Helmut Hampel überlebte den Krieg.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Als Kind erlebte Helmut Hampel die Bombardierungen Berlins und wurde sogar verschüttet.

Jeden Tag des Kriegs hat Helmut Hampel in Berlin verbracht. Bei seinem Beginn war er drei Jahre alt, zum Kriegsende acht, fast neun. Seinen Vater verlor er schon 1939. Nazis verprügelten den Sozialdemokraten so schwer, dass der Zimmermeister bei der Arbeit vom Gerüst stürzte. Danach wanderte der kleine Helmut ständig von der elterlichen Wohnung in Friedrichshain nach Kreuzberg zu seiner Oma, wo er am Fuß des Kreuzbergs spielte. „Wenn Fliegeralarm war, saß ich bei meiner Oma im Keller. Dort banden sich die Leute Decken und Kissen auf den Kopf“, erinnert er sich. So wollten sie sich schützen, falls das Haus über ihnen einstürzte. Das Bild dieser bizarren Turbane hat er noch immer vor Augen. Bald gab es jede Nacht Fliegerangriffe, doch als Helmut zur Kinderverschickung sollte, sagte seine Mutter Nein: „Das Kind bleibt bei mir.“

Im Februar 1945 kam es zur Katastrophe. Helmut war an diesem Tag im Keller des Hauses am Weidenweg, nahe dem Frankfurter Tor. „Mit einem Mal hat es geknallt, und es rieselte von der Decke“, sagt er, „über uns lagen die ganzen Steine des Hauses und die Decke ist nicht eingestürzt.“ Nachbarn zogen ihn durch einen Durchbruch ins Nebenhaus, und er gelangte auf die Straße. Seine Mutter arbeitete an diesem Tag, und Helmut lief ihr auf dem Heimweg entgegen. „Mama, wir haben kein Haus mehr“, sagte er, als sie sich trafen. Längst ging Helmut nicht mehr regelmäßig zur Schule. Wegen der Luftangriffe, schickten die Lehrer die Kinder nach Hause. „Meine Mutter hat mit mir das 1 x 7 gepaukt“, denkt Hampel zurück. Seine Oma erzählte Helmut am 8. Mai vom Ende des Kriegs. Den Wagen mit russischen Soldaten lief er hinterher und rief „Klebba, klebba!“ – „Brot, Brot!“ Seine Mutter verpasste ihm eine Backpfeife. „Du bettelst nicht bei den Russen.“

Mit anderen Jungen spielte Hampel in den Trümmern der Stadt. „Das war interessant. Manchmal haben wir Spielzeug gefunden, kleine Eisenbahnen von Kindern, die nicht mehr da waren.“ Hampels Mutter nähte in einer Schneiderei Mäntel und Kleider, die Armut war bedrückend. Während der Blockade brachte Helmut seiner Oma regelmäßig sechs Kohlen in einem Beutel nach Kreuzberg.

Als er zwölf Jahre alt wurde, schickte seine Mutter ihn zu den Falken, der SPD-Jugendorganisation. Dort lernte er die späteren Politiker Harry Ristock und Alfred Gleitze kennen. Sie machten in West-Berlin Karriere. Hampel wurde im Ostteil der Stadt als SPD-Mitglied bespitzelt. Nach der Wende begann er sofort, für die Sozialdemokraten Politik machen. Er wurde Vorsitzender der Bezirksverordnetenfraktion in Pankow. „Endlich konnte ich selbst die Karten legen.“


Eine Kindheit im Krieg, zerrissen zwischen immer neuen Orten, erlebte Marianne Scheins.

Marianne Scheins zog während des Krieges mehrfach um.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Warum konntest du nicht auch ohne Elend und Leid groß werden? Diese Frage stellt sich Marianne Scheins manchmal, wenn sie Biografien liest. Als zweites von vier Kindern in Kreuzberg geboren, wurde sie 1942 mit dem älteren Bruder Wolfgang nach Ostpreußen geschickt. Erst fünf Jahre war sie alt. Ein Jahr später wurde sie umgesiedelt, diesmal nach Sachsen-Anhalt.

Auf einem Platz im Dörfchen Meuro wartete die Kleine mit Mutter und Geschwistern darauf, von einem Bauern aufgenommen zu werden. „Wir saßen da bis in die Nacht“, weiß sie noch heute. Eine Frau mit vier kleinen Kindern – überflüssig in einer Zeit der Not. Am Ende erbarmte sich ein Bauer und steckte sie in ein Nebenhaus seines Gehöfts. Viel zu essen bekamen sie nicht. „Wir mussten stoppeln“, sagt Scheins: Auf den abgeernteten Feldern durften die Flüchtlinge nach Kartoffeln oder Möhren suchen.

In der Volksschule lernte sie bei einer Gemeindeschwester Lesen und Schreiben. Die Lehrer waren eingezogen. Das Kriegsende kam. Wolfgang, der das Dorf mit seiner Trompete vor Fliegerangriffen gewarnt hatte, musste ein neues Lied spielen. 1947 kehrte die Familie nach Berlin zurück, Marianne und Wolfgang auf dem Dach des Zugs. In der Kreuzberger Obentrautstraße kam die Familie in einer Ruine unter. Jeden Tag ging Marianne mit Kochgeschirr zum Bunker in der Fichtestraße und holte Mittagessen.

