemik in Reinkultur wie die des damaligen Bundeswissenschaftsministers Heinz Riesenhuber, CDU, erinnert. Der glaubte zu wissen, die ostdeutschen Wissenschaftler seien „gewohnt, abzuwarten, dass ihre Vorgesetzten ihnen sagen, was sie tun sollen. Sie haben nicht gelernt, eigene Fragen zu formulieren“. Ebenso wenig hätten sie gelernt, Probleme zu erkennen oder Probleme von ihrem eigenen Standpunkt aus zu definieren.

Besonders krass stellt sich der Fall des Volkswirts und Nationalökonomen Wilhelm Krelle dar, vormals SS-Sturmbannführer und 1. Generalstabsoffizier der SS-Panzerdivision Götz von Berlichingen sowie Angehöriger der berüchtigten 164. Infanteriedivision, die in Griechenland Kriegsverbrechen und Massaker an Zivilisten beging.

Als Gründungsdekan der neuen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Uni aus dem Ruhestand mobilisiert, drohte er in seiner Antrittsrede: „Kein Marxist wird seinen Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzen, solange ich hier das Sagen habe.“ Die einstige SS-Größe wickelte 1990/91 die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Humboldt-Universität ab. 170 Wissenschaftler befand er als unzumutbar – und erhielt dafür die Ehrendoktorwürde.

Hinsichtlich der HfÖ-Abwicklung ergibt sich nach Sichtung und Bewertung der Unterlagen aus dem Archiv der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), dass in der ersten Phase eine Bestandssicherung der HfÖ als Managerhochschule oder ähnliches möglich schien.

Keine Zeit, kein Konzept

Allerdings saßen zu diesem Zeitpunkt nicht die politischen Führungskräfte an den Stellen, wo solche progressiven Entscheidungen hätten getroffen werden können. Hinzu kamen Zeitdruck und Konzeptlosigkeit. Man war sich der Chance nicht bewusst, etwas Neues auf den Weg bringen zu können. Die ideologischen Hardliner setzten sich durch. Mit den Erfahrungen von mehr als 30 Jahren deutscher Einheit wissen wir, dass die Zeit nicht reif war für ein neues, modernes Modell einer Wirtschaftshochschule.

Nicht einmal das innerhalb der HfÖ arbeitende Institut für Raumordnung und Umweltökonomie (IRU) mit seiner zukunftweisenden Ausrichtung wurde erhalten. Die einzige Ausbildungsstätte, die Generationen von Raumplanern in der DDR ausgebildet hatte, bekam keine Chance.

Infobox image
Privat
ZUm Autor
Dr.sc. Berthold Fege
geboren 1934, ehemals Dozent an der Hochschule für Ökonomie (HfÖ) in Berlin-Karlshorst. 1990 wurde er zum Direktor des Institutes für Raumordnung und Umweltökonomie (IRU) gewählt.

Man wagte auch nicht den Versuch, eine Europäische Wirtschaftshochschule zu gründen – obwohl es Vorschläge und Anregungen dazu gab, wie unter anderem dem bereits zitierten Schreiben des Auswärtigen Amtes von Ende 1990 zu entnehmen ist. Es ist aus heutiger Sicht eine Tragik, dass die Auffassung und diese Stimme nicht zum Tragen kam. Bis heute gibt es an Hochschulen Ostdeutschlands keine entsprechende Ausbildung in Raumplanung.

Die rigorose Entscheidung, sich der HfÖ zu entledigen, fiel, ohne dass man sich über die Konsequenzen voll im Klaren war. So wurde ein großes Wissenschaftspotenzial auf den „Müllhaufen der Einheitsgeschichte“ geworfen und mehr als 500 Wissenschaftler und Mitarbeiter der HfÖ wurden zunächst auf die Straße gesetzt.

1991 rief der HfÖ-Studentenclub zur großen Abwicklungsparty. 
1991 rief der HfÖ-Studentenclub zur großen Abwicklungsparty. DPA

Allerdings, so bilanzierte Walter Kupferschmidt im Jahr 2015: Entgegen der Westprognosen, die „unseren Absolventen in der Marktwirtschaft wenig Chancen einräumten, haben sich diese auch unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen in der Wirtschaft, bei Banken und Versicherungen, in Unternehmensberatungen und als Unternehmer, als Hochschullehrer, in kommunalen Einrichtungen und sogar in zentralen Institutionen des Bundes und der Europäischen Union bewährt und teilweise auch Führungspositionen eingenommen“. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer vielleicht der Hinweis, dass mit anderen Hochschulen ähnlich verfahren wurde.

Auch die an der Hochschule existierende moderne Ausbildung in Wirtschaftsinformatik mit den ca. 250 Studenten konnte – trotz Ausbildungsgarantie für die Studenten und intensiver Bemühungen – weder an der FU noch insbesondere an der TU weitergeführt werden, weil es hier solche Studiengänge noch nicht gab.

Welche Denkanstöße könnten nun aus den Erfahrungen resultieren – vor allem in Anbetracht der Forderungen nach einem Paradigmenwechsel in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und Forschung mit dem Ziel, dem Allgemeinwohl besser zu dienen und einer ethisch fragwürdigen Ökonomisierung des Denkens nicht länger Vorschub zu leisten?

Zeit für eine neue Hochschule

Da wäre die Idee zur Gründung einer mehrsprachigen (deutsch, englisch, französisch) Wirtschaftshochschule neuen Typs. Es ist längst an der Zeit, zu prüfen und zu entscheiden, wie volkswirtschaftliche, betriebswirtschaftliche, digitalwirtschaftliche, raumwirtschaftliche und umweltökonomische Modelle in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten über Ländergrenzen hinweg miteinander verknüpft und im weiteren Integrationsprozess arbeitsteilig gesteuert werden.

Dazu bedarf es konzentrierter Forschungen und umsetzbarer wissenschaftlicher Ableitungen und Erkenntnisse. Eine solche (internationale) Wirtschaftshochschule oder Wirtschaftsuniversität kann man sich als Gemeinschaftswerk der deutschen Länder vorstellen. Die vielen an der ehemaligen Hochschule für Ökonomie gesammelten Erfahrungen, jene aus der Wendezeit und aus der Praxis der verflossenen 30 Jahre könnten auch Anregung sein, solche wirtschaftswissenschaftlichen Konzeptanstöße zu liefern.