„Wir Berliner werden sehr bemitleidet wegen unserer räumlichen Situation“

Volker Heller, der Chef der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, über das Netzwerk der Wärme, den stockenden Neubau und einen Ausflug nach Oslo.

Volker Heller, Generaldirektor der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, im Lesesaal der Berliner Stadtbibliothek in Mitte
Volker Heller, Generaldirektor der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, im Lesesaal der Berliner Stadtbibliothek in MitteBenjamin Pritzkuleit

Nach dem zu milden Oktober fegt kalter Regen durch Berlin, genau an dem Tag, da im Roten Rathaus eine Charta der Wärme unterzeichnet wird. Zu den daran beteiligten Institutionen gehört auch die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB). Wir treffen uns mit deren Generaldirektor und Bundesvorsitzenden des Deutschen Bibliotheksverbands Volker Heller – nicht nur, um über die Wärme zu sprechen. Er erwartet uns im Gebäude der Berliner Stadtbibliothek an der Breiten Straße in Mitte.

Berliner Zeitung: Herr Heller, haben Sie Angst vor dem Winter?

Volker Heller: Der Winter wird eine Herausforderung für viele Berlinerinnen und für Einrichtungen wie unsere sicher auch. Aber ich habe keine Angst davor, weil wir uns gut dafür wappnen. Das Netzwerk der Wärme zeigt, dass wir in Berlin solidarisch mit den Menschen sind, die von der Krise besonders betroffen sind. Dass wir uns zusammentun, gibt mir sogar Grund zum Optimismus.

Muss man damit rechnen, dass Leute kommen, die nie zuvor eine Bibliothek betreten haben?

Wir freuen uns über jede Besucherin. Und wenn sie noch nie bei uns war, ist sie erst recht willkommen. Vielleicht kommt sie dann öfter. Bibliotheken sind ohnehin sehr stark besuchte Einrichtungen. Wir haben im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins vor Corona neuneinhalb Millionen Besuche pro Jahr gehabt, allein zur ZLB kamen 1,5 Millionen. Zum Vergleich: Die Bürgerämter haben etwa 2,7 Millionen Besuche. Insofern starten wir Bibliotheken aus einer guten Ausgangsposition in dieses Netzwerk: Weil wir es gewohnt sind, dass Menschen sich bei uns sicher fühlen, sich Anregungen holen – und auch einfach Erholung, die ist wichtig in schweren Zeiten. Dafür werden wir die Öffnungszeiten ausweiten.

Viele Branchen klagen über Personalmangel. Haben Sie genug Leute, um darauf eingestellt zu sein?

In der Bibliotheksentwicklungsplanung des Senats ist der Personalbedarf für unsere Infrastruktur sehr deutlich beschrieben. Um Öffnungszeiten zu erweitern, braucht es zusätzliche Ressourcen. Wobei es schon so ist, dass viele Menschen gerne in einer Bibliothek arbeiten würden, weil diese Arbeit großen Sinn macht in unserer Gesellschaft. Mir geht das genauso.

Der Eingang zum Gebäude in der Breiten Straße
Der Eingang zum Gebäude in der Breiten StraßeBenjamin Pritzkuleit

Obwohl Sie aus einem ganz anderen Bereich kommen. Sie sind ja Komponist, haben Saxofon und Querflöte gespielt. Kann man Ihr Leben als Musiker vergleichen mit der Arbeit an der Spitze der Bibliotheken?

Es gibt große Analogien zwischen dem Musizieren, vor allem als Ensemble-Leader, und dem Management. Beides braucht Struktur und Freiräume. Was herauskommt, muss denen gefallen, die es tun, und denen, die davon betroffen sind – die es hören oder die mit dem Service umgehen. Es sollte für die Musiker wie die Mitarbeiter immer ein bisschen herausfordernd sein, aber auch bewältigbar. Die Gemeinschaftsleistung ist beim Musizieren genauso wie im Bibliotheksbetrieb wesentlich für den Erfolg. Und ich muss meine Tätigkeit als sinnvoll und erfüllend empfinden, um sie mit Leidenschaft auszuüben. Wenn ich an einem Sonntag durch die AGB, die Amerika-Gedenkbibliothek, gehe, wo die Atmosphäre besonders entspannt ist, und merke, wie sehr die Leute unsere Bibliothek brauchen und lieben, dann denke ich, ich habe den schönsten Job der Welt. Das erlebt man ähnlich als Musiker auf dem Podium.

Sie haben die Besucherzahlen vor Corona erwähnt. Wie hat die Pandemie die Bibliotheksarbeit verändert?

Wie überall hat sie die Digitalisierung vorangetrieben. Was den physischen Ort angeht, war die Pandemie ein Rückschlag. Wir waren 2019 gerade zur „Bibliothek des Jahres“ gewählt worden, hatten permanent steigende Besucherzahlen. Und dann kamen auf einmal dieser Bruch und starke Reglementierungen. Wir hatten zwar wenig Schließungen, aber die Aufenthaltsqualität war massiv eingeschränkt, personalisierte Anmeldungen nötig, die Mitarbeiterinnen hatten da Enormes zu leisten. Unsere Programmarbeit konnten wir nicht durchführen und all das, wofür wir mit unserer sozialen Bibliotheksarbeit stehen.

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Benjamin Pritzkuleit
Zur Person
Volker Heller, Jahrgang 1958, studierte Musik, Politologie und Kulturmanagement. In den 80er- und 90er-Jahren veröffentlichte er als Musiker (Querflöte, Sopransaxofon, Keyboards) und Komponist mit The Silent Jazz Ensemble und Human Factor mehrere Alben. Er arbeitete in einer Unternehmensberatung für den öffentlichen Sektor, war mehrere Jahre Kulturreferent in Frankfurt (Oder), Geschäftsführer der Kulturmanagement Bremen GmbH und Leiter der Kulturabteilung des Berliner Senats. 2012 übernahm er als Vorstand die Leitung der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, seit diesem Jahr ist er Bundesvorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands.

Haben Corona und der Krieg gegen die Ukraine den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek erst mal gestoppt?

Sie haben es nicht leichter gemacht. Wir sind ja in einem Planungsprozess für den Standort am Blücherplatz. Doch das Verfahren stockt, obwohl uns der Kultursenator Klaus Lederer sehr zur Seite steht. Wir haben nicht überall im Senat die gleiche Unterstützung.

Wo fehlt sie? Ist sich die Politik der Rolle der Bibliothek ausreichend bewusst?

Bewusst ja, ob ausreichend? Da würde ich mir mehr Engagement wünschen. Wir Bibliotheken ziehen viele Menschen aus allen Milieus der Gesellschaft an, doch vor allem die Amerika-Gedenkbibliothek ist völlig übernutzt. Erbaut wurde sie für 500 Menschen am Tag, vor Corona hatten wir am Tag dreieinhalb- bis fünftausend Besucherinnen im Haus. Auch sind unsere Bestände nach wie vor aufgeteilt auf zwei Häuser – extrem unkomfortabel für die Nutzer einer Zentralbibliothek. Es gibt Beschlüsse des Abgeordnetenhauses und des Senats zu Zeitpunkt und Standort für den Neubau. Es hilft nicht, das weiter hinauszuschieben oder erneut die Standortfrage zu stellen.

Sie sagen das ruhig und freundlich, sind aber eigentlich unzufrieden. Stimmt das?

Ja, klar. Seit 2015 arbeiten wir intensiv an dieser Lösung für den Standort an der AGB. Dass Verabredungen nicht realisiert werden, muss mich unzufrieden machen. Der Architekturwettbewerb müsste mindestens vor der Tür stehen, eigentlich schon laufen. Von unserer Seite ist alles dafür fertig.

Der Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel bringt wieder einmal das Flughafengebäude von Tempelhof ins Spiel.

Seltsam, oder? In den Untersuchungen zu Standort und Wirtschaftlichkeit 2015 und 2016 sind erst 14 mögliche Standorte parallel geprüft worden und dann noch einmal vier vertieft verglichen, einer war der Flughafen Tempelhof. Die Gutachten stehen auf der Homepage des Stadtentwicklungssenators. Da liest man alle Argumente, warum der Blücherplatz sich als das mit Abstand beste Gelände herausstellte. Ich finde es schwer erträglich, wenn die bibliotheksfachlichen Anforderungen komplett ignoriert werden. Der Gedanke „Wo ein Buchregal reinpasst, kann ich auch eine Bibliothek machen“ zeugt einfach von großer Ahnungslosigkeit über heutige Funktionen und Aufgaben von öffentlichen Bibliotheken und die damit verbundenen baulichen und räumlichen Anforderungen. Ein Blick über den Tellerrand auf die neuen Bibliotheksbauten in Skandinavien kann da sehr erhellend wirken.

Wie stehen Sie als Berliner Bibliothekschef international da? 

Wir Berliner sind mit unserer Programmarbeit international sehr angesehen und zugleich sehr bemitleidet wegen unserer räumlichen Situation und diesem jahrzehntelangen Prozess für den Neubau ohne Realisierung bislang. International guckt man neugierig nach Deutschland, ob Berlin es jetzt endlich hinbekommt, eine Metropolen-Bibliothek zu bauen, die dieser Stadt gerecht wird. Aktuell organisiert der Berliner Bibliotheksverband eine Exkursion nach Oslo, denn in der Typologie ähnelt die neue Bibliothek dort sehr unserem Konzept. Ich hoffe, dass die Mitreisenden aus Politik und Verwaltung eine konkretere Vorstellung davon erhalten, wie ein zeitgemäßer, großer öffentlicher Bibliotheksbau funktioniert.

Blick in die Handbibliothek des Lesesaals
Blick in die Handbibliothek des LesesaalsBenjamin Pritzkuleit

Sie sprachen die Mischung der Gesellschaft an. Wie sehen Sie, dass sich die veränderte Stadtbevölkerung in der Bibliothek wiederfindet?

Durch die regelmäßigen Befragungen wissen wir, dass wir zum Beispiel in der AGB vierzig Prozent Menschen mit Migrationshintergrund haben. Ich kenne keine andere Kultur- oder Bildungseinrichtung, von der Schule mal abgesehen, die so die Vielfalt der Stadt widerspiegelt. Als 2015/16 viele Menschen aus Syrien kamen, haben wir mit vielen besonderen Angeboten darauf reagiert. Es ist seitdem auch möglich, einen Bibliotheksausweis zu bekommen, wenn man noch keine Meldeadresse hat. 

Was hat sich verändert, seit Sie hier vor zehn Jahren Generaldirektor wurden? Einen Punkt haben Sie selbst angesprochen, als wir uns den Kaffee holten.

Das stimmt, wir haben inzwischen an beiden Standorten eine wunderbare Espresso-Bar. Das war vor zehn Jahren so noch nicht denkbar. „Die Maschine macht doch Krach“, hieß es. Heute möchte sie keiner mehr missen. Die Aufenthaltsqualität in der Bibliothek hat sich sehr verändert, damit auch die Aufenthaltsdauer der Menschen. Vor ein paar Jahren blieben die Besucherinnen durchschnittlich unter eine Stunde. Heute sind es über zwei Stunden.

Wie steht es um die Digitalisierung in den zehn Jahren?

Sie betrifft uns laufend auf zwei Ebenen: in unserer eigenen Arbeitsorganisation und bei unseren Medienangeboten. Wir haben dabei neue Schritte gemacht, die auch in Deutschland wegweisend waren, zum Beispiel mit unserem Streamingkanal Filmfriend. Der wird inzwischen in fast allen deutschen Großstadt-Bibliotheken genutzt. Dazu haben wir natürlich das ganze Angebot an Zeitschriften, E-Books, E-Learning. Wobei wir nach wie vor nicht alle aktuellen E-Books anbieten können, wie wir das gerne tun würden.

Weil die Verlage die Lizenzen erst nach einer bestimmten Frist freigeben wollen, um durch den Verkauf der E-Books selbst noch zu verdienen.

Ja. Der Streit ist noch nicht beigelegt. Aber interessant ist vielleicht auch, wie sich unsere Räume verändern. Die Bibliothek ist nicht mehr nur die Kathedrale der Stille.

Der Espresso, ich weiß.

Nicht nur. Eine Bibliothek ist heute ein sehr lebendiger Ort, wo der Austausch von Wissen nicht nur über Nutzung von Medien passiert, sondern auch zwischen den Menschen. Unsere Besucherinnen gestalten unsere Programmarbeit und die Nutzung der Räumlichkeiten mit. Es gibt Bereiche, die laut und lebendig sind, und andere, wo es leise sein muss.

Wie steht es um politische Entwicklungen? Sind Sie mit Forderungen konfrontiert, dass bestimmte Bücher nicht in die Bibliothek gehören?

Das ist immer wieder ein Thema: Ob die Bibliothek wirklich das ganze Spektrum der veröffentlichten Meinung zur Verfügung stellen soll, selbst dann, wenn sich darunter verschwurbelte Ansichten, Verschwörungstheorien oder Ähnliches befinden. Aber als Bibliotheken zensieren wir keine Medien, es sei denn, der Inhalt ist strafrechtlich relevant. Deshalb vertrauen uns die Menschen, sie werden hier nicht manipuliert. In der Amerika-Gedenkbibliothek ist ein wunderbarer Spruch in die Wand gemeißelt: „Die Gründung beruht auf der unbegrenzten Freiheit des menschlichen Geistes. Denn hier scheuen wir uns nicht, der Wahrheit auf allen Wegen zu folgen und selbst den Irrtum zu dulden, solange Vernunft ihn frei und unbehindert bekämpfen kann.“

Von wem ist der?

Vom einstigen US-Präsidenten Thomas Jefferson. Für diesen Kampf haben wir natürlich auch Werte, für die wir stehen, nämlich die Werte der Aufklärung, der rationalen Vernunft, eines wissenschaftlichen Zugangs. In all unserer Veranstaltungsarbeit, etwa zum Erkennen von Fake News, geht es darum, unsere Leserinnen oder Nutzerinnen in der Fähigkeit zu unterstützen, Irrtum von Wahrheit zu unterscheiden.

Bevor man Irrtum und Wahrheit unterscheidet, muss man lesen können.

Ja, die Lesefähigkeit zu unterstützen, ist nach wie vor eine besonders wichtige Grundfunktion von Bibliotheken, auch angesichts des viel zu hohen Prozentsatzes funktionaler Analphabeten in der Bevölkerung. Das bezieht sich nicht nur aufs Analoge, sondern auch aufs Digitale, weshalb wir auch hier die souveräne Lese- und Schreibfähigkeit besonders unterstützen. Öffentliche Bibliotheken sind einfach in allen Bereichen da und aktiv, wo wir die Teilhabe der Menschen an Kultur, Bildung und gesellschaftlichem Leben unterstützen können.