„Es war eine entbehrungsreiche Zeit, aber man kannte es ja nicht anders.“ Der Bruder spähte aus, ob die Lastwagen, die zum Anhalter Bahnhof fuhren, Kohlen verlören, oder er suchte in Ruinen nach Bleirohren und Wasserhähnen. „Ich musste dabei Schmiere stehen“, sagt Scheins. Als Wolfgang und sie eines Tags nach Hause kamen, war der Seitenflügel an ihrem Haus eingekracht. „Dort wohnte ein Maler mit seiner Tochter. Sie hatten Besuch. Alle drei waren tot“, erinnert sie sich. Voller Angst lebte die Familie neben den Trümmern.

Nachdem die Mutter sich registrieren konnte, erhielt sie 135 Mark Rente. Sie nähte die Kleidung für alle mit der Hand. Als Marianne zur Schule kam, lachten zwei Mädchen sie aus: „Wie sieht die denn aus?“ Marianne biss die Zähne zusammen. Sie wollte Kindermädchen werden und machte stattdessen eine Lehre als Einzelhandelskauffrau, weil es sich so ergab. Dann suchte sie sich eine Arbeit im Hotel Kempinski am Kurfürstendamm, anschließend im Hilton in der Budapester Straße. Die Nachkriegszeit endete für sie 1960: Ein reiches Ehepaar nahm die junge Frau als Kindermädchen mit nach Amerika.


Als Schwesternhelferin erlebt Brigitte Kißner das Kriegsende im Westend-Krankenhaus.

Brigitte Kißner und Schwiegertochter Anita, die die Geschichte ihre "Oma Kißner" übermittelt hat. Brigitte Kißner ist 2016 verstorben.
Foto: Privat

Eigentlich wollte Brigitte Jahn, die spätere Weißenseer Ärztin Brigitte Kißner, Malerin werden. Doch als sie im Winter 1943 Soldaten mit schweren Verletzungen und Erfrierungen trifft, entscheidet sie sich, Medizin zu studieren. „Ich dachte, in diesen Zeiten könnte ich nicht anders“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Damals ist sie gerade 20 Jahre alt und gerät als Studentin an die Orte, wo der Krieg sein wahres Gesicht zeigt: in Krankensälen mit Verwundeten und Katakomben, wo Patienten und medizinisches Personal in Bombennächten zittern.

1944 muss sie das Studium lassen und als Schwesternhelferin arbeiten. Auf der Infektionsabteilung im Luftwaffenlazarett Reinickendorf pinselt sie Diphterie-Kranken die Hälse. Dann wird sie nach Nauen geschickt. Zwei Kinder sind mit im Transporter. Der Wagen kommt unter Beschuss, die Insassen flüchten zu einem Schlauchboot am Ufer der Spree. Die Kinder weinen verzweifelt. „Kurz entschlossen hab ich meine Tasche stehen lassen und die Kinder, drei und fünf Jahre alt, an die Hand genommen.“ Auf der anderen Seite des Flusses läuft die Gruppe zum nahen Reserve-Lazarett 101, den heutigen DRK Kliniken Westend. An der Aufnahme tauchen wie durch ein Wunder die Eltern der Kinder auf.

Das Kriegsende rückt näher, die sowjetische Armee hat Berlin fast umzingelt. Geschützdonner ist ständig zu hören. „Man hatte schon Angst, war aber auch abgelenkt und kam ja ohnehin nicht aus der Situation raus“, schreibt sie. In den Kellern liegen die Schwerverwundeten. Die Schwestern bewegen sich mit einer Kerze in der Hand von Ort zu Ort. Eine Kranke bettelt sie an, ihr die Kerze zu geben. Sie habe Angst, im Dunkeln zu sterben. Jahn kann nicht, doch als sie die Frau später tot findet, trifft es sie schwer. „Ich werde das nie vergessen.“

Sowjetische Soldaten besetzen das Krankenhaus. Das Personal arbeitet weiter. Dann der Befehl an die Mitarbeiter, sich im Hof aufzustellen. Eine Schwesternkollegin bittet die junge Frau, ihr die geliehene Schürze zurückzugeben. Als Kißner diese holt, werden die anderen abtransportiert. Sie bleibt zurück.

Dann kommt der Tag der Kapitulation. „Am 7. und 8. Mai schossen die russischen Soldaten tagsüber alle Leuchtmunition in die Luft wie Feuerwerk“, erinnert sie sich. Auf dem Siemensgelände fahren sie auf einer Werklokomotive hin und her und tuten. Kißner schafft es erst viel später, zu ihren Eltern nach Weißensee zurückzukehren. Nach dem Krieg folgen Jahre des Hungers und harter körperlicher Arbeit. Ab 1947 studiert sie Medizin. 2016 stirbt sie im Alter von 93 Jahren.  (Die Erinnerungen hat die Familie der Berliner Zeitung zur Verfügung gestellt. Anm. d. Red.)