Am Montagmorgen sitzt Ahmad, 30 Jahre alt, LKW-Fahrer aus der indischen Provinz Gujarat, vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Moabit und wartet. In seiner Hand dreht er einen Plastikbecher mit Kaffee hin und her, zu seinen Füßen steht eine kleine Reisetasche. Vor vier Tagen saß Ahmad schon einmal hier: Endstation einer einen Monat langen Flucht aus seinem Heimatland. Er sei aus politischen Gründen gekommen, sagt er, für größere Erklärungen reicht sein Englisch nicht aus.

Auch deshalb hat er nicht verstanden, warum sie ihn vor vier Tagen wegschickten. Hier, wo Asylsuchende sich registrieren lassen, wo man ihnen dann eine Unterkunft in Berlin vermittelt oder eine Fahrkarte in ein anderes Bundesland gibt, wo sie dann ihren Asylantrag stellen können, konnte Ahmad niemand helfen.

Wegen des zu hohen Ansturms in den vergangenen Monaten und in den ersten Septembertagen hatte die Zentrale Aufnahmestelle vergangenen Donnerstag ihre Türen geschlossen. Es war die Kapitulation einer Behörde, die sich nicht mehr in der Lage sah, die Erstanträge der in Berlin ankommenden Flüchtlinge zu bearbeiten und ihnen ausreichend Plätze in Unterkünften bereitzustellen.

500 neue Wohnplätze

„Wir mussten uns sammeln und reorganisieren“, sagt Sozialsenator Mario Czaja (CDU), dem das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) untersteht, „das wäre im Regelbetrieb nicht gegangen.“ Um acht Uhr am Montag machte die Annahmestelle wieder auf.
Ein Krisenstab hat in den vergangenen Tagen 500 neue Wohnplätze aufgetrieben, in Reinickendorf, Mitte, Lichtenberg, Pankow und Mitte, betrieben vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk, von der Diakonie, der Arbeiterwohlfahrt, der Stadtmission und einer Privatperson. Leerstehende Turnhallen sind darunter und ein ehemaliges Schulgebäude. Die Plätze kommen zu den bereits 9700 bestehenden in Berlin dazu.

In einer dieser Unterkünfte wird nun auch Ahmad unterkommen. Er hatte am Donnerstag zunächst nicht gewusst wohin, hatte ratlos vor der Aufnahmeeinrichtung gesessen wie Hunderte andere, Familien mit Kindern, Schwangere, Jugendliche. Jemand gab Ahmad dann einen Zettel mit der Adresse der Notunterkunft, die die Stadtmission in der Franklinstraße betreibt. Sie ist eigentlich für Obdachlose gedacht. Ahmad kam dort trotzdem unter.

Andere hatten weniger Glück. Seit dem frühen Morgen wartet auch Theresa, 26, aus Nigeria vor der Zentralen Aufnahmestelle. Sie steht ganz vorne an der Absperrkette, die vor dem Eingang gespannt ist und mag ihren Platz nicht verlassen, obwohl sie im siebten Monat schwanger ist, ihre Beine sind geschwollen vom stundenlangen Stehen. Theresa sagt, sie habe Angst, dass sie noch einmal weggeschickt wird.

Vergangene Woche bekam sie hier nur eine Kopie vom Berliner U-Bahnplan, mit einem Kugelschreiber hatte darauf jemand die Station Paulsternstraße eingekreist. Doch als Theresa in der Flüchtlingsunterkunft, die nicht weit von dort liegt, ankam, habe man sie einfach weggeschickt, sagt sie. Die Nächte habe sie dann auf der Straße verbracht.

Der Personalstab wurde fast verdoppelt

Die rund hundert Mitarbeiter des Lageso teilen die Menschen vor der Zentralen Aufnahmeeinrichtung am Montag nach Sprachen in Gruppen ein. In einem großen, weißen Zelt, das vor dem Eingang aufgebaut ist, helfen ihnen dann Dolmetscher dabei, die Registrierungsformulare auszufüllen. Auf Deutsch wird darauf abgefragt, ob sie sich als Asylsuchende melden oder einen Aufenthalt beantragen wollen, ob sie mit Familie oder allein gekommen sind, ob sie Angehörige in Deutschland haben, welchen Weg sie gereist sind, welche Unterlagen sie bei sich führen.

Das Personal, das sich um die Flüchtlinge kümmert, sei fast verdoppelt worden, sagt Czaja. Sie könnten jetzt 300 Erstanträge am Tag bearbeiten, vorher seien nicht mehr als achtzig möglich gewesen. Ein paar Tage könne man dieses Niveau jetzt halten. „Aber auf Dauer ist dieser Zustand nicht haltbar“, sagt Czaja. „Wir brauchen dringend Unterstützung vom Bund.“

Viele Bundesländer sind überfordert

Acht Monate dauere es derzeit, einen Asylantrag zu bearbeiten. Für diese Zeit bleiben die Menschen dann erst einmal und müssen untergebracht werden, auch wenn ihnen später kein Asyl gewährt wird. Sie werden nach einem Schlüssel bundesweit verteilt. Doch in anderen Bundesländern sieht es derzeit ähnlich aus wie Berlin.

Ende August bereits hat Czaja zusammen mit seinen Kollegen aus Hamburg und Bremen einen Offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben und auf die Probleme bei der Unterbringung der Flüchtlinge hingewiesen. Es konnte in den vergangenen Tagen der Eindruck entstehen, die Schließung der Zentralen Aufnahmestelle sei eine Art politischer Hilferuf gewesen, Flüchtlingsvertreter sprachen gar von einer Inszenierung. Czaja weist diesen Vorwurf von sich: „Die Entscheidung, die Einrichtung zu schließen, war allein dem Ernst der Lage geschuldet“, sagt er.

Der Krisenstab sucht jetzt deutschlandweit und im Ausland nach Anbietern von Containerunterkünften. Die sollen bis November in ganz Berlin aufgebaut werden, ausgenommen sind die Bezirke Lichtenberg, Spandau und Mitte, die bereits besonders viele Flüchtlinge aufgenommen haben.

Vor der Aufnahmestelle verteilt die Stadtmission am Montag Luftballons und Malstifte an die Kinder. Die Menschen sitzen in kleinen Gruppen auf der Wiese in der Sonne, man könnte fast vergessen, warum sie hier sind. Als Ahmad aus Gujarat um halb elf dran ist, geht es ganz schnell. Der Dolmetscher füllt den Bogen aus, Ahmad bekommt noch eine Wartenummer. Am Ende des Tages wird er irgendwo unterkommen, das zumindest hat Czaja versprochen.