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Die Wände sind voller Graffiti, viele Scheiben eingeworfen, Scherben von Bierflaschen liegen herum. Dieser Ort war jahrelang ein beliebter Treffpunkt von Jugendlichen, die überall ihre Spuren hinterlassen haben. Dieser Ort am Rande der Cottbuser Innenstadt war davor lange Zeit eines der größten Gefängnisse der DDR und dann dem Verfall preisgegeben.

Es ist brütend heiß an diesem Vormittag: fast 30 Grad. Ein paar junge Leute stoßen mit langen Stangen das Dach über der Eingangstür herunter. Dicke Staubwolken vernebeln die Luft. Das Atmen fällt schwer. Die Jugendlichen sind keine Vandalen – die zwölf sind freiwillige Helfer, die sich für zwei Wochen im ehemaligen Zuchthaus engagieren: in den Ferien, im Urlaub, im Rahmen eines Praktikums.

Was hinter den Türen geschah

Inge Vermeylen arbeitet normalerweise in Antwerpen in der Verwaltung einer Werft. 20 Tage Jahresurlaub hat die 22-jährige Belgierin. 18 davon verbringt sie in diesem Jahr in dem Freiwilligen-Camp. „Ich wollte gerne hier nach Cottbus, weil man zwar viel über die deutsche Geschichte lernt, aber nicht wirklich weiß, wie es hinter den Türen tatsächlich zuging“, sagt sie.

Es ist eine ungewöhnliche Sommerbeschäftigung. Während sich Freunde und Kommilitonen am See aalen, arbeiten die Russen, Belgier, Deutschen und Aserbaidschaner freiwillig in der prallen Sonne in einem ehemaligen Knast, der wegen seiner Ziegelfassade „Rote Hölle“ genannt wurde und der mehr als zwei Diktaturen erlebt hat.

Das Gefängnis diente in der Nazi-Zeit ab 1939 als Frauenzuchthaus. In der DDR wurde es zu einem der größten Gefängnisse für politische Gegner. Bis 1990 saßen etwa 25000 Gefangene ein – meist,wegen Fluchtversuchen oder weil sie Ausreiseanträge gestellt hatten. Es waren Menschen, die dem Regime ein Dorn im Auge waren: Dissidenten, Unangepasste, Künstler.

28 Männer zusammengepfercht

Es ist das Gefängnis, aus dem der Westen die meisten Häftlinge freikaufte. Obwohl es nur 600 Haftplätze gab, saßen bis zu 1400 Häftlinge ein: In manchen der engen Zellen mit den vierstöckigen Etagenbetten waren 28 Männer zusammengepfercht.

Im vergangenen Jahr kaufte der Verein Menschenrechtszentrum Cottbus einem Investor 22.000 Quadratmeter des Areals für 430.000 Euro ab. Drei Viertel des Preises stemmte der Verein selbst, der Rest kam vom Bund. Der Verein besitzt nun drei Hafthäuser, drei Wachtürme, 500 Meter Mauer, das Torhaus und zwei Produktionsstätten. Nun bauen die Mitglieder den alten Knast zu einer Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsstätte um: Sie wollen Ausstellungen organisieren, Zeitzeugen einladen, Konzerte veranstalten, aufklären. Das Besondere: 90 Prozent der 136 Mitglieder sind Ex-Häftlinge.

In Brötchen versteckte Kugelschreiberminen

So wie Siegmar Faust. Wegen staatsfeindlicher Hetze saß er von 1974 bis 1976 in Cottbus in Haft. Als er dort seine handgeschriebene, systemkritische Zeitung „Armes Deutschland“ in Umlauf brachte, wurde er 401 Tage in eine doppelt vergitterte, feuchte Einzelzelle im Keller gesperrt – den sogenannten Tigerkäfig. „Doch ich schrieb immer weiter, den Schlägen und Strafen zum Trotz“, sagt das heutige Vorstandsmitglied des Vereins. „Ich hatte so viel Zorn in mir, die konnten mich nicht brechen."

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Mithäftlinge unterstützten ihn, schmuggelten in Brötchen versteckte Kugelschreiberminen in seine Zelle oder wickelten Butter in die Bettwäsche. Sie wollten, dass er mehr bekommt als nur die drei Scheiben Brot am Tag. „Hunger und Kälte, das war das Synonym für Cottbus“, sagt er.

Lange setzte sich der 67-Jährige mit seiner Vergangenheit auseinander, schrieb das Buch „Ich will hier raus“. Inzwischen hat er seinen Frieden mit diesem Ort geschlossen, macht Führungen und erzählt Jugendlichen seine Geschichte. Siegmar Faust zieht einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche heraus und steckt einen Schlüssel in das Schloss einer schweren Kellertür. „Ich finde das hier alles inzwischen fast romantisch“, sagt er, „aber heute besitze ich ja auch die Schlüssel zu den Türen.“

Tagsüber arbeiten, abends Party

Noch gibt es für den Verein viel zu tun: Noch sind nicht alle Schmierereien übertüncht, nicht aller Schutt weggeräumt. Das Grün wuchert zwischen mausgrauen Betonplatten. Es ist ein Langzeitprojekt, das auf Spenden, Ehrenamtler oder die helfenden Hände vom Internationalen Bauorden angewiesen ist. Der gemeinnützige Bauorden vermittelt vor allem Jugendliche für Hilfsprojekte. So kamen nun auch die zwölf Helfer nach Cottbus.

„Wir haben immer wieder Gruppen wie die Christlichen Pfadfinder, die junge Gemeinde Cottbus, Schüler oder Architekturstudenten hier“, sagt Sylvia Wähling, Leiterin des Vereins. „Diese Gedenkstätte soll eine Gedenkstätte der anderen Art werden, jedes Gebäude eine besondere Funktion bekommen.“ Kunst, Kultur, Theater, Ausstellung, Aufklärung – all das soll im ehemaligen Zuchthaus eine Einheit bilden.

Ort des Schreckens

Und dieses Ziel scheint zu überzeugen. „Es ist beeindruckend, dass ehemalige Häftlinge das Grundstück gekauft haben und an den Ort des Schreckens zurückkehren, wo sie so viel Leid erfuhren“, sagt Lars Lotter aus dem sächsischen Meißen, der schon zum zweiten Mal seine Ferien hier verbringt. Tagsüber entsorgt der Schüler Müll, entrümpelt, bringt Wände zum Einstürzen oder entfernt Wasserrohre. Abends aber ist Party angesagt. „Man lernt hier so viele Menschen aus anderen Nationen kennen, man diskutiert und es entstehen Freundschaften“, sagt der 18-Jährige.

Zum Beispiel mit Farid Rajabov. Der Aserbaidschaner ist Historiker, arbeitete auch auf jüdischen Friedhöfen. „Ich bin hier, weil ich mehr über die Geschichte lernen und mein Deutsch verbessern möchte“, sagt der 24-Jährige. Schon sein Großvater habe in einem Gefängnis in Aserbaidschan gearbeitet. Auch deshalb interessiere ihn das ehemalige Zuchthaus. Ein Zuchthaus, das sich durch den Verein und die Arbeit der Jugendlichen komplett verändert: Der Ort steht nun nicht mehr für Gitter und Grenzen, sondern für Transparenz und Offenheit.