Berlin - Spielzeugvögel, Münzen oder Lebensmittel gaben schon unsere Vorfahren ihren Toten als Beigabe mit ins Grab. Je nachdem, was die Verstorbene oder der Verstorbene gerne mochte, sollte es ihr und ihm nützlich sein in dem anderen Leben. Die Redaktion erreichte jüngst die Anfrage von Aileen Harmsen aus Mahlow, sie wollte eine Zeitung vom Todestag ihres Großvaters Gerhard aus Adlershof, der 82 Jahre alt wurde. Sie mailte: „Am Mittwochabend ist mein geliebter Opa verstorben und er hat tagtäglich Ihre Zeitung gelesen. Wir dürfen nun bei der Beerdigung eine Kleinigkeit zu seiner Urne dazulegen und wir würden ihm gern seine letzte Zeitung mitgeben.“ Wir in der Redaktion waren gerührt und beschlossen, mit Frau Harmsen persönlich über das Verhältnis des Großvaters zu unserer Zeitung zu sprechen.

Wir beide telefonierten abends nach der Arbeit, als alles getan war und wir Muße hatte, in Ruhe über Trauriges zu sprechen. Liebevoll erinnernd erzählte mir die Hotelkauffrau am Telefon von dem Leben des Verstorbenen. „In seiner Hängematte im Garten las er die Berliner Zeitung gerne zur Mittagszeit.“ An Politik und Wirtschaft war der Wissensbeflissene sehr interessiert, studierte genau die vielen Texte dazu in der Berliner Zeitung.

Was für seine Enkelin interessant sein könnte, fotografierte er mit dem Smartphone und sendete ihr die Information so  schnell zu. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern hat kaum Zeit, die neuesten Nachrichten zu verfolgen und war sehr froh über diese Art der Versorgung mit Wichtigem. „Er hielt mich immer auf dem Laufenden. Dadurch erfuhr ich oft, wo man was beantragen kann und auch, dass es den Corona-Zuschlag für die Kinder gibt und wir noch zu zusätzlichen dringend benötigten Einnahmen kommen können.“ Auf die Geburtstagstorte, die Aileen Harmsen ihrem Großvater in diesem Jahr fertigte, stellte sie die Figur eines Zeitung Lesenden. 

Über dreißig Jahre hatte der Großvater sein Abo der Berliner Zeitung. In seinen letzten zwei Jahren war das Zeitung lesen seine Hauptbeschäftigung. „In meiner Erinnerung sehe ich ihn immer mit ihr vor der Nase, hundertprozentig konzentriert lesend.“ Über ihre Probleme gesprochen hat Aileen Harmsen mit ihrer Großmutter, gelöst hat sie oft der Großvater. „Er war kein großer Redner, aber er wusste dank der intensiven Lektüre über alles Bescheid. Wenn er sprach, waren es kurz knackige Sätze, die gesessen haben.“