101 Jahre nach der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht – das stille Gedenken gilt als weltweit größte politische Kundgebung auf einem Friedhof.
Foto: Florian Boillot

Berlin - Es ist merklich kalt an diesem Sonntagmorgen, nur knapp über null Grad, aber die Sonne strahlt an einem klaren Himmel, und die Blumen liegen bereit. Rote Nelken. Natürlich. Auf dem Bürgersteig stehen zwei kleine Tische voller Eimer mit roten Nelken. Es sind etwa 300 Stück, die Conny verkaufen will. Die 49-Jährige betreibt einen von vier Ständen ihrer Familie, die einen Blumenladen in der Gegend hat.

Jeden zweiten Januarsonntag sind sie Straßenhändler. Denn dann ist Luxemburg-Liebknecht-Demo, mit der das politische Spektrum vor allem links der SPD an die Ermordung der Gründer der Kommunistischen Partei am 15. Januar 1919 erinnert. Die Fans sagen liebevoll: Wir gehen wieder zu Karl und Rosa. Die Gegner sagen: Da demonstrieren die Ewiggestrigen.

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Conny hat 30 Euro Gebühr ans Bezirksamt Lichtenberg bezahlt, um die Blumen verkaufen zu dürfen. Die Erlaubnis hängt am Tisch. „Die Vietnamesen versuchen es meist ohne Erlaubnis.“ Sie erzählt, dass gerade Egon Krenz wie immer seine Nelken bei ihr gekauft hat, dass die Leute meist fernab des großen Demozuges zu ihr kommen und später still ihre Blumen ablegen. Auch sie wird nachher mit ein paar Blumen an die Gräber gehen. „An diesem Tag kommt die Familie zusammen“, sagt sie und lacht. „Erst helfen alle beim Verkauf, dann ist Familientreffen.“

Schwarz und Rot: Dieser Teil der Demo wirkt recht martialisch. 
Foto: Florian Boillot

Die Leute sind diesmal wirklich gut gelaunt. Das liegt auch am Wetter. Im Vorjahr – zum 100. Tag der Ermordung – regnete es. Die Polizisten mit den schusssicheren Westen wirken etwas deplatziert, angesichts der vielen Rentner, die sie beschützen. Vor allem Leute mit weißen Haar gedenken hier der ermordeten Kommunisten. Leute mit Rollator sind unterwegs, aber auch überraschend viele Leute mit Kinderwagen – Männer, Mitte 30 mit Hipsterbart, auf deren Kinderwagen rote Nelken liegen.

Überall Parteikürzel und Fahnen, die meist rot sind

Ein älterer Herr mit unverkennbarem Nürnberger Dialekt verkauft die „UZ“, die Zeitung der DKP und erzählt, dass 30 Leute aus Bayern mit dem Zug gekommen sind. Drei Meter weiter kauft ein älterer Berliner eine „Rote Fahne“ und sagt zu der jungen Zeitungsverkäuferin: „Man darf nicht nur passiv lesen, man muss auch aktiv etwas machen.“ Die Leute diskutieren, Sätze fliegen umher: „Die DKP hat längst aufgegeben“, sagt eine junge Frau. „Die will keine Revolution mehr.“ Ein Mann ein Stück weiter sagt: „Die Russen sind schuld. Egal, woran. Heute sind wieder die Russen Schuld. An allem.“

Überall flattern Fahnen, die meist rot sind. Mal mit Hammer und Sichel, mal ohne. Dazu Parteikürzel aller Art: DKP, MLPD, SPD, MLKP-KKÖ, TKEP/L. Auffällig ist das riesige blaue Transparent der FDJ, unter dem die   Leute rufen: „Wiedervereinigung gab es nie. Annexion bedeutet Krieg.“ Die Feindbilder sind klar.

„In der DDR hat die SED-Führung die Leute an sich vorbeidefilieren lassen, heute sind wir es selbst, die an die Gräber gehen.“ 

Klaus Lederer, Politiker der Linkspartei und Kultursenator in Berlin

Vor Beginn der Demo legt die Führung der Linkspartei wie immer Blumen und Kränze nieder. Auch Klaus Lederer ist dabei, der Berliner Kultursenator. Er geht auch zum Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus. Er sagt, dass das Gedenken an diesem Tag für ihn wichtig sei, auch weil Rosa Luxemburg in ihren Schriften schon früh vorausgesagt hat, dass die ganze Sache in eine Diktatur führen könne.

Für ihn gebe es einen entscheidenden Unterschied zu früher. „In der DDR hat die SED-Führung die Leute an sich vorbeidefilieren lassen, heute sind wir es selbst, die an die Gräber gehen.“ Ein Mann fragt ihn: „Warum drehen Sie Ihr Ritual nicht einfach mal um und gehen zuerst zum Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus und dann zu den Gräbern?“ Lederer sagt, dass auch Luxemburg und Liebknecht Opfer waren und dass man Opfer nicht gegeneinander aufrechnen sollte.

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Der Fragesteller ist Karl Schulze, 47 Jahre alt, im kaufmännischen Bereich tätig und zum allersten Mal hier. „Die Frage ist mir spontan gekommen“, sagt er. Man gehe doch auch erst an die Gräber der NS-Opfer und nicht an die der Soldaten. „Ich interessiere mich für Geschichte, war zu DDR-Zeiten nie dabei und habe es 30 Jahre nicht geschafft.“ Es sei heute eine Art Geschichtstag. „Anschließend gehe ich in die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen.“

Akki steht am Gedenkstein für die Stalinismus-Opfer und erzählt, dass er den Stein am Mittwoch extra mit einer Bürste geschubbt hat. „Ich habe vorgeschlagen, dass wir heute den Stein für die Linken blockieren“, sagt der 60-Jährige. „Ich wollte denen zeigen: Uns Opfer gibt es auch noch. Aber ich habe keine Mehrheit gefunden.“ Akki sagt, dass er ab November 1979 einige Monate in der U-Haft der Stasi saß. „Ich habe Flugblätter verteilt – für das Menschenrecht Nr.1: die Meinungsfreiheit.“

Dieser Stein für die Opfer des Stalinismus wurde 2006 aufgestellt. 
Foto: Florian Boillot

An den Gräbern verteilen die Leute ihre Nelken nach persönlicher Vorliebe. Liebknecht und Luxemburg bekommen die meisten. Kerstin steckt eine Nelke ans Grab von Emma Ihrer. „Eine Vorkämpferin für die Gleichberechtigung“, sagt die 55-Jährige. „Meine Blumen sind nur für Frauen. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. Die Männer werden von den anderen genügend geehrt.“

Hochpolitisch und gleichzeitig Familientradition

Nun kommt die Demo an. Sie versammelt viele der linken bis linksextremen Gruppen des an Einzelströmungen nicht armen linken Spektrums. Überall verkaufen die Leute die Zeitungen ihrer Splitterorganisation. Jüngere Leute in schwarzer Kleidung dominieren die Demo. Einer trägt eine DDR-Flagge, daneben einer die gelb-rot-lila-gestreifte Fahne der Internationalen Brigaden aus dem Spanischen Bürgerkrieg, zwei Meter entfernt die schwarze Antifa-Fahne und ein Plakat: „Anarchisten für Kommunismus.“

Das Ganze ist eine hochpolitische Angelegenheit, aber für viele zudem eine Familientradition. So wie für Andreas. Er ist 55, schiebt einen Kinderwagen. Das Kind quengelt ein wenig und er nimmt es hoch. „Unser jüngster Teilnehmer ist 1,5 Jahre alt. Er hat keinerlei politische Ambitionen, er riecht nur die Bratwürste hier.“ Der älteste Teilnehmer der Familie sei 82. „Die Familientradition hat bei uns einen politischen Hintergrund: Meine Großeltern waren im Widerstand gegen die Nazis, saßen im KZ und sind auf diesem Friedhof beerdigt.“ Der Urgroßvater schiebt nun den Kinderwagen, der Großvater trägt den Enkel, und die Mutter lässt das Kind in die Wurst beißen.