Ketzür - Edge. Die meisten Großstädter ärgern sich, wenn das kleine „E“ auf ihrem Handy-Display aufleuchtet, steht es doch für die schlechtmöglichste Verbindung zum Internet. Edge herrscht in Ketzür an vielen Stellen. Ein Abzweig von der Landesstraße 911 führt durch das brandenburgische Dörfchen, eine Windmühle thront auf einem Hügel, über die Straße stolziert ein Huhn.

Ist man unaufmerksam, kann es sein, dass man an Ketzür vorbeifährt, ohne es richtig wahrzunehmen. Der 260-Seelen-Ort liegt anderthalb Stunden Autofahrt westlich von Berlin entfernt. Das ist nicht viel und reicht doch, um eine andere Welt aufzutun. In der es mitunter Minuten dauert, ein Bild über WhatsApp zu verschicken und in der sich soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook auf dem Handy kaum laden lassen.

Twitter-Hit ohne eigenen Tweet

Hubert Pomplun stört das nicht, er besitzt ohnehin kein Smartphone. 81 Jahre ist er alt und hat den Großteil seines Lebens auch ohne Dauerverbindung zum Internet gelebt. Jetzt nutzt er das Internet, so ist es nicht. Aber Hubert Pomplun muss nicht permanent mit Freunden, Verwandten oder dem Rest der Welt in Kontakt stehen.

Er interessiert sich für Politik, sehr sogar, aber er muss nicht jede Eilmeldung beim Spaziergang auf das Handydisplay geschickt bekommen. Er guckt gern nach, worüber die Leute in den sozialen Netzwerken so sprechen, aber er hechelt nicht dem hinterher, was man im Internet einen „viralen Hit“ nennt – Beiträge, die sich im Netz rasant verbreiten, auf Zustimmung oder totale Ablehnung stoßen und ihre Verfasser für Stunden oder Tage, manchmal auch dauerhaft, zu Netzberühmtheiten werden lassen.

Doch ausgerechnet Hubert Pomplun hat im vergangenen Herbst selbst einen solchen viralen Hit ausgelöst – ohne es zu merken.

Das Anzeigenblättchen hat er aufbewahrt. Er sitzt an seinem Schreibtisch, kramt es unter einem Stapel Papiere hervor. Eine silberne Haarsträhne fällt ihm in die Stirn. Hubert Pomplun weiß nicht genau, wie virale Hits funktionieren, aber er weiß, dass ihn diese Anzeige, die er im vergangenen Herbst aufgegeben hat, kurzzeitig im Internet ziemlich bekanntgemacht hat.

Da steht sie, in großen fettgedruckten Lettern. Auf der selben Seite bietet jemand eine Einkaufshilfe an, eine Katze sucht ein neues Zuhause, eine Fleischerei macht Werbung. Dazwischen, eingerahmt, dicker und größer gedruckt als die übrigen Anzeigen, Hubert Pompluns Text: „Wer aus dem Raum Brandenburg bringt mir Twitter bei?“

Ein Hilfegesuch für eines der schnellsten Netzwerke der Gegenwart – jenes, in dem Nutzer ihre Meinung in maximal 280 Zeichen und in Echtzeit hinaus in die Welt schicken – in einem der langsamsten Medien, einem gedruckten Anzeigenblättchen. Dort, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Twitter-Nutzer je hineinschaut.

Einer tat es dann doch. Und der fand den Kontrast so komisch, dass er ein Foto der Anzeige auf Twitter veröffentlichte: „Kein Scherz, das steht so im örtlichen Wochenblatt“, schrieb er dazu. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich die Anzeige so im Netz und begeisterte Hunderte Menschen.

Hubert Pomplun wurde zum Twitter-Star, ohne dass er je einen Tweet abgesetzt hatte. Er bekam davon freilich nichts mit – bis ein paar Tage später ein Redakteur der Regionalzeitung bei ihm anrief.

Zu vorsichtig zum Ausprobieren

Hubert Pomplun schaltet seinen Computer ein. Der steht in einer Arbeitsecke, die er sich in seinem Haus – einer zu einem Wohnhaus ausgebauten  Scheune – eingerichtet hat. Es herrscht Chaos auf dem Schreibtisch, Unterlagen stapeln sich, dazwischen liegen  bedruckte Sticker – „Stoppt Wilderei weltweit“, „Ackergifte? Nein, danke!“.  Ein Fundus an Kugelschreibern liegt auf dem Tisch.

Im vergangenen Jahr hatte Hubert Pomplun erstmals von Twitter gehört. Auf Facebook war er damals schon angemeldet, um die Arbeit seiner Stiftung bekanntzumachen. „Kranichland“ heißt sie und  informiert über Umwelt- und Naturschutz. „Facebook habe ich dann etwa ein Jahr gemacht, wahrscheinlich längst nicht alle Möglichkeiten genutzt“, sagt Pomplun.

Niemand kannte sich aus

Dann machte eine Bekannte ihn auf Twitter aufmerksam, Das selbst einfach mal auszuprobieren, erschien ihm allerdings etwas zu wagemutig. „Wenn du irgendwie auf den falschen Knopf drückst, dann ist da irgendeine ganz unsinnige Botschaft in der Welt“, sagt er, „lieber nicht.“

Also fragte der Pensionär in seinem Bekanntenkreis nach, ob ihm jemand erklären könne, wie das Netzwerk funktioniert, doch mit Twitter konnte niemand etwas anfangen. Er schrieb  der Technischen Hochschule Brandenburg, vielleicht könne ein Informatikstudent ihm aushelfen – doch  erhielt nie eine Antwort. Schließlich dann also die Anzeige im Wochenblatt.

Der Redakteur der Regionalzeitung hat ihm geholfen, sich auf Twitter anzumelden, ihm gezeigt, wie das Netzwerk funktioniert, wie er selbst eigene Tweets absetzen kann, wie er anderen Accounts folgen kann und was es heißt, wenn andere Menschen ihm folgen.

Seitdem twittert Hubert Pomplun regelmäßig seine Meinung rund um das Thema Umwelt- und Naturschutz. „@Kranichland“ heißt er auf Twitter, so wie seine Stiftung. Denn die ist ihm eine Herzensangelegenheit.

Hubert Pomplun wird nicht müde, immer wieder zu erklären, dass es dabei nicht allein um Kraniche geht. „Das Kranichland ist nicht ein Land, in dem nur Kraniche leben – aber in dem auch Kraniche leben. Wo also gesunde Natur ist, wo die Menschen Respekt haben vor der Umwelt, vor den Tieren, den Pflanzen, vor der Erde“, sagt er.

Als er noch ein Kind war, hat Hubert Pomplun ein Buch über Kraniche von seinem Vater geschenkt bekommen, „Mit den Zugvögeln nach Afrika“. Es hat seinen Blick auf die Welt verändert und seine Liebe zur Natur geweckt.

Auch deshalb hat er die Stiftung nach den majestätischen Vögeln benannt. Die Region um Ketzür herum ist außerdem im Herbst Rastplatz für Tausende Kraniche auf ihrer Reise gen Süden.

Die Macht der sozialen Netzwerke ist Hubert Pomplun durchaus bewusst – dass theoretisch jeder mit ihm darüber in Austausch treten kann. Doch er weiß auch um die Tücken dieser Medien, um Phänomene wie Hatespeech oder Fake News. 

„Ideal wäre natürlich, ich könnte mit meinen Tweets die Menschen erreichen und überzeugen, die nicht sowieso schon meiner Meinung sind“, sagt er, „aber ich habe das Gefühl, dass das ziemlich schwierig ist“.

Kaffeetassen-Oberflächlichkeit

Dann ist da noch die Oberflächlichkeit der sozialen Medien, die Hubert Pomplun nicht versteht. „Wenn ich morgens den Computer anschalte und mich auf Twitter anmelde, sehe ich mindestens drei Fotos von Kaffeetassen. Wieso haben Menschen das Bedürfnis, im Netz mitzuteilen, dass sie gerade frühstücken?“ 

Der Drang nach Selbstdarstellung ist ihm fremd. Sogar, dass er selbst kurzzeitig zum Internetstar wurde, rührt ihn wenig. Die Reaktionen auf seine Twitter-Anzeige hat er grob mitbekommen. Dass er damit Belustigung ausgelöst hat, versteht er jedoch nicht. „‘Ich schmeiß mich weg vor Lachen‘ hat jemand geschrieben“, erzählt er – und zuckt mit den Schultern. „Mein Gott, als ob man mit 81 Jahren zu blöde ist, um so etwas noch zu lernen.“

Dass er zu alt für moderne Technologien oder neue Medien, ja, für überhaupt irgendetwas sein soll, sieht Hubert Pomplun überhaupt nicht ein. Es dauert alles ein bisschen länger, das schon, so schnell wie früher lernt er nicht mehr. Doch was soll’s?

Als er damals, mit 60 Jahren, aus Garmisch Patenkirchen nach Brandenburg gezogen ist, die Scheune gekauft und  ausgebaut hat, da haben Freunde auch den Kopf geschüttelt und gefragt: Bist du sicher, dass du das jetzt noch machen willst? „Und heute wohne ich hier immerhin schon 15 Jahre!“

Berliner ohne Bezug zu Berlin

Ein rot getigerter Kater streicht ihm um die Beine, der einzige Mitbewohner, mit dem Hubert Pomplun das Haus teilt. Eine Lebensgefährtin wohnt zwei Stunden entfernt, sie besuchen sich ab und zu.

An den Wänden hängen Kunstdrucke, Erinnerungen an Ausstellungen, die Pomplun über die Jahre hinweg besucht hat. Ausstellungen, Theateraufführungen schaut er sich gern an, mit dem Auto braucht er genau eine Stunde auf den Parkplatz der Berliner Philharmonie. Das ist dann aber auch alles, was ihn an Berlin reizt.

Dabei wurde er in Berlin geboren, wuchs in Wedding, an der Grenze zu Pankow, auf. 1963, mit 26 Jahren, zog er nach Garmisch-Partenkirchen. Er mochte die Bergsteigerei,  arbeitete später als Steuerberater.

Schon damals gab  er dem naturverbundenen Ort am Alpenrand den Vorzug vor der Großstadt.  2004 zog es ihn zurück nach Brandenburg – aber nicht nach Berlin.  Bis heute nicht. Die Menschen leben ihm dort zu schnell, zu unaufmerksam, zu rücksichtslos auf sich selbst, auf andere – und auf die Natur.

„Ich bin kein Mitglied der christlichen Kirche, aber ich habe großen Respekt vor der Schöpfung“, sagt er, „Dass die Bäume im Herbst das Laub verlieren, dass dieses Laub den Boden düngt, aus dem wiederum die Nährstoffe für den Frühling entstehen – alle diese Wunder sind doch erstaunlich. Selbst wenn das keinen Nutzen für uns hätte, kann man doch nicht einfach hergehen und dieses Wunderwerk kaputt machen“.

„Der 81-Jährige kann sich noch alleine anziehen“

Hubert Pomplun zieht seine Winterjacke an – „Der 81-Jährige kann sich sogar noch allein anziehen“, sagt er und lacht dann doch ganz kurz. Draußen scheint die Sonne, aber es ist kalt. Die Minusgrade fühlen sich eisiger an als in der Stadt. Keine 200 Meter von seinem Haus entfernt liegt die Kute von Ketzür – ein etwa zwei Hektar großer Teich. Die Kute und etwas von dem Land um den Teich herum  gehören der Stiftung Kranichland.

Im Winter sind der Teich und das umliegende Land häufig überschwemmt. Die Sonne fällt durch das Schilf, das den Teich ein wenig abschirmt, die vereiste Wasseroberfläche glitzert. Zahlreiche Brut- und Zuchtvögel nutzen die Kute als Rastort. Kiebitze, Graureiher, Haubentaucher – plötzlich hebt Hubert Pomplun den Arm: „Kraniche!“ ruft er. Drei der großen Vögel ziehen über den Himmel.

Hubert Pomplun hofft, dass das Biotop, das die Kute auf dem Grundstück seiner Stiftung bildet, erhalten bleibt und nicht eines Tages von der Agrarindustrie entdeckt und trocken gelegt wird. Dabei hat er nichts gegen eine landwirtschaftliche Nutzung des Geländes, so lange sie im Einklang mit der Natur geschieht. Das Grundstück ist an einen Landwirt verpachtet, der in den Sommermonaten Kühe darauf weiden lässt.

Im Sommer ist der Radweg entlang der Kute viel befahren, jetzt bei eisigen Minusgraden lässt sich kaum ein Mensch blicken.

Es wäre ein Leichtes, sich in dieser Idylle einzuigeln, die Welt sein zu lassen, die Politik einfach machen zu lassen – „viele hier im Dorf meckern immer nur und glauben gar nicht, dass sie selbst irgendwas ändern können“, sagt Hubert Pomplun, „aber das ist doch Unsinn. Ich sehe gar nicht ein, dass ich auf der Welt bin und dann nicht versuche, etwas mitzugestalten. Gerade wenn man sieht, wie schlecht die Natur behandelt wird, ist das immer wieder Ansporn.“

So wie an diesem Tag. Hubert Pomplun hat im Koalitionsvertrag der künftigen großen Koalition gelesen, dass Aktivisten, die Tierquälerei in Ställen heimlich filmen, härter bestraft werden sollen. Ein Unding, findet er. Zuhause an seinem Schreibtisch ruft er Twitter auf. „Das geht ja gut weiter!“ schreibt er – und schickt seine Meinung hinaus ins Netz.