Berlin - Im Westen der Stadt, nicht weit vom Funkturm, gibt es einen Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Einen Ort, an dem vieles so anmutet, als seien die 60er- und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch nicht vorbei. In einer Wartehalle stehen Sitze aus orangerotem Kunststoff in fest verschraubten Reihen. Altertümliche Rippen-Heizkörper spenden Wärme. Das ist gut so, denn zwischen den Stahlpavillons weht nicht selten ein scharfer Wind. Vor der Toilettenanlage, von der ein Teil wegen mutwilliger Beschädigung geschlossen ist, können aber selbst starke Böen den Uringeruch nicht wegtragen. Herzlich willkommen auf dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) Berlin!

Jürgen Brüning schaut sich um. "Hier sieht alles schon ziemlich angegraut aus", sagt der 70 Jahre alte Rentner aus Marzahn. Mit knapp 30 anderen Fahrgästen wartet er an der sparsam beleuchteten Haltebucht vor der Halle auf den 8.15-Uhr-Bus nach München. Laut Fahrplan wird die Reise achteinhalb Stunden dauern. "Bei Stau können es auch schon mal neun Stunden sein", sagt Brüning, der die Strecke öfter fährt. Der Zug sei zwar schneller, aber der Bus meist billiger: "Für mein Seniorenticket habe ich nur 43 Euro gezahlt."

Mit der Leistung, die er dafür geboten bekommt, ist Brüning zufrieden. Der weiß-rot lackierte Doppelstockbus von Bayern Express (BEX) riecht fabrikneu. Er ist klimatisiert, hat eine Toilette. Drinnen gibt es Getränke zu kaufen. Der Fahrer hilft den Fahrgästen auch dabei, das Gepäck zu verladen. "Im Sommer sind in den Bussen kaum noch Plätze frei", erzählt Brüning. Dann steigt er ein. Pünktlich fährt der Bus ab, zur Autobahn, die am ZOB vorbeiführt.

Ein ungemütlicher Ort

Auch wenn es kaum einen ungemütlicheren Ort gibt, um in Berlin anzukommen oder abzureisen: Der ZOB wird immer stärker frequentiert, er ist bereits zu 85 Prozent ausgelastet. In diesem Jahr wird sich die Zahl der Busse auf mehr als 64.000 summieren. Das berichtet die Internationale Omnibusbahnhof-Betreibergesellschaft (IOB), die als Firma der Berliner Verkehrsbetriebe die landeseigene Anlage managt. "Wir gehen von zwei Millionen Fahrgästen pro Jahr aus", sagt Sprecherin Petra Reetz. Vor 15 Jahren hatte es nur 42.000 Nutzungen gegeben.

Schon jetzt ist das Angebot an Fahrtzielen breiter und internationaler als am Hauptbahnhof. Die Bahn hat viele Direktverbindungen weggespart und konzentriert sich auf innerdeutsche Rennstrecken. Dagegen kommt im ZOB am Messedamm eine ziemlich bunte Mischung von Fahrgästen zusammen.

Da sind die Rentner, die es schon seit West-Berliner Zeiten schätzen, dass sie von hier ohne Umsteigen und zusätzliches Kofferschleppen in ihre Kurorte und Urlaubsgebiete gelangen. Egal, ob nach Bad Steben, Timmendorfer Strand, Hahnenklee im Harz oder Zwiesel: Busse bringen sie hin. Kostenbewusste reisen vom ZOB zum Neun-Euro-Spartarif nach Hamburg, Hannover oder Dresden.

Mehr Ziele, neue Anbieter ab 2013

Ein paar Bussteige weiter warten Ost- und Südosteuropäer. Ihre Busse treffen meist schon gut gefüllt mit müden Fahrgästen ein, unterwegs zwischen Rumänien, Serbien, Mazedonien und der Arbeitsstelle irgendwo in Westeuropa. Am ZOB steigen sie aus, strecken die Glieder, rauchen. Nebenan stehen junge Reisende. Sie fahren mit Rucksäcken preiswert ins Ausland: für 22 Euro nach Kopenhagen, für 39 Euro nach Stockholm, für 44 Euro nach London, für 84 Euro nach Riga. Auch diese Relationen hat die Bahn längst der Konkurrenz überlassen.

Die Liberalisierung des Fernbusverkehrs wird im nächsten Jahr auch dem ZOB Berlin noch mehr Verkehr bescheren. Eines der größten Busunternehmen Europas hat dort viel vor. "Wir planen, Berlin mit den beliebtesten Großstädten in ganz Deutschland zu verknüpfen", sagt Roderick Donker van Heel, Geschäftsführer von National Express Germany. Sein Unternehmen verfolge das Ziel, "das größte Netzwerk nationaler Fernbuslinien anzubieten und die wichtigsten Städte Deutschlands miteinander zu verbinden". Anfang 2013 will der Newcomer am Busbahnhof loslegen.

Andere Busbetreiber gehen noch nicht aus der Deckung. Doch die Experten vom Verband Paneuropäischer Reisebusbahnhöfe erwarten, dass sich das bald ändert. "Neu am ZOB werden zunächst mittelständische Unternehmen sein", sagt der Beiratsvorsitzende Andris Mamis. "Mein Fernbus" fährt bereits seit Mittwoch über Suhl nach Freiburg.

2013 könnte es weitere neue Deutschlandrouten geben: "Lukrativ werden die Verbindungen nach Rostock, Würzburg, Halle/Leipzig und Dresden sein." Nach Thüringen werde es ebenfalls mehr Busse geben. Auch große Unternehmen wollen Berlin öfter anfahren – die Deutsche Touring zum Beispiel. Veolia beobachtet den Markt genau. Buslinien aus Polen, die heute noch in Slubice an der Oder enden, könnten hierher verlängert werden. Unternehmen wie Eurolines und Lux Express, die Deutschland bisher nur durchqueren, wollen hier auch Fahrgäste aufnehmen. So viel steht fest: Der ZOB wird für Berlin immer wichtiger, sagt Andris Mamis.

Kein zweiter Standort geplant

Schade nur, dass sich das nicht in der Verkehrspolitik widerspiegelt. Seit 2001 wird darüber gesprochen, den 1966 eröffneten ZOB zu modernisieren. Doch die Möglichkeit, aus den Konjunkturpaketen Geld zu besorgen, wurde verpasst – wie auch die Chance, die Anlage von einem Investor neu errichten zu lassen. Nun endlich verheißt Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD): "Der Busbahnhof wird ertüchtigt."

Bisher sah die Finanzplanung des Senats 800.000 Euro vor, die 2014 und 2015 fließen sollten. Jetzt heißt es, dass schon 2013 gebaut wird, und offenbar soll es auch mehr Geld geben: 1,5 Millionen Euro. "Wir wollen den ZOB erneuern und die Kapazität erhöhen", sagt Müllers Sprecherin Petra Rohland. Der Senat erwartet, dass sich das Verkehrsaufkommen am ZOB bis 2025 verdoppelt – dementsprechend soll sich die Kapazität des ZOB langfristig verdoppeln. Pläne, einen zweiten Standort zu entwickeln (etwa auf dem Tempelhofer Feld), werden erst einmal nicht weiter verfolgt, hieß es.

Nach Informationen der Berliner Zeitung sollen Grünflächen sowie Parkflächen für Busse und Mietwagen in Haltestellenbereiche umgewandelt werden. "Doch am ZOB sind größere Investitionen notwendig, um mithalten zu können", entgegnet Mamis. Wie es in Köln, Hannover, Kiel, Hamburg, München und anderen Städten geschehen ist. Der ZOB Berlin werde auch künftig "nicht hauptstadtgerecht" sein, befürchtet der einstige BVG-Manager. Die orangeroten Sitzbänke in der Halle werden wohl erst mal bleiben